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Filmfestspiele: Versailles liegt in Cannes

Mit Schönheit und Verschwendung kommt der Film "Marie Antoinette" von Sofia Coppola daher. Lediglich Kirsten Dunst kann in der Hauptrolle des 40 Millionen Dollar Films nicht überzeugen.

Kaum ein Film passt so gut zum Festival in Cannes wie "Marie Antoinette" von Sofia Coppola. Die Fixierung auf Schönheit und Glamour, die Sucht nach Verschwendung und Vergnügen, die abgeschlossene höfische Gesellschaft, in die niemand ohne offizielle Einladung Einlass findet, die Oberflächlichkeit: Das Leben im Schloss von Versailles kurz vor der Französischen Revolution kommt dem Festivalzirkus dieser Tage sehr nahe - nur dass in Cannes niemand dafür geköpft wird.

Kirsten Dunst kann nicht überzeugen

Anders als in ihrem leisen Hit "Lost in Translation", der mit Tiefgang und lakonischem Humor überzeugte, setzt Coppola (35) jetzt auf lauten Glam-Rock und spielt ganz die "Mädchenkarte" aus. Die Tochter von Francis Ford Coppola - der berühmte Vater hat sie an die Cote d'Azur begleitet - hat selbst einen Ruf als modische Stilikone zu verteidigen und schwelgt in Kostümen, Ausstattung und der Üppigkeit des Original-Drehorts Versailles.

Ihr Film ist sinnlich und sexy wie ein langer Video-Clip mit moderner Musik von Bands wie New Order. Die Geschichte der naiven Prinzessin aus Wien, die als 14-Jährige Ende des 18. Jahrhunderts nach Frankreich geschickt wird, um mit Louis XVI. einen Thronfolger zu produzieren, erstickt allerdings in Seide und süßem Gebäck. Kirsten Dunst, die junge Amerikanerin aus "Spiderman", kann als politisch missbrauchte, verunsicherte Marie Antoinette nicht überzeugen.

Mexikanischer Film mit Starbesetzung

40 Millionen Dollar hat "Marie Antoinette" gekostet, im Budget inbegriffen sind verschwenderische Kleider und Dutzende von historischen Schuhkreationen des Kult-Designers Manolo Blahnik. Sharon Stone, die als Überraschungsgast der Gala-Vorführung am Mittwochabend über den Roten Teppich schritt, war sicherlich begeistert.

Dass Kommunikation ein kompliziertes Bedürfnis ist, erfahren die Festivaliers in Cannes nicht nur, wenn sie auf dem Weg zur nächsten Party-Verabredung feststellen, dass das Handy-Netz zusammengebrochen ist. Auch "Babel", der Wettbewerbsbeitrag des Mexikaners Alejandro Gonzàles Inàrittu, dreht sich um Kommunikation, Verständigung und Vorurteil. Sein Film ist nicht nur ein durchkomponiertes Drama mit Stars wie Brad Pitt und Cate Blanchett, sondern auch ein philosophischer Kommentar über Zufall und Schicksal, Kinder und Eltern, Terrorangst und Aggression.

"Babel" gehört zu den Favoriten

Die miteinander verwobenen Geschichten über ein verschenktes Gewehr, das mit einem Zufallstreffer fatale Folgen auslöst, spielen in den USA, Mexiko, Marokko und Japan. Babylonisch ist das Sprachgewirr. Aber auch die Menschen, die sich miteinander verständigen können, verstehen sich nicht. "Wir sehen die anderen immer als Feinde, wir können nicht mehr zuhören. Das ist Babel heute", erklärte Inàrittu seinen Ansatz, mit dem er durchaus zum Kreis der Favoriten für eine Auszeichnung am Sonntagabend zählt.

Einen Hauch Fellini brachte der Italiener Paolo Sorrentino an die Croisette. Sein Film "L'amico di famiglia" (Der Freund der Familie) ist das Porträt eines menschlichen Monsters und wirkt mit seinen extremen Charakteren und seiner intensiven Bildgewalt fast surreal. Giacomo Rizo spielt die Hauptfigur, einen Geldverleiher und perversen Geizhals, derart ekelhaft faszinierend, dass das Kino fast nach ihm zu riechen beginnt. Aber vielleicht müffelt im Festivalpalais auch nur der Mann im Vordersitz - gegen Ende der Filmschau gehen manchen Besuchern offensichtlich die frischen Kleider aus.

Karin Zintz/DPA / DPA