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Interview Rob Reiner: "Der Tod ist eine Motivation"

"Harry und Sally", "Stand by me" oder "Eine Frage der Ehre" - Rob Reiner gehört zu den ganz großen Nummern auf Hollywoods Regiestühlen. Für ihn gibt sogar Jack Nicholson in seinem aktuellen Werk "Das Beste kommt zum Schluss" den Löffel ab. Im stern.de-Interview geht es um Leben und Tod.

Wenn es mir schlecht geht, gucke ich "Harry und Sally"...

Oh, das ist gut!

Wenn es mir sehr schlecht geht, dann gucke ich "Princess Bride"...

Auch sehr gut!

Sind Sie sich der emotionalen Macht Ihrer Filme eigentlich bewusst? Oder streift man das irgendwann ab?

Wenn Leute zu mir kommen und sagen, dass es sie berührt hat oder ihnen Freude bereitet, fühle ich mich großartig. Ich liebe dieses Gefühl. Besonders freut es mich, dass Filme wie "Harry und Sally", "Spinal Tap" oder "Princess Bride" ihren Weg durch die Generationen nehmen. Kinder, die die Filme damals im Kino gesehen haben, haben mittlerweile selbst Kinder. Das ist unglaublich!

In "Das Beste kommt zum Schluss" gibt es diese Szene, in der die beiden Todgeweihten ganz offen darüber reden, was mit ihren Körpern passieren soll. Es ist ein entspanntes Plaudern über Einäschern oder Einbuddeln. Es hat etwas Befreiendes, