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Filmkritik: Warum "Kick-Ass" nicht kickt

"Kick-Ass" ist die Verfilmung eines Comics über selbsternannte Superhelden und sorgt derzeit bei Zuschauern für Begeisterung, aber auch für Abscheu. Gibt es eigentlich ein Mindestalter für möglichst brutal tötende Killermaschinen?

Von Sophie Albers

Der Hype war groß und versprach viel. "Kick-Ass" mache jeden weiteren "Spiderman" überflüssig, hieß es über Matthew Vaughns neuen Film. Aber es gab auch kritische Stimmen, schließlich ist die Heldin ein um sich ballerndes, fluchendes Kind. Und tatsächlich: Mit eben diesem niedlichen Mädchen schießt "Kick-Ass" sich ins moralische Aus.

Dabei fängt die Comicverfilmung richtig gut an: Dave ist einer dieser Durchschnitts-Teenager, mit deren Misere Heldenfilme zu Beginn traditionell Lacher ernten. Er mag Comics, hätte langsam gern mal eine Freundin, hat sich aber schon damit abgefunden, dass es wohl länger dauern wird. Dann kommt er plötzlich auf die Idee, sich selbst zum Superhelden zu erklären. Er zieht einen Taucheranzug an, nennt sich Kick-Ass und geht auf die Straße, um Gutes zu tun. Soweit so wundervoll. Doch ist Dave mit seiner Allmachtsfantasie ein obergrünohriger Anfänger.

Auftritt Hit Girl und Big Daddy. Hinter den Kostümen stecken Vater und Kind: Ein verbitterter Ex-Polizist (Nicolas Cage), der einst vom Obermafioso der Stadt unschuldig hinter Gitter gebracht wurde, hat seine elfjährige Tochter (Chloe Grace Moretz) zwecks Rachefeldzug von Kindesbeinen an auf Killermaschine gedrillt. Waffen und Kampftechniken aller Art und das, was man damit anstellen kann, bereiten dem knuddeligen blonden Ding große Freude. So zieht sie mit Papa durch die Stadt und splattert alle Mafiosi, derer sie habhaft werden kann. Und das ohne jede Regung im Kindergesicht, stattdessen mit Sprüchen, die wohl selbst für "Stirb langsam" zu hart gewesen wären. Dieses Kind ist eiskalt im verstörendsten Sinne des Wortes. Denn die verwirrende Geschichte, wie Big Daddy und Hit Girl auf Kick-Ass treffen, der sich plötzlich inmitten geplatzter Schädel wiederfindet, ist egal. Nein, eigentlich die lustig-anarchische Geschichte von Kick-Ass sogar ein ganz anderer Film.

Harmonica und Uma Thurman

Rachefeldzüge haben im Kino Tradition: Man denke nur an Sergio Leones Meisterwerk "Spiel mir das Lied vom Tod" (1968), das von der Jagd eines Mannes auf den kaltblütigen und -äugigen Mörder seines Vaters erzählt. Oder nehmen wir die Braut (Uma Thurman) in Quentin Tarantinos Rache-Epos "Kill Bill" (2003), die in ihrer Raserei menschliches Sushi kreiert. Rache hält für großartig dynamische, komplexe, trashige Filme her, emotionale Achterbahnen und schreiendgrelle Blutfontänen. Das Problem von "Kick-Ass" ist, dass die Rache nehmende Heldin weder komplex noch trashig ist. Sie ist einfach nur ein Monster im Körper eines Kindes.

Und dieser kaltblütig tötende kleine Mensch wirbelt durch eine Schenkelklopfer-Komödie. Das macht den Film zu einem verdienten Aufreger und hoffentlich zum Anlass für die schon so häufig geführte Diskussion über die Grenzen der Gewaltdarstellung als Popcornvergnügen. Nach ein, zwei Hit-Girl-Splatterorgien und Big Daddys wortwörtlichem Anfeuern (er selbst testet die schusssichere Weste seine Kindes am Kind) fällt einem nämlich ein ganz anderer Film über tötende Kinder ein: Jean-Stéphane Sauvaires Traumakino "Johnny Mad Dog" (2008).

"Das ist doch nur ein Film"

Dieser Film könnte von der Popcorntüte nicht weiter entfernt sein, doch auf einer hässlichen Ellipse dockt er an "Kick-Ass" an. "Johnny Mad Dog" erzählt von Kindern, die darauf gedrillt werden zu töten und die begeistert losziehen, um anzuwenden, was sie gelernt haben. Ganz so wie das kleine Hit Girl streifen sie sich dabei Kostüme über und feuern sich mit Sprüchen an. Allerdings handelt "Johnny Mad Dog" von Kindersoldaten im afrikanischen Bürgerkrieg. Und plötzlich ist der tote Blick von Hit Girl alles andere als cool. Auch sie tut nur das, was Big Daddy ihr all die Jahre beigebracht hat, tötet die Feinde, die er benennt, scheint einer eigenen emotionalen Regung kaum fähig zu sein. Einziger Unterschied ist, dass die marodierenden Jungs reale Vorbilder und weniger moderne Waffen haben.

Es gibt eine Grenze, und "Kick-Ass" hat sie überschritten. In einer Welt, die Kindersoldaten gebiert, reicht das letzte Argument "Das ist doch nur ein Film" nicht mehr aus.

Mehr zu den neuen Kinofilmen in dieser Woche erfahren Sie in Sneak, dem stern.de-Kinomagazin.