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Stern Logo Filmfestival in Cannes

Tag 9: Exzessives Abtanzen in dezemberischem Ambiente

Wong Kar Wais neuer Film "2046" mit Tony Leung und Gong Li fand nur mäßigen Anklang. Dafür gab's zur Premiere von "Bad Santa" eine Christmasparty mit falschen Schneeflocken.

Die amerikanischen Studios nutzen Cannes Jahr für Jahr als Plattform, um für ihre großen Produktionen kräftig die PR-Trommel zu rühren. Während es "Shrek 2" sogar bis in den Wettbewerb geschafft hat, veranstaltete Warner Brothers mit standesgemäßem Buhei eine Sondervorführung von Wolfgang Petersens Historien-Schinken "Troja", und die Fassaden der Nobelhotels fungieren erneut als Litfasssäulen für teure Hollywood-Ware wie "The Stepford Wives" mit Nicole Kidman oder Jonathan Demmes "The Manchurian Candidate" - beides übrigens mal wieder Remakes berühmter Klassiker aus den Siebzigern bzw. Sechzigern.

Doch was hilft eine gut geölte Werbe-Maschine, wenn sich Regierungen das Recht nehmen, einfach mal für sieben Wochen keine ausländischen Filme in ihre Kinos zu lassen? Genau das nämlich hat der chinesische Präsident Hu Jintao unlängst in einer Rede verkündet. Vom 19. Juni bis zum 5. August wird sein Volk weder "Shrek 2", noch "Spider-Man 2" oder "Harry Potter und der Gefangene von Askaban" zu sehen bekommen. Außerdem schloss das Regime in den letzten Monaten tausende unlizensierte Internet-Cafés und verbannte Beiträge aus dem Fernsehen, "die Gewalt, Korruption und westliche Werte und Lebensstile" beinhalten. Mit knirschenden Zähnen spekulieren die Hollywood-Bosse nun über die Gründe.

Rätselraten über die Boykott-Gründe

Während der Regierungschef von einer Kampagne zur "moralischen und ideologischen Charakterfestigung der Jugend" salbaderte, rätseln zähneknirschende Hollywood-Executives und andere Branchen-Experten über die wahren Gründe für den temporären Boykott ihrer Produkte. Einer vermutete, der Auslöser seien die Misshandlungen irakischer Bürger durch US-Soldaten, ein anderer ortete schlicht ökonomische Hintergedanken: Peking wolle keine Konkurrenz für Zhang Yimous neuen Film und Cannes-Wettbewerber "The House of Flying Daggers", der am 14. Juli in seinem Heimatland startet.

Verhaltene Reaktionen auf Wong Kar Wais neuen Film

Endlich das Licht der Leinwand erblickt hat hingegen Wong Kar Wais heiß erwarteter Wettbewerbs-Beitrag "2046". Durch die verspätete Lieferung des Films war vor dem Festival-Palais kaum ein Durchkommen mehr, da die Presse-Vorführung parallel zur Gala-Premiere auf 19.30 Uhr terminiert worden war. Die Reaktionen nach rund 120 Minuten waren verhalten. Wong schickt seine Stars Tony Leung, Gong Li und Zhang Ziyi durch eine strenge, kühle Welt der flüchtigen Begegnungen, unerwiderten Liebe, unerfüllten Hoffnungen und traurigen Erinnerungen: Eine zeitlupenartige, meditative Suche nach dem Glück, die ihrem Publikum sehr viel Geduld abforderte und schwermütig in die laue, südfranzösische Nacht entließ.

Samuel Fullers Kriegsfilm wird zum Leben erweckt

Ungleich drastischer schilderte ein anderer Regie-Meister vor über 20 Jahren das Überleben einer kleinen Gruppe von Menschen in einer grausamen Welt. Samuel Fullers stark autobiografisch getönter Kriegsfilm "The Big Red One", der die traumatischen Erlebnisse einer kleinen US-Einheit im 2. Weltkrieg schildert, zählt zu den großen Klassikern des Genres. Der amerikanische Filmkritker und Regisseur Richard Schickel machte sich an die Arbeit, in den Warner-Archiven über 20.000 Meter Negativ-Material und 112 Rollen mit Tonaufnahmen zu sichten, um den Film zu der von Fuller ursprünglich intendierten Fassung zu restaurieren. In Anwesenheit der damaligen Mitwirkenden Mark Hamill, Robert Carradine und Stephane Audran (Regisseur Fuller und Hauptdarsteller Lee Marvin sind nicht mehr am Leben) feierte der um 50 Minuten längere Director's Cut im Olympia-Kino seine Wiederaufführung und wird noch dieses Jahr weltweit auf DVD erscheinen.

Linderung für die von so viel Tragik und Tod geplagte Seele verschaffte dann die wohl surrealste Filmsause des Festivals. Die nächtlichen Außentemperaturen von 20 Grad ignorierend, luden die Verantwortlichen des fiesen kleinen Krimis "Bad Santa" zur Christmas-Party ins Evasion Beach. Neben intensiver Nahrungsaufnahme und exzessivem Abtanzen in dezemberischem Ambiente, waren die Gäste, darunter Hauptdarsteller Billy Bob Thornton und der französische Regisseur Luc Besson, vor allem mit einem beschäftigt: die herabgefallenen, gefälschten Schneeflocken aus ihren Gläsern zu fischen. Erstickt ist keiner. Ansonsten galt, was für Cannes gilt: Frohes Fest!

Bernd Teichmann