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Angelina Jolie: Zu viel ist nie genug

Sexsymbol mit Helfersyndrom. Verletzliche Beauty mit Messertick. Angelina Jolie ist Hollywoods Königin der Extreme. Und neuerdings die vermutlich beste Mutti der Welt.

Wahrscheinlich hätten sie Angelina Jolie im Mittelalter als Hexe verbrannt. Viel zu gefährlich für die öffentliche Ordnung, diese Frau, viel zu aufsässig und wild und unberechenbar. Man sieht ihr die Lust am Verbotenen an, die schiere Freude daran, immer das Gegenteil von dem zu tun, was die Welt für richtig und anständig hält.

Statt auf dem Scheiterhaufen landet eine wie Angelina Jolie inzwischen auf der Leinwand - auch ein Fortschritt unserer Zivilisation. Dieses Zuviel an Lebensgier, das sie ausstrahlt, verwandelt sich vor der Kamera in eine Aura, wie sie nur richtig große Filmstars besitzen. Im Dunkel des Kinosaals wollen wir Angelina Jolie dabei zusehen, wie sie sich mit trotzig aufgeworfenen Lippen in all jene Extreme stürzt, für die wir selbst zu feige sind; wollen wir ihren Mut, ihre Kraft und ihren Sex-Appeal anhimmeln und uns heimlich auch ein bisschen freuen, wenn sie scheitert.

Die Frau, die die Welt retten kann

Es ist genau dieses Zuviel, das Jolie zur perfekten Besetzung der Schatzjägerin Lara Croft macht, die sie jetzt in "Tomb Raider - Wiege des Lebens" zum zweiten Mal spielt: Welcher anderen amerikanischen Schauspielerin unter dreißig würde man abnehmen, dass sie die Welt retten kann? Klar, 'Tomb Raider' - der Film läuft am 14. August in den deutschen Kinos an - ist ein Sommerkracher, der 120 Minuten lang mit so viel Spektakel über die Leinwand fegt, wie es ein Budget von gut 100 Millionen Dollar eben hergibt - Stunts, Spezialeffekte und ein Hauch Archäologie addieren sich zu einem Film, der nur gedreht wurde, weil sein Vorgänger, die erste Lara-Croft-Verfilmung von 2001, zur Überraschung selbst seiner Produzenten 275 Millionen Dollar einspielte. Dieser Erfolg macht Angelina Jolie nun zum ersten weiblichen Star in der Geschichte Hollywoods, der seine eigene Actionfilm-Reihe hat. "Darüber habe ich nie nachgedacht", sagt die Schauspielerin und schiebt ein kehliges Lachen nach. Sie hat ihre Beine auf die Couch hochgezogen, ein schmales, zähes Persönchen, das auf der Straße niemandem als Schönheit auffallen würde. Ihr Gesicht ist blass, ihr langes Haar zottelig, ihre T-Shirt-und-Cargopants-Kluft hat nie einen Designerladen von innen gesehen. "Ich mag Lara einfach", behauptet die 28-Jährige, "jetzt noch mehr als im ersten Film, weil sie taffer und athletischer ist. So wollte ich sie haben." Um genau die Lara zu kriegen, die sie haben wollte, hat Angelina sogar die meisten ihrer Stunts selbst absolviert: ein Junkie der Extreme auch bei den Dreharbeiten. Wer immer auf die Idee gekommen ist, die Rolle der Lara Croft ausgerechnet an Angelina Jolie zu vergeben, hatte einen für Hollywood ungewöhnlich lichten Moment. Denn wenn die Videospielheldin Lara auch etliche Vorzüge besitzt, die erklären, weshalb sie weltweit von pubertierenden Jungs verehrt wird - besonders viel Charaktertiefe kann das Cyber-Babe nicht vorweisen. Die Leinwand-Lara dagegen profitiert vom 'Bad Girl'-Image ihrer Darstellerin: Lara hat Angelina Ruhm gebracht, und Angelina hat dafür Lara einen Nimbus der Abgründigkeit verschafft.

