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Dokumentation: Das zieht total rein

Schöner, bunter, tiefer: Die filmische Expedition "Deep Blue" entführt in die faszinierende Welt unter Wasser.

Die Stars sind glitschig und haben Schuppen, Drehort ist das größte Biotop des Globus, und das Ganze ist eine ziemlich feuchte Angelegenheit. "Deep Blue" heißt das Spektakel, das diese Woche in die Kinos kommt. 90 Minuten berauschende Bilder, die der Zuschauer so noch nie gesehen hat: die Schönheit und Wildheit der Ozeane, die Faszination und der unbarmherzige Überlebenskampf seiner Bewohner. Das See-Stück ist eine der aufwendigsten und beeindruckendsten Dokumentationen, die je produziert wurden. Und dabei alles andere als ein Lehrfilm mit erhobenem Zeigefinger. "Von der ersten bis zur letzten Minute voller Action", verspricht der britische Regisseur Alastair Fothergill.

Der Thriller entführt den Beobachter zu Korallenriffen, den Polargebieten und ins offene Meer. Da springen artistisch Delfine über die Wellen, fetzen - ganz nah - Tunfische, Marlins und Haie durch Sardinenschwärme; jagt eine Eisbärmutter mit ihrem Kleinen Weißwale. Dann wiederum treibt einfach nur ein bizarrer Blattfetzenfisch leinwandfüllend durch die Flut, oder es huscht auf einmal eine Armee von zigtausend blauen Soldatenkrabben über den Schlick. Ein dramatischer Höhepunkt: Am Strand aalen sich Seelöwen, plötzlich wölbt sich die See, ein Orka kracht mit großer Welle aufs Ufer und schnappt sich ein Jungtier. Eine weitere der zahlreichen Filmtragödien: Auf offenem Meer verfolgen Orkas eine Grauwalkuh mit Kalb - stundenlang, bis das Kleine ermüdet ist. Dann drängen die schwarz-weißen Räuber das Baby von der Mutter, töten und fressen es. Die Alte muss allein weiter.

Schaurige Kreaturen

Schaurig schön wird's beim Abtauchen in die geheimnisvolle Tiefsee - bis in 5000 Meter! "Sie ist voll von Kreaturen, die schrecklicher sind als die meisten Dinosaurier", sagt Fothergill. Monströse Seeteufel gingen dort vor die Linse, ein seltener "Dumbo"-Oktopus und eine ganze Sippschaft von Leuchtviechern, skurrile Geschöpfe, Aliens, die plötzlich blinkend erscheinen und gleich wieder ins ewige Dunkel entschweben. Dann sprudeln Black Smoker aus dem Meeresboden, spucken Heißwasserfontänen. In ihrem Dunstkreis hausen Würmer, Muscheln, Nesseltiere und jede Menge andere Kreatur - eine Lebensgemeinschaft, die sich vom Energiespender Sonne völlig unabhängig gemacht hat.

Lange vor Drehbeginn des Naturschauspiels konsultierten die Macher Biologen und Meeresforscher auf der ganzen Welt, dann organisierten sie die Produktion wie eine Militäroperation. Mit Schiffen, Flugzeugen und U-Booten schickten sie Teams zu mehr als 200 Orten auf den Ozeanen. Insgesamt 40 Kameramänner filmten - fünf Jahre lang! 7000 Stunden Material brachten sie mit. Die spannendsten Szenen flimmern nun auf der Leinwand.

Optischer Genuss

"Es war wirklich unglaublich schwierig, diesen Film zu machen", sagt Co-Regisseur Andy Byatt. "Im offenen Meer findet man nicht einfach mal eben das, was man gern drehen möchte." So wurde das Unternehmen zur Geduldsprobe. Warten, warten und nochmals warten, hieß die Devise. "Ich habe 200 Tage lang einfach überhaupt nichts vor die Linse gekriegt und dann gerade mal fünf Minuten", erzählt Byatt. Immerhin hatten er und seine Mitarbeiter sogar Forscherglück: Zwei neue, der Wissenschaft bislang unbekannte Spezies entdeckten die Filmer beim Tauchen.

"Deep Blue" ist nicht nur ein optischer Genuss. Spärlicher Kommentar und üppige Orchestermusik machen ihn auch zu einem akustischen Erlebnis. George Fenton, der bereits fünfmal für einen Oscar nominiert wurde, komponierte den Soundtrack, und es spielten die Berliner Philharmoniker - zum ersten Mal in ihrer Geschichte für einen Kinofilm.

Horst Güntheroth

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