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Doris Dörries "Die Friseuse": Masse mit Klasse

So hat man überdimensionale Speckrollen noch nie im Kino gesehen: Doris Dörries neue Komödie "Die Friseuse" über eine Wuchtbrumme im XXL-Format ist eine filmische Hommage an alle Moppels und trifft den Zeitgeist.

Von Kathrin Buchner

Die mageren Jahre sind vorbei: In der Gastronomie bejubelt man die Rückkehr des Fetts als Aromaträger. Wuchtbrummen wie Beth Ditto und Crystal Renn sind die neuen Stilikonen, auf die selbst Superslim-Modemacher Karl Lagerfeld setzt. Und die "Brigitte" zeigt keine Magermodels mehr, sondern echte Frauen mit echten Rundungen.

Jetzt hat die Maxime Masse ist Klasse auch das Kino erreicht. In Amerika sorgt derzeit das Sozialdrama "Precious" für Aufsehen: Die pfundige Hauptdarstellerin Gabourey Sidibe bekam für ihre Rolle als Teenager-Mama, die aus einer Harlemer Unterschichtenfamilie stammt und vom eigenen Vater missbraucht wird, eine Oscarnominierung als beste Schauspielerin. Kritiker räumen Sidibe Außenseiterchancen ein.

Doppel-D-BH und Doppel-A-Manko

Auch Doris Dörries Heldin Kathi König (Gabriela Maria Schmeide) ist eine Wuchtbrumme im XXL-Format, die Doppel-D-BHs trägt und unter dem Doppel-A-Manko leidet: arbeitslos und alleinerziehend. Der Ex-Mann hat sie mit der besten Freundin betrogen. Ihre pubertierende Tochter Julia (Natalia Lawiszus) schmollt und gibt der Mutter die Schuld an der Trennung, das Vorstadtreihenhaus tauscht Kathi ein gegen die enge Mietwohnung im Berliner Plattenbau-Ghetto Marzahn.

Ein warmer Grundton beherrscht den Film, der plastisch zeigt, mit welch Bürde Stehaufmännchen Kathi sich durch den Alltagsdschungel kämpft. Schon das tägliche Aufstehen ist eine Qual. Wir sehen, wie Kathi sich mit Hilfe eines Seils aus dem Bett hievt, wie sie sich in der Badewanne wäscht und die Haut unter ihren Brüste, groß wie Melonen, gegen das Wundwerden mit Babypuder schützt. Wie sie sich die Treppe in den zehnten Stock quält, wenn der Lift mal wieder nicht funktioniert. Auch in ihrer Umgebung stößt sie auf Ablehnung, ihre Bewerbung im Friseursalon scheitert aus "ästhetischen Gründen".

Was "Wolke 9" für die Alten, ist "Die Friseuse" für die Moppels

Menschen, die ein Defizit haben, brauchen eine Extraportion Mut. Diese Tapferkeit habe sie an der Kathi interessiert, sagt Dörrie im TV-Programm vom stern. Um am eigenen Leib die Diskriminierung, die Übergewichtige erfahren, zu spüren, hat die Regisseurin den Fatsuit getestet: "Das Schlimmste war ein kleines Mädchen, das mich im Bus anrempelte und eiskalt sagte: 'Aus dem Weg, fette Sau'".

Was "Wolke 9" für die Alten ist, leistet "Die Friseuse" für alle Moppels: einen filmischen Befreiungsschlag. Sex geht mit runzeliger Haut, Sex geht auch mit Fettwülsten. Für Hauptdarstellerin Gabriela Maria Schmeide, die für die Rolle ein Fettkostüm trägt und für die Nacktszenen ein Körperdouble hat, erschöpft sich die Thematik darin aber nicht. "Es geht nicht darum, das Problem der Dicken ins Rampenlicht zu holen, sondern diesen Mut zu zeigen, wie jemand aus jeder schwierigen Situation etwas macht und schlechte in gute Energie verwandelt."

Im Gegensatz zu "Precious", der mit knallhartem Realismus eher bedrückt, ist Dörrie, der Meisterin des Wohlfühlkinos, eine Komödie gelungen, die bestens austariert ist zwischen Tempo, Witz und bittersüßen Momenten. "Kathi zeigt uns, dass es eine Entscheidung ist, glücklich zu sein", so lautet Dörries banale, aber wahre Botschaft. "Die Friseuse" ist eine Hommage an das pralle Leben.