HOME

Kinofilm "Familiye": Unter Brüdern - Wie zwei Deutschkurden ihren Traum vom großen Kino verwirklichten

Moritz Bleibtreu wurde auf zwei Deutschkurden und ihren Traum aufmerksam: Sie wollen Regisseur werden. Mit ihren Freunden aus dem Spandauer Kiez drehen sie einen Film über Drogen, Armut, Familie und Gewalt. Er bringt sie auf den roten Teppich.

Wie Moritz Bleibtreu zwei Spandauer Jungs half, einen Film zu drehen

Filmproduzent Moritz Bleibtreu, die Regisseure Sedat Kirtan und Kubilay Sarikaya und der Gangsterrapper Xatar (v. l.). Gastauftritt: Che Guevara

"Willkommen im Lynar-Ghetto!", sagt ein großer Mann mit dichtem Bart zur Begrüßung, und er darf das sagen, denn er wohnt hier. Der Mann heißt Kubilay Sarikaya, er steht vor einem Wettbüro in der Lynarstraße im Westen Berlins, in Spandau, und raucht rote Marlboros aus der Big Box. Sedat Kirtan steht neben dem Mann. Die beiden sind Freunde und leben schon lange hier, sie kennen jeden Stein. Sie sind gekommen, um ihr Viertel zu zeigen und von ihrem Traum zu erzählen, jetzt aber biegt erst mal ein Lieferwagen um die Ecke, er trägt die Aufschrift "Mevlana Grill". Der Fahrer stoppt, lehnt sich aus dem Wagen und ruft: "Hallo, ihr Bushidos!"

"Salam alaikum!", entgegnen Sarikaya und Kirtan.

Fahrer: "Werdet ihr jetzt berühmt?"

Sarikaya: "Mal sehen, Bruder."

Fahrer: "Hier wird doch niemand berühmt. Hadi, ciao!"

Rund um die Lynarstraße leben viele von Hartz IV

Sie gehen jetzt weiter die Straße hinunter. Überall werden sie umarmt und begrüßt. Ein kleiner Junge schnorrt Sarikaya um Geld an. Sarikaya schimpft erst mit dem Jungen, dann gibt er ihm was. In dem Viertel rund um die Lynarstraße leben viele der Bewohner von Hartz IV. Die meisten haben einen Migrationshintergrund, wie Kirtan und Sarikaya, ihre Eltern sind kurdische Einwanderer aus der Türkei. Trotzdem, und das betonen Kirtan und Sarikaya immer wieder, gibt es hier nicht nur Klischeetürken. Das Problem des Viertels sei nicht die Herkunft der Bewohner, sondern ihre Armut, und bei manchen auch der Wunsch, wegzulaufen vor dieser Armut. "Viele Leute treibt es in die Spielkasinos und Wettbüros, dort verzocken sie ihr weniges Geld." Deshalb beginnt der Film, den er mit Sarikaya gedreht hat, mit den Worten: "Bei uns im Viertel wird immer gezockt. Dein Leben läuft ab wie beim Poker. Zuerst kommt der Small Blind, das ist der Mindesteinsatz, den hier jeder zahlen muss, dein Leben." Sarikaya sagt, er habe einen Jungen gekannt, dessen Vater hatte 40 Jahre bei Osram geschuftet. Der Junge habe die kompletten Ersparnisse seines Vaters verspielt.

Sarikaya, 43, und Kirtan, 37, vor dem Kasino, in dem viele ihrer Freunde an Spielautomaten ihr Leben verzocken

Sarikaya, 43, und Kirtan, 37, vor dem Kasino, in dem viele ihrer Freunde an Spielautomaten ihr Leben verzocken

Während Sarikaya und Kirtan durch ihren Kiez führen, erzählen sie von dem Traum, den sie vor vielen Jahren hatten. Erst war er klein, eine Art Sehnsucht, ein stiller Wunsch: Filme machen, und zwar nicht irgendwelche, sondern Kinofilme. Dann ging das Leben seinen Weg. Kirtan machte eine Personenschutzausbildung, er wurde Security-Mann. Stand stundenlang vor Gebäuden und dachte so vor sich hin. Sarikaya arbeitete bei der "Lebenshilfe", er pflegte geistig und körperlich behinderte Menschen, er arbeitete in einem Wettbüro, auch als Schauspieler, dann wieder als Streetworker. Kirtan und Sarikaya wurden älter, sie gründeten Familien. Sahen sie einen Film, der ihnen gefiel, wurden sie traurig. Dann dachten sie daran, was sie eigentlich mal hatten werden wollen. Aber weder Kirtan noch Sarikaya hatten Abitur gemacht, ihre Familien waren nicht reich. Sarikayas Vater war elf Jahre lang im Gefängnis gewesen. Bei Kirtan zu Hause gab es zehn Geschwister, sein kleiner Bruder Muhammed hat das Downsyndrom. Irgendwann, an einem dieser Tage, an denen sie an ihre Sehnsucht dachten, sagte Sarikaya zu Kirtan: "Weißt du, die Lynarstraße ist kein Ort, an dem Träume von allein wahr werden." Und Kirtan nickte.

