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Berlinale-Tagebuch: "Kiki", der Spritzenfan

Wenig Promis, wenig Partys - da freuen sich die Journalisten natürlich, wenn ein Top-Act wie Keanu Reeves mal ein wenig aus dem Nähkästchen plaudert.

Wenn ein Film auf der Berlinale läuft, ist das natürlich ein Grund zum Feiern. Egal ob es sich nur um ein paar osteuropäische Kurzfilme handelt oder einen dreifach Oscar-nominierten Wettbewerbsbeitrag. Wobei selbst erfahrene Festivalbesucher schnell den Überblick verlieren bei all den Empfängen, gesetzten Essen, Galas und Partys. Warum feiert noch mal die Filmfirma Constantin? Wer veranstaltet das Dinner im Edelrestaurant "Borchardt's"? Und wo war noch gleich das Umspannwerk?

Das Wichtigste bei solchen Veranstaltungen lässt sich am besten mit einem schönen deutschen Wort beschreiben: Promidichte. Bei der Party zu "Lost and Found" - tatsächlich eine Sammlung osteuropäischer Kurzfilme - im neuen Szeneclub "Kapital" ging die Promidichte (kurz PD) fast gegen Null. Robert Stadlober mit den Kumpels seiner Rockband zählen nicht wirklich. Dafür war es schön warm und voll und der Teppichboden verströmte ein angenehm muffiges Ost-Feeling.

Die PD stieg im 37. Stock wieder an

Der Empfang zu "Asylum" - ein britischer Psychothriller über das im wahrsten Sinne des Wortes verrückte Liebesabenteuer der Frau eines Irrenarztes - fand im ehemaligen "Forum"-Hochhaus-Hotel am Alexanderplatz statt. Das nennt sich jetzt "Park Inn". Doch auch das Casino im 37. Stock verströmt noch jede Menge Ost-Muff. Dafür war die PD besser. Hauptdarstellerin Natasha Richardson, Gattin von Liam Neeson, zog mit ihrem atemberaubend dekolletierten Abendkleid alle Blicke auf sich. Hugh Bonneville, der auch im Eröffnungsfilm "Man to Man" überzeugte, widmete sich gut gelaunt seinem Handy. Der andere Star von "Asylum", Ian "Gandalf" McKellen hatte leider kurzfristig abgesagt. Wenigstens war die Aussicht auf das nächtliche Berlin fantastisch.

Gesellschaftlicher und filmischer Höhepunkt war jedoch der Empfang im Ballsaal des Hotels "Adlon". Amnesty International hatte die Darsteller und Team von "Hotel Rwanda" eingeladen. Der irische Regisseur Terry George schildert darin die fast unglaubliche Geschichte des Hotelmanagers Paul Rusesabagina, der während des Völkermords 1994 mehr als tausend Flüchtlinge vor dem sicheren Tod bewahrte, indem er sie kurzerhand in sein Luxushotel einquartierte und mit vielen schönen Worten und Bestechungsgeschenken vor dem Macheten schwingenden Mob schützte. Der Oskar Schindler Afrikas nennt man ihn seitdem völlig zu Recht. Rusesabagina war zur Europa-Premiere des bewegenden Films mit seiner ganzen Familie nach Berlin gekommen. Daneben verblasste sogar die Strahlkraft der Oscar-nominierten Darsteller Don Cheadle und Sophie Okonedo.

Keanu "Kiki" Reeves outet sich als Spritzen-Fan

Das man auch ohne Party Spaß und PD haben kann, konnte man schließlich auf der Pressekonferenz zum amerikanischen Wettbewerbsbeitrag "Thumbsucker" beobachten. Da saß ein sichtlich entspannter Keanu Reeves neben der großartigen Tilda Swinton und war zu Recht Stolz auf seinen Film und seine Rolle. Reeves spielt in dem tiefgründigen Regiedebüt des Musikvideo- und Werbespot-Regisseurs Mike Mills einen esoterischen Zahnarzt, der dem jugendlichen Helden das Daumenlutschen abgewöhnen will. In der wunderbar bebilderten Geschichte ist der Daumenlutscher (die tolle Neuentdeckung Lou Taylor Pucci) jedoch nicht der Einzige, der endlich erwachsen werden sollte. Schon jetzt ein potenzieller Lieblingsfilm des diesjährigen Festivals.

Reeves also saß auf dem Podium und hörte sich geduldig Fragen nach seinem Spitznamen als Kind ("Kiki"), seinen Deutschkenntnissen ("Morgen, morgen nur nicht heute, sagen alle faulen Leute") und seinen Zahnarzt-Ängsten ("Ich liebe diese Spritzen in den Gaumen") an. Beste Superstar-Unterhaltung.

Matthias Schmidt