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Film: Festival zwischen Chaos und Stille

Schlechte Tage in cannes

Ein frischer Wind wehte in Cannes am Wochenende nur am Strand, zerzauste die Palmen und ließ duftige Kleider flattern. Die ersten Tage des Wettbewerbs der Internationalen Filmfestspiele verliefen nicht schlecht, aber etwas lau: Keine überwältigenden Emotionen, wenig künstlerische Strahlkraft, kein größerer Skandal - wenn man von Sex- und Pornoszenen absieht, die niemanden mehr wirklich aufregen. Einzig der Spanier Pedro Almodovar hat sich schon einen weich gepolsterten Platz im Herzen des Publikums erobert. Mit seinem tragikomischen Frauenfilm "Volver" liegt er im Rennen um die Goldene Palme bisher ganz weit vorn.

Die meisten Wettbewerbsfilme der ersten Tage lassen sich in zwei Gruppen unterteilen: Entweder wird unentwegt geredet und erklärt, oder es bleibt allzu stumm. "Red Road" der britischen Regisseurin Andrea Arnold ist von den stillen, leisen Beiträgen einer der besten. Eine Frau kann den Tod ihrer Tochter und ihres Mannes nicht verwinden und verfolgt den Mann, den sie dafür verantwortlich macht. Arnold findet überaus intensive Bilder für die seelische Entwicklung ihrer Hauptfigur (Kate Dickie), deren Job es ist, vor einer Wand aus Monitoren das Leben auf den Straßen von Glasgow zu überwachen. Die Kameraarbeit in «Red Road» hätte jede Auszeichnung verdient. Doch das Drehbuch führt den Zuschauer so ärgerlich auf eine falsche Thriller- Fährte, dass die Auflösung am Ende in sich zusammen bricht.

Einen ernsthafteren Einstieg ins politische Fach versucht der Amerikaner Richard Linklater mit "Fast Food Nation" im Wettbewerb. Er hat ein erfolgreiches Sachbuch über die Ausbeutungs- und Marketing- Strategien von Konzernen wie McDonalds und Co. als pädagogisch wertvollen Spielfilm umgesetzt. Illegale Arbeiter aus Mexiko werden in riesigen amerikanischen Schlachtfabriken ausgebeutet, gesundheitsgefährdende Keime im Fleisch nehmen die Hersteller zynisch hin. Für europäische Ohren, seit Jahrzehnten an ausführliche Umwelt- und Menschenrechtsdiskussionen gewöhnt, klingen die sozialkritischen Erklärungen jedoch oft unbedarft und noch naiver als viele Gespräche, die in den Partynächten von Cannes irgendwo in Nähe einer leer getrunkenen Bar geführt werden.

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