Sarikaya und Kirtan haben in Schwarz-Weiß gedreht. Die Filmfigur Miko ist spielsüchtig, wegen Mikos Schulden wird es blutig

Sarikaya und Kirtan haben in Schwarz-Weiß gedreht. Die Filmfigur Miko ist spielsüchtig, wegen Mikos Schulden wird es blutig

Ein paar Wochen später gründeten die beiden eine Produktionsfirma, sie nannten sie "Lynarwood", eine Mischung aus ihrem Kiez und Hollywood, zwei Welten. Jahrelang sparten sie Geld für Kameras. Geld für Schauspieler hatten sie nicht. Bevor Sarikaya und Kirtan ihren Kinofilm "Familiye" drehten, verfügten sie über folgende Erfahrung: Sie hatten erstens das Musikvideo zum "Ghettolied" des Rappers Massiv gemacht. Zweitens einen Dokumentarfilm über die Rütli-Schule und drittens einen Kurzfilm über Spielsucht in Berlin-Spandau, dessen Hauptdarsteller Danyal während der Dreharbeiten verhaftet wurde.

Sie kannten den Rapper Xatar und der fragte seinen Freund Moritz Bleibtreu

Kirtan, der eh wenig redet, wird noch ruhiger, wenn man ihn nach seinem Bruder Danyal fragt. Sarikaya erzählt dann, wie Kirtan und er immer gemeinsam zum Gericht gegangen sind. Danyal wurde am selben Tag verurteilt wie Mohamed Abou-Chaker, genannt "Momo", der 2010 den Pokerraub im Hyatt-Hotel begangen hatte. Kirtans Bruder hatte zwar kein Kasino überfallen, war aber über Jahre immer wieder mit Delikten wie Körperverletzung und Einbruch aufgefallen. Er bekam, genauso wie Momo Abou-Chaker, mehr als sieben Jahre. Momo Abou-Chaker ist mittlerweile Freigänger. Kirtans Bruder Danyal saß erst in der JVA Moabit und wurde dann in die Türkei abgeschoben. Eigentlich hätte er die Hauptrolle in "Familiye" spielen sollen.

Die "Familiye"-Familie auf dem roten Teppich in Oldenburg

Die "Familiye"-Familie auf dem roten Teppich in Oldenburg

Sarikaya und Kirtan gingen ihren Film so an, wie man das macht, wenn man im Kiez um die Lynarstraße wohnt. Sie fragten ihre Familien, ihre Freunde, ihre Brudis. Und jeder wollte helfen. Die meisten hatten eh keinen Job, allerdings waren sie es gewohnt, lange zu schlafen. Manche, die mitmachen wollten, waren Spieler, andere Dealer. Sarikaya und Kirtan gaben ihnen Schauspielunterricht und ihrem Tag einen Ablauf. Die Filmmusik schrieb der Rapper Xatar. Auch der Künstler Haft befehl steuerte ein Lied bei, "Ich rolle mit mei'm Besten". Der Film sollte schwarz-weiß sein, weil Sarikaya und Kirtan das französische Noir-Kino mögen, zum Beispiel den Film "Hass", der vom Leben in den Banlieues erzählt, aber auch "Oh Boy" von Jan Ole Gerster. Und sie bewundern Scorsese und Fellini.

Die Geschichte ihres eigenen Films geht so: Danyal (Kubilay Sarikaya) kommt aus dem Gefängnis und muss sich um seine beiden Brüder kümmern, den spielsüchtigen Miko und den mit Downsyndrom geborenen Muhammed (Muhammed Kirtan, Sedats Bruder). Miko hat Ärger mit Geldeintreibern, Muhammed droht die Abschiebung ins Heim. Für Danyal beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Das Drehbuch schrieben Sarikaya und Kirtan in der Bäckerei nebenan, ein Büro konnten sie sich nicht leisten.

