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Theater trotz Einschränkungen "Corona ist die Pest" – wie diese Schüler dem Pandemie-Blues den Kampf ansagen

Mädchen lässt sich mit dem Handy filmen
Filme lassen sich heutzutage ganz einfach von zu Hause aus produzieren (Symbolbild)
© Sefa Kart / Getty Images
Schüler in ganz Deutschland wissen im Lockdown nichts mit sich anzufangen. Sie sind im Corona-Blues gefangen. Die Theatergruppe einer Schule in Schleswig-Holstein hat jedoch einen Weg gefunden, gemeinsam gegen Einsamkeit und Negativität vorzugehen.

Während Pandemie und Lockdown scheint jeder Tag scheint gleich zu sein. Vor allem Schülerinnen und Schüler haben es schwer. Und doch ist die Stimmung in der Oberstufentheatergruppe des Johann-Rist-Gymnasiums in Wedel gut. "Was mich bewegt, ist, dass ich jeden Tag in die Gesichter glücklicher Menschen blicken darf", sagt ein Mitglied in dem Filmprojekt "Corona ist die Pest". Diese zwischenmenschlichen Kleinigkeiten fehlen den Schülerinnen und Schülern genauso sehr wie die Unbeschwertheit vor den Einschränkungen.

Glückliche Gesichter sind bei den Vorbereitungen des Films keine Seltenheit. Zu sehen gibt es diese jedoch nur per Videokonferenz. Denn der Lockdown erschwert die Arbeit am jährlichen Theaterstück und macht eine Aufführung unerreichbar. Die Jugendlichen geben jedoch nicht auf und finden einen Weg ihren eigenen Emotionen, Träumen und Sorgen in Wort und Bild Gehör zu verschaffen.

Junge Menschen scheinen vor Energie zu explodieren, wollen die Welt erkunden und sich ausprobieren – doch das geht nicht. Nicht in Zeiten der Corona-Pandemie. Die nächste Reise ist verschoben. Ferien schon wieder zuhause. Stattdessen Freunde treffen? Fehlanzeige. Darunter leiden die Jugendlichen an der Schule in Schleswig-Holstein genauso wie Schülerinnen und Schüler in ganz Deutschland. 

Lichtschalter für die Welt

"Von dem einen auf den anderen Tag war die Welt wie ausgeknipst" – die jungen Schauspielenden finden genau die richtigen Worte, um ein Gefühl zu beschreiben, das in der Brust eines jeden Menschen brennt. Wie an einem Lichtschalter – zack, dunkel ist es, wo eben noch Licht war. Durch die Impulse ihrer Lehrerinnen entdecken die Jugendlichen Wege, ihre Gefühle rauszulassen: Monologe, Kurzgeschichten, Dystopien, Zitate aus "Die Pest" von Albert Camus und Videos werden zum neuen Kommunikationsmittel.

Es entstehen Video-Schnipsel und Kurzfilme, die tiefe Einblicke in die Gefühlswelt der jungen Menschen zulassen und zeigen, wie sie mit der Pandemie umgehen. Hoffnung steht direkt neben Zukunftsängsten. Kleine Erlebnisse neben Erkenntnissen über sich selbst. So erzählt einer der Schauspieler: "Was mich bewegt, ist, wenn mir jemand eine Kleinigkeit vom Bäcker mitbringt" – und lässt sich kurzerhand eine Brötchentüte von seinem eigenen Spiegelbild reichen.

"Auch Hoffnung ist nicht unendlich"

Unter der Leitung ihrer Lehrerinnen Bettina Bergen und Cordelia Kuchendorf entsteht ein einzigartiges Filmprojekt – eine Reise durch die Pandemie unter dem Titel "Corona ist die Pest". Denn auch wenn eine normale Theateraufführung nicht möglich ist, braucht es gerade in diesen Zeiten ein Projekt, in das Kreativität, Energie und Gefühle der Schülerinnen und Schüler fließen können. Ein Projekt, das die Farbe in den grauen Alltag zurückbringt und auf Youtube an drei Abenden live vorgeführt werden wird.

