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Interview mit Doris Dörrie "Wir verschieben das Glück in die Zukunft"

Interview mit Doris Dörrie: "Wir verschieben das Glück in die Zukunft"
Ihr neuer Film "Glück" erzählt von einer monströsen Liebestat. Im stern.de-Interview erzählt Regisseurin Doris Dörrie, was sie an dem Stoff gereizt hat, warum wir so unendlich viel über unser Glück quatschen - und was Christian Wulff falsch gemacht hat.

Frau Dörrie, wer ihre letzten Filme kennt, kann in "Glück" eine große Überraschung erleben. Der Film fängt brutal an: Ihre Hauptfigur Irina wird vergewaltigt, die Eltern werden ermordet. Man glaubt zunächst nicht, dass man in einem Dörrie-Film ist. Wollten Sie Ihre Zuschauer damit bewusst vor den Kopf stoßen?
Nein, nicht vor den Kopf zu stoßen, aber man muss am Anfang begreifen, woher diese Irina kommt und wie hart ihr Schicksal ist. Wenn das einmal geklärt ist, kann man sich auf die Geschichte einlassen. Aber man muss wissen, welches Paket sie trägt.

In der Geschichte geht es um einen jungen Mann, Kalle, der mit dem Elektromesser eine Leiche zerlegt und verbuddelt – aus Liebe zu dieser Irina. Was genau hat Sie an dem Stoff so fasziniert?
Die Frage nach dem Glück. Die Frage, wie glücklich die beiden miteinander gewesen sein müssen, dass er eine so unglaubliche Tat für seine Liebe vollbringt. Und den Weg zu diesem Glück wollte ich zeigen, wie sie überhaupt miteinander glücklich werden, mit diesem schweren Gepäck, mit dem sie antreten.

Kalle lebt zunächst auf der Straße. Er besitzt aber eine ungeheure Lebensklugheit. Er hat etwas begriffen, was die meisten nicht wissen: dass man das Glück auch in den kleinen Dingen finden muss.
Ja, das hat er auf die harte Art und Weise gelernt. Weil er auf der Straße lebt und sehr abhängig ist von anderen Menschen. Ob sie ihm was geben oder nicht. Er ist auch abhängig vom Wetter und vielen kleine Details, die zu seinem Glück beitragen. Es ist oft so, dass die, die wenig haben, feinere Antennen für das Glück besitzen.

Warum fällt es vielen wohlhabenden Menschen so schwer, sich ihres eigenen Glücks gewahr zu werden?
Weil wir immer denken, dass wir die Zukunft zur Verfügung haben. Weil wir denken, wir könnten planen. Das ist natürlich auch etwas, das wir uns leisten können. In Zeiten von Frieden und ohne tägliche Bedrohung gewöhnen wir uns an, das Glück in die Zukunft zu verschieben. Was das Glück aber nicht so gerne hat.

Was hat den zurückgetretenen Bundespräsidenten Christian Wulff angetrieben, als er seine glänzende Karriere für ein paar Vergünstigungen aufs Spiel gesetzt hat?
Er wollte glücklich sein. Am Anfang des Films heißt es: "Wir alle wollen immer nur dasselbe - Schmerzen vermeiden und glücklich sein." Er hat nicht bedacht, wie groß die Schmerzen sein können, wenn man auf dieses sehr opportune Glück schaut: Handy und Hotelzimmer. Darum kann's ja überhaupt nicht gehen.

Machen materielle Dinge überhaupt glücklich?
Das glauben wir und ab und zu stimmt es ja auch. Ab und zu ist es wirklich großartig, sich was leisten zu können und daran zu erfreuen. Das sollte man auch nicht komplett negieren und so tun, als wäre Glück nur in der Armut und den kleinen Dingen zu finden. Geld macht in gewissem Rahmen durchaus glücklich. Aber daraus abzuleiten, dass das Glück nur dann stattfinden kann, wenn man diese Dinge hat, das ist Blödsinn. Und das tun wir zum großen Teil, weil wir uns sehr stark durch den Konsum diktieren lassen.

Ist der Konsum in unserer Gesellschaft stärker ausgeprägt als anderswo?
Na klar. Wir sind so gedrillt, dass wir uns ständig nach etwas sehnen sollen. Und ständig wird uns das Glücksversprechen gemacht. Es ist sehr schwer, sich dagegen zu wehren. Wir kommen nicht dagegen an, und das ist der Grund, warum wir so unendlich viel über unser Glück quatschen im Moment. Weil wir aus dieser Spirale rauswollen, aber es nicht recht schaffen, weil wir so auf den Konsum gepolt werden. Und jetzt auch andersherum, es wird uns Angst gemacht, unseren Besitz zu verlieren. Die Angst ist nur eine Kausalität, die mit Glück und Unglück zu tun hat. Man kann nur dadurch aussteigen, dass man sich auf diesen Augenblick jetzt konzentriert und ihn zu einem glücklichen nicht nur für sich, sondern auch für die anderen macht.

Es kommen jedes Jahr zahlreiche Menschen aus anderen Kontinenten nach Europa. Ist das nicht ein Hinweis darauf, dass auch anderswo Materielles wichtig ist?
Wenn Sie mit Flüchtlingen sprechen, dann ist da natürlich die Sehnsucht nach einem Ort, wo es alles inklusive gibt. Und das ist Europa. Gleichzeitig entsteht der Wunsch aus Schmerzen. Das sind Leute, die kommen aus Verhältnissen, wo Familienmitgliedern hungern. Das ist nicht der Wunsch nach Luxus. Keiner nimmt diese Reise auf sich, weil er gern ein schickeres Auto hätte.

Sie schreiben Bücher, drehen Filme, inszenieren Opern. Wo liegt da für Sie das tägliche Glücksgefühl?
Das ist sehr unterschiedlich. Man muss sehr lange schreiben, bevor es passiert. Ich weiß aber aus Erfahrung, dass man einfach weiterschreiben muss. Wenn die Figuren anfangen, von selber zu laufen und zu sprechen, ist das dann der Glücksmoment. Beim Drehen ist es immer der Moment, dass man zusammen mit dem Schauspieler genau den richtigen Ton findet. Aber auch wenn man eine Einstellung dreht, und plötzlich reißt der Himmel auf und es gibt ein tolles Licht. Es gibt vieles. Man muss sich aber auch öffnen für diese Möglichkeiten, dass es passieren kann. Deswegen arbeiten wir auch sehr abgespeckt und sehr offen.

Bei all den verschiedenen Dingen, die Sie schon getan haben: Gibt es da noch etwas, dass sie gerne noch vornehmen würden? Einen Achttausender besteigen, den Sie sich bisher nicht zugetraut haben?
Ich mag keine Achttausender besteigen. Ich mag sie lieber von unten anschauen. Weil der Blick auf sie in der Regel schöner ist als von ihnen.

Carsten Heidböhmer

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