Oscargewinnerin und Stein des Anstoßes

Was immer Jolie auch in den vergangenen Jahren gesagt oder getan hat, es erregte Anstoß: die Tätowierungen, die Bekenntnisse über ihre Selbstverletzungen, ihre Selbstmordgedanken, ihre Messersammlung und ihre Affären mit Frauen, die Tatsache, dass sie zu ihrer ersten Hochzeit mit einem englischen Schauspieler in einem T-Shirt erschien, auf das sie mit ihrem eigenen Blut den Namen des Auserwählten geschrieben hatte. Und dann gewann Angelina, Tochter der Hollywood-Größe Jon Voight und einer französischen Schauspielerin, auch noch den Oscar - ausgerechnet für die Soziopathin, die sie 1999 in dem Psychodrama 'Durchgeknallt' spielte wie einen menschgewordenen Stromstoß. Sie sei "gerade wahnsinnig verliebt" in ihren Bruder, erklärte sie in ihrer eigentümlichen Dankesrede, und im Saal warf man sich befremdete Blicke zu. Ihr Ruf als exaltierte Halbirre verfestigte sich endgültig, als sie euphorisch Details aus ihrer zweiten Ehe mit dem 20 Jahre älteren Hollywood-Kollegen Billy Bob Thornton erzählte: Die beiden trugen Ampullen mit dem Blut des anderen um den Hals, er schlüpfte zu Hause in ihre Unterwäsche, und den Billardtisch zweckentfremdeten sie für wilden Sex. Es sollte die größte Lovestory des Jahrhunderts werden, darunter tat es Angelina Jolie nicht, statt dessen wurde einer ihrer größten Abstürze daraus. Nach zwei Jahren ließ sie sich von Billy Bob scheiden, weil er fremdging.

Ein Mensch, für den Exzess das Normale ist

Das alles kann man für ein genau berechnetes Image halten: Hollywood braucht immer einen schwarzen Stern - einen, der gerade dadurch anzieht, dass er abstößt. Aber es gibt Menschen, für die der Exzess das Normale ist, und Angelina Jolie gehört dazu. "Ich finde mich nicht sonderbar", sagt sie immer wieder, "und ich bereue auch nichts. Wenn ich mit Kollegen rede, habe ich oft den Eindruck, sie reden bloß in Anführungszeichen. Sie sind so vorsichtig, dass man überhaupt nichts über sie erfährt. Davon kriege ich ein sonderbares Würgegefühl im Hals. Ich übertreibe es lieber mit der Ehrlichkeit und handle mir dafür Ärger ein."

Auch im wirklichen Leben will sie die Welt retten

Inzwischen allerdings kanalisiert sie ihren Lebenshunger anders. Jetzt will Angelina die Welt retten - und zwar im wirklichen Leben. Vor drei Jahren hat sie zum Telefon gegriffen und beim Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen angefragt, ob sie mit "ins Feld" dürfe. "Ich glaube, die hielten mich zuerst für vollkommen bekloppt", sagt sie. Bei ihren Auslandsreisen hatte sie gemerkt, dass sie in Amerika verdammt wenig über den Rest der Welt erfahren hatte, und das wollte sie ändern. Warum aber gerade Flüchtlinge? "Weil sie die Schwächsten von allen sind", sagt sie ernsthaft, "und außerdem, weil mir viele Leute in Hollywood gesagt haben, ich solle bloß die Finger von Flüchtlingen lassen: Das Thema sei viel zu heikel. Das hat mich wütend gemacht." Natürlich. Inzwischen hat sie Flüchtlingslager in Afrika, Asien, Lateinamerika und auf dem Balkan besucht, sie ist zur offiziellen UN-Botschafterin ernannt worden und hat Millionen aus ihren Gagen in Hilfsprojekte gesteckt. Es ist halt im wirklichen Leben etwas mühsamer, die Welt zu retten, als es Lara Croft auf der Leinwand fällt. Im September erscheinen im New Yorker Verlag Simon & Schuster die Tagebücher, die Jolie während einiger dieser Reisen geführt hat: manchmal bestürzend naiv, doch voller Entschlossenheit zu lernen und zu helfen ('Angelina Jolie's Journals', 320 Seiten, 14 Dollar).

Ein bisschen wie Johanna von Orleans

Ihre wichtigste Entscheidung aber war, einen Waisenjungen aus Kambodscha zu adoptieren. Sie fand Maddox in einem Heim, als er drei Monate alt war. "Er schlief gerade, und als ich ihn hochnahm, hat er mich lange einfach nur angestarrt. Und dann hat er gelächelt." Heute schwärmt sie von Maddox so wie einst von ihrem Ex-Gatten Billy Bob. Seinetwegen ist sie nach England gezogen, weg von Hollywood, um auch "näher am Rest der Welt" zu sein - ein bisschen näher auch an Kambodscha, wo sie einen Teil des Jahres in einem Naturschutzgebiet, das sie finanziell unterstützt, mit ihm leben will. Die neue Angelina erinnert an Johanna von Orleans: so besessen von der guten Sache, dass sie wieder den Mächtigen auf die Nerven fällt. Die Hexe und die Heilige sind eben manchmal ein und dieselbe Person.

Susanne Weingarten / print
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