Der Film hilft den Beteiligten nicht nur, neue Hoffnung zu fassen, sondern auch dabei, die pessimistischen Emotionen zu verarbeiten. Ehrlich beschreiben die Schauspielerinnen und Schauspieler ihr Gefühlsleben: "Mein einziger Antrieb ist aufzuwachen von einem Sonnenstrahl, der auf meiner Nasenspitze kitzelt. Dass die Welt eines Tages wieder angeknipst wird." Das erzeugte Bild ist sonnig und positiv. Dennoch ist allen klar: "Aber auch Hoffnung ist nicht unendlich." 

Vorfreude ist essenziell geworden

Laut der sogenannten COPSY-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) zeigt fast jedes dritte Kind oder Jugendlicher psychische Auffälligkeiten. Vor der Pandemie war es nur jeder fünfte. Bereits im Sommer 2020 gaben etwa 70 Prozent der 1000 befragten Kinder und Jugendlichen an, dass die Corona-Krise sie seelisch belaste. Da liegt es nahe, dass auch die Schauspielenden tiefe Zukunftsängste umtreiben. Ehrlich thematisieren die Jugendlichen in "Corona ist die Pest" ihre Gefühle und Sorgen. Sie schaffen sich Luft zum Atmen, indem sie ihr Leid mit den anderen teilen.

Mit der Situation gehen alle Darstellenden anders um. Die eine Person gibt zu: "Naive, positive Gedanken hatte ich schon lange nicht mehr." Bedrückende Gedankengänge, mit denen sie nicht alleine ist. Eine im Film inszenierte Kurzgeschichte veranschaulicht, dass die jungen Menschen manchmal gar nicht mehr in die Zukunft wollen, denn sie vermuten dort nichts Gutes – "… und dann wollte doch keiner mehr mitkommen."

Andere Personen schaffen es und halten an einem kleinen Funken Hoffnung fest. Sie sind sich sicher: "Das Leben wird wieder so, wie es einmal war, vielleicht noch besser." Und das ist, was fundamental geworden ist: Nur wer sich auf morgen freut, in den morgigen Tag investiert und sich traut, auch diese Schritte ins Ungewisse zu wagen, kommt überhaupt in einer hell erleuchteten Zukunft an. 

Leben aus einem Raum heraus

"Ich hätte niemals gedacht, dass ich es schaffe, mein ganzes Leben auf einen Raum zu minimieren", sagt die nächste Stimme. Vor etwas mehr als einem Jahr hätte niemand erwartet, dass das Leben aus nur vier Wänden heraus gelebt werden kann. Genauso wenig haben sich die Beteiligten der Theatergruppe träumen lassen, am Tag der Premiere nicht aufgeregt hinter der Bühne zu stehen. Es ist weder laut in der Garderobe, noch herrscht Chaos wie bei einem normalen Premierentag. Es ist still. Denn es ist niemand da. Es wird auch niemand auf der Bühne stehen und von Scheinwerfern angestrahlt werden. In dieser Realität gibt es das nicht – nicht in diesem Jahr.

Die Aufregung ist deshalb aber nicht unbedingt kleiner, denn es ist das erste Mal, dass die Theatergruppe des Johann-Rist-Gymnasiums in Wedel einen Film präsentiert. Drei Vorführungen – so ist es Tradition – werden über den Youtube-Kanal des Gymnasiums live in die verschiedensten Haushalte gestreamt. Danach werden die Videos, wie bei einer normalen Theateraufführung das Stück, nicht gespeichert und nicht noch mal zum Anschauen zur Verfügung gestellt. Und obwohl Bühne und Garderobe still bleiben, die Botschaft der Theatergruppe ist deutlich: "Wir sind noch da. Und niemand ist auf sich alleine gestellt."

"Corona ist die Pest" auf YouTube:

  • Premiere: 25.02.2021, 19.30 Uhr
  • Zweite Aufführung: 26.02.2021, 19.30 Uhr
  • Derniere: 27.02.2021, 19.30 Uhr

Hier geht es direkt zum Teaser von "Corona ist die Pest".

eli

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