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Filmstart von "Bessere Zeiten" "Dass Mama und Papa nüchtern sind"


Wie Kinder trinkender Eltern um Liebe, Geborgenheit und das eigene Überleben kämpfen: Die Schwedin Pernilla August erzählt davon beeindruckend, aber ohne jedes Pathos in "Bessere Zeiten". Noomi Rapace brilliert in der Hauptrolle.

Wer Noomi Rapace als unglaublich hart zuschlagende Lisbeth Salander aus den Verfilmungen der "Millennium"-Thriller kennt, wird staunen: In "Bessere Zeiten" lässt die 31-Jährige als Leena, Tochter einer sterbenden Alkoholikerin, fast nur ihren Gesichtsausdruck sprechen - aber wie!

Auch Oscar-Preisträgerin Helen Mirren war beeindruckt. "Dieser Film mit seinem universellem Thema würde jeden Menschen auf unserem Planeten tief bewegen", sagte die Britin, als sie in Kopenhagen die Vergabe des Nordischen Filmpreises an "Bessere Zeiten" verkündete.

Ein bescheidener Wunsch

Das "universelle Thema" des Regiedebüts von Pernilla August ist der Kampf von Kindern mit der Trinkerei ihrer Eltern: Leena wird per Telefon an das Sterbebett ihrer Mutter gerufen. Die sie eigentlich aus dem eigenen Leben gestrichen hatte. Zu hart sind die Erinnerungen an eine Kindheit mit immer neuen Enttäuschungen, weil die Eltern von der Flasche nicht lassen konnten.

Der nahende Tod der Mutter bringt das Verdrängte zurück, und "Bessere Zeiten" zeigt, was da wieder hochkommt. Als Kind hat Leena auf ihren bescheidenen Wunschzettel geschrieben: "Ein neuer Badeanzug", weil sie leidenschaftlich gerne schwimmt, aber ohne ordentlichen Badeanzug nicht beim Training zugelassen wird. Ihr zweiter Wunsch: "Dass Mama und Papa nüchtern sind".

Beide Wünsche bleiben weitgehend und mit herzzerreißenden Folgen unerfüllt. In Vor- und Rückblenden zeigt Pernilla August (als Schauspielerin aus Ingmar-Bergman-Filmen und aus "Star Wars" bekannt) ohne Pathos den Herkuleskampf des Mädchens um das eigene Überleben. Nicht weniger um das ihres viel schwächeren Bruders. Und immer wieder um Zeichen für die Liebe ihrer Eltern.

Einer Liebe, die zwar da ist, aber vom Drang zur Flasche, Gewalt und komplettem Versagen im Alltag zerstört wird. Wer gesehen hat, wie Leena im frühen Teenageralter den Vater als verdreckte Schnapsleiche vor dem Verrecken bewahrt, wird beim nächsten Gespräch über Trinkprobleme vielleicht etwas mutiger argumentieren.

Überleben durch Verdrängung

Aber "Bessere Zeiten" zeigt auch die lichten, lustigen und liebesfähigen Seiten der Leena-Eltern. Nüchtern zeigt der Film den hohen Preis, den die Tochter als Erwachsene für ihr Überleben durch Verdrängung zahlen muss. August hat mit "Bessere Zeiten" den Roman gleichen Titels der Schwedin Susanna Alakoski (Verlag editionfünf, Gräfelfing) verfilmt. Alakoski war wie Leena im Buch und im Film als Tochter einer armen finnischen Zuwandererfamilie nach Schweden gekommen.

Der Film ist Schwedens Oscar-Kandidat als bester nicht-englischsprachiger Film im kommenden Jahr. Bei der Biennale in Venedig gab es einen Publikumspreis und bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck den NDR-Filmpreis. Neben dem Nordischen Filmpreis hat August daheim auch den diesjährigen "Guldbagge" ("Goldkäfer"), Schwedens nationalen Filmpreis, bekommen.

Thomas Borchert, dpa DPA

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