In einer der Schießereien zielt Sarikaya auf einen Drogenboss

In einer der Schießereien zielt Sarikaya auf einen Drogenboss

Als der Film acht Jahre nach Gründung der Produktionsgesellschaft fertig gedreht und geschnitten war, passierte erst mal nichts. Dann passierte weiter nichts. Ziemlich lange passierte nichts. Vielleicht waren die beiden nicht richtig vernetzt. Wenn man sie fragt, warum sie keine Filmförderung beantragt haben, sagen sie: "Willst du uns verarschen, wer gibt so Menschen wie uns denn Filmförderung?"

"Wir haben ja nie eine Filmhochschule von innen gesehen."

"Ich glaub, noch nicht mal von außen", sagt Kirtan.

Aber sie kannten den Rapper Xatar. Der fragte seinen Freund Moritz Bleibtreu, ob er nicht helfen könne. Bleibtreu hatte Kontakte in eine Welt, die Sarikaya und Kirtan bislang verschlossen geblieben war. Und die sie jetzt dringend brauchten.

"Soll isch dir dein Hirn pusten?"

Bleibtreu ist der Schauspieler mit dem größten Brudiherzen in der Branche. Sarikaya und Kirtan sagen, er sei der "Babo", der Größte. Aufgewachsen im Hamburger Stadtteil St. Georg, Durchbruch vor 20 Jahren mit dem Film "Knockin' on Heaven's Door", wo er den Gangster Abdul spielte. Abdul sagte Sätze wie: "Soll isch dir dein Hirn pusten?" Das Drehbuch zu dem Roadmovie hatte Til Schweiger geschrieben, es war der erfolgreichste Kinofilm des Jahres. Heute sagt Bleibtreu, Til Schweiger habe ihn damals dafür gelobt, wie gut er den Gangsterslang konnte. Dabei sei es ihm leichter gefallen, den Slang zu sprechen als Hochdeutsch. 2010 spielte Bleibtreu dann Arafat Abou-Chaker.

Fragt man ihn nach Integration, zieht er die Nase hoch und sagt, das sei ein ekelhaftes Wort.

Filmszene: Rumhängen im Viertel um die Spandauer Lynarstraße

Filmszene: Rumhängen im Viertel um die Spandauer Lynarstraße

Bleibtreu also, der inzwischen ins Produktionsgeschäft eingestiegen war, sah sich Kirtans und Sarikayas Film an. Danach bot er ihnen an, ihr Koproduzent zu werden. Dem stern sagt er: "Dieser Film ist entstanden, weil er entstehen musste, er ist nicht mit dem Blick von außen auf ein Milieu gemacht. Er verurteilt niemanden. Der Film ist nicht perfekt. Aber er ist echt. Er erzählt von der Ausweglosigkeit, in die man in Deutschland hineingeboren werden kann." Es ist ein Film, der davon erzählt, wie man von seiner Familie abhängt, auch wenn es eine kaputte Familie ist.

Im September 2017 wurde "Familiye" auf dem Filmfest in Oldenburg gezeigt, und Sarikaya und Kirtan reisten an, wie sie es immer tun: mit viel PS und ihrem Clan. Ihre Brüder kamen mit, ihre Frauen, ihre Kinder, Muhammed natürlich, Moritz Bleibtreu, die Rapper Xatar und Ssio, Schwesta Ewa. Man kann sagen, es waren Brudifestspiele in Oldenburg.

Im echten Leben: Rumhängen im Viertel um die Spandauer Lynarstraße

Im echten Leben: Rumhängen im Viertel um die Spandauer Lynarstraße

Kirtan war leichenblass, bevor er den roten Teppich betrat. Er war krank an diesem Tag, und das Rampenlicht war neu für ihn. Bleibtreu führte seine Filmfamilie an und beantwortete auch die dümmsten Fragen der Moderatorin von "Bremen Next" ("Herr Bleibtreu, sind Sie eigentlich auch immer treu?"). Die jungen Filmfestbesucher kreischten, als Ssio und Xatar den roten Teppich betraten. Als sich Bleibtreu später neben seine Brudis in der Kinohalle setzte, sah er glücklich aus. Nachdem der Film zu Ende war, wurde minutenlang geklatscht. Muhammed rannte im Smoking auf die Bühne. Standing Ovations. Sarikaya kamen fast die Tränen. Er musste sich selbst sagen: Jetzt reiß dich mal zusammen, du Pisser. Aber er habe sich so gefühlt wie damals, als sein Sohn auf die Welt kam, sagt er, wie in dem Moment, in dem er ihn zum ersten Mal gesehen habe. Wahrscheinlich, weil wieder etwas Neues geboren wurde. Irgendwas Großes. Keine Frau, Droge oder Musik habe das je geschafft. Er weiß, dass das kein feiner Zug ist, so etwas zu sagen. Aber es ist die Wahrheit.

