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Die Mutter aller Seifenopern: Ansichten eines "Lindenstraßen-Fans"

Von Liebe kann man nicht sprechen. Es ist eher eine Art von Hassliebe, die mich und Tausend andere am Sonntag um zwanzig vor sieben vor den Fernseher treibt. Und dafür gibt es viele Gründe.

Die Augebrauen ziehen sich hoch, die Augen selbst werden groß und fassungslos und meist folgt noch die entgeisterte Halbfrage "Nicht wirklich, oder?". So sieht sie aus, die klassische Reaktion auf das Bekenntnis "Ja, ich gucke Lindenstraße". Und nur in seltenen Fällen stößt man eben nicht auf den Klassiker, sondern auf pures Verständnis, auf ein wissendes Aufflammen in den Augen des Gegenübers. Aber warum, frage ich mich.

Es gibt 100 Gründe, die "Lindenstraße" zu lieben. Obwohl Liebe? Eigentlich ist das eher so eine Art Hassliebe. Ich würde mich auch nicht wirklich als ein Fan der "Lindenstraße" sehen. Fan passt bei Musik oder Filmen, bei Dingen, die ich blindlings liebe. So wie damals Bono Vox von U2. Der war einfach perfekt, so gut und so engagiert. Bei der "Lindenstraße" ist das ganz anderes. Man schaut sie nicht mit dem verblendeten Blick eines Fans. Die Erkenntnis, dass das, was ich mir da jeden Sonntag um 18.40 Uhr reinziehe, nicht die Crème de la Crème deutscher Schauspiel- und Schreiberkunst ist, kam mir schon mit 12. Damals schaute ich noch jeden Sonntag mit meinem Bruder. Er war sozusagen mein "Lindenstraßen"-Mentor. Mittlerweile ist mein Bruder groß, erwachsen und abtrünnig geworden - der Verräter. Es langweilt ihn, sagt er. Dabei gibt es so vieles, was mich jeden Sonntag um 18.40 Uhr zielstrebig auf den Powerknopf des Fernsehers drücken lässt. Mal ganz abgesehen von der Tatsache, das sonst nichts anderes läuft.

Die Mutter der deutschen Seifenopern

Die "Lindenstraße" ist nicht nur die Mutter aller deutschen Seifenopern, sie ist auch bis heute die einzige durch und durch deutsche Serie und eben nicht der schlechte Abklatsch einer amerikanischen Soap Opera. Wenn in der "Lindenstraße" Mutter Beimer sich über ihre Lieben ärgert oder Stress mit Erich hat, dann geht sie nicht in die schnieke Bar an der Ecke und nippt dezent an einem Cocktail. Nein, die "Beimerin" haut sich lieber zwei Eier in die Pfanne und bekämpft den Frust mit Essen. Überhaupt ist es einfach herrlich, wenn Olaf Kling - statt Sushi oder Tapas - Leberkäse und "Weißwürschte" verkauft. Hier nennt der Hajo seine Berta noch "Rehlein" und der Erich seine Helga "Pummelchen" - von Darling oder Honey ist hier nichts zu hören.

Selbst die obligatorische Serienintrigantin ist weit entfernt von der bei "Gute Zeiten, Schlechte Zeiten" oder "Unter Uns" üblichen Hip-Zicke. In der Lindenstraße trägt die Seriengiftspritze Kopftuch statt Trendfrisur und Küchenkittel statt Designer-Kleid. Die Rede ist - und selbst der Nicht-Gucker wird es schon ahnen - von Else Kling. Else Kling hört alles, sie sieht alles und natürlich tratscht sie auch alles weiter. Ihre Darstellerin, Annemarie Wendl, ist übrigens mittlerweile 90 Jahre alt und seit 19 Jahren dabei. Solch ein Serien-Urgestein sucht man in den Serien der Reichen, Schönen und vor allem Jungen vergeblich.

Einfach glaubwürdiger

Die "Lindenstraße" ist einfach glaubwürdiger als ihre Konkurrenten am Quotenmarkt. Das geht offenbar soweit, dass viele Fans nicht mehr zwischen "Lindenstraßen"-Realität und Wirklichkeit unterscheiden können. Jüngstes Beispiel ist Harry Rowohlt. Der langhaarige und bärtige Autor spielt seit 1995 den Penner Harry in der "Lindenstraße". Auf der Straße bekomme er immer mal wieder einen Euro zugesteckt mit dem Hinweis: "Kauf dir mal was Warmes", sagt der 59-Jährige. "Es ist schon ziemlich verstörend, wenn man merkt, dass die meisten Menschen Fernsehen und Realität nicht auseinander halten können.", so Rowohlt. Eine Sache, die mir persönlich nicht ganz in den Kopf will, tauchen doch mit schöner Regelmäßigkeit selbstironische Anspielungen innerhalb der Serie auf. Immer wieder gerne erinnere ich mich an die Folge, in der Else unbedingt noch die "Lindenstraße" schauen möchte. Es sind genau diese Dinge, für die ich die Lindenstraße liebe.

Nervige Politikdebatten

Weitaus nerviger ist da schon die Sache mit der Sozialkritik und den serieninternen Politikdebatten. Das geht zugegebenermaßen gar nicht. Es ist ja eine Sache wenn "Lindenstraße"-Regisseur und Produzent Hans W. Geißendörfer mit dem Aidstot von Benno Zimmermann in den 80er Jahren ein Tabu brechen wollte und er jetzt mit Majas Darmkrebs ein weiteres brechen möchte. Das macht noch Sinn. Etwas ganz anderes sind die übers Knie gebrochenen Politikdiskussionen. Da wird schon mal mit dem Brecheisen gearbeitet, wenn etwa Carsten Flöter den Fernseher einschaltet, den US-Präsidenten sieht und auch schon im gleichen Moment kundtut wie schlecht Bush ist. Das ist stumpf und billige Meinungsmache. So sehe ich das.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband sieht das offenbar anders. Verbandsvorsitzende Barbara Stolterfoht überreichte im Dezember 2004 Hans W. Geißendörfer die Skulptur "Dialog und Toleranz", der höchsten Preis des Verbandes. Begründet wurde die Auszeichnung seitens des Verbandes mit dem "außergewöhnlichen Engagement des "Lindenstraße"-Teams, das in seinen beinahe 1000 Folgen immer wieder soziale Fragen und Probleme gesellschaftlicher Randgruppen thematisiert. Dabei scheut es auch nicht davor zurück, soziale Konflikte und Tabus aufzugreifen. Behinderungen und Krankheiten spielen dort ebenso eine Rolle wie Arbeitslosigkeit, soziale Ausgrenzung, psychische Erkrankungen, Erziehungsfragen und Beziehungsprobleme."

Wie auch immer, ich werde mir am Sonntag mit Wonne die 1000. Folge ansehen. Das ist so sicher, wie es noch 100 weitere Gründe gibt, die "Lindenstraße" zu schauen. Für mich gehört meine sonntägliche Hassliebe zur "Lindenstraße" zum Lebensrhythmus wie der Kaffee am Morgen.

Britta Hesener
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