Unser Vorbild ist Wim Wenders

Allerdings war das Neue auch merkwürdig. Nach der Premiere kam eine ältere Frau zu Sarikaya. Sie sagte ihm, dass sie den Film gemocht habe, aber nun ja, diese ganzen Kraftausdrücke, mussten die wirklich sein? Sarikaya hat sich dann erklärt. Er hat gesagt, dass alle diese Ausdrücke keine Entscheidung gewesen seien, kein Stilmittel, sondern dass sie einfach da waren. In seinem Milieu, in seiner Sprache, ja, irgendwie auch in seinem Herzen. Er versuchte es so: "Wissen Sie, ich nenne meinen Freund Sedat auch Wichser, aber nicht als Wichser gemeint, sondern eher so wie Mensch. Verstehen Sie?" Die Frau verschwand daraufhin.

Später wollte dann noch ein Regisseur aus Amerika mit Sarikaya reden, aber Sarikaya kann Kurdisch, Türkisch und Deutsch, kein Englisch. Ein Mitarbeiter des Festivals bot sich als Übersetzer an. Es war alles etwas viel an diesem Abend. Vielleicht wirkte Sarikaya deshalb auch manchmal ein bisschen verzweifelt.

Verzweifelte Bruderliebe in "Familiye"

Verzweifelte Bruderliebe in "Familiye"

Nach der Vorführung wurden er und Kirtan dann noch in einem Interview gefragt, wer eigentlich ihr filmisches Vorbild sei. Der Journalist sagte, bestimmt Fatih Akin, oder? Da wurde Sarikaya wütend: "Und weißt du, warum? Weil alle denken, wenn du Kanake bist, muss Fatih Akin dein Vorbild sein. Aber unser Vorbild ist Wim Wenders."

Manchmal kommt es den beiden so vor, als gebe es immer noch ein Akzeptanzproblem zwischen ihnen und Deutschland. Dabei, sagt Sarikaya, seien sie doch deutsch. Sie seien hier geboren. Sie fühlten sich deutsch. Was müssten sie noch machen, um das zu beweisen?

"Familiye" gewinnt German Independence Award

Vier Tage nach der Premiere wurde der Hauptpreis des Filmfestivals im Staatstheater vergeben. Das Publikum hatte abgestimmt. "Familiye" hatte gewonnen. Die Zeitschrift "Hollywood Reporter" schrieb: "Gangster Film 'Familiye' wins German Independence Award." Bleibtreus Produktionsfirma musste allerdings noch einen Verleiher finden. Ohne Verleih kein Kino, ohne Kino kein Kinofilm und kein erfüllter Traum.

Kubilay Sarikaya war vor seinem Filmerfolg Streetworker. Er hat aber auch schon in einer Behinderteneinrichtung und einem Wettbüro gearbeitet

Kubilay Sarikaya war vor seinem Filmerfolg Streetworker. Er hat aber auch schon in einer Behinderteneinrichtung und einem Wettbüro gearbeitet

Ein paar Wochen später, das Jahr neigt sich dem Ende zu, lenkt Sarikaya seinen schwarzen Mercedes über die regennassen Straßen am Kottbusser Tor. Am Rückspiegel schaukeln Gebetsketten und ein Nazar-Amulett. Es soll den bösen Blick abwehren. Berlin ist an diesem Tag grau und hässlich, aber Kubilay Sarikaya findet auf dem Asphalt vor sich noch Poesie. Er sagt: "Schau mal, Sedat, die Tauben in Berlin haben sich der Stadt angepasst. Die bleiben so lange sitzen, bis man sie fast überrollt. Du denkst schon, die sind erledigt, und dann, im letzten Moment, da fliegen sie!" Sedat Kirtan nickt.

Der Anruf kommt wenige Wochen später. Bleibtreu, der Babo, hat einen Verleiher gefunden.

Themen in diesem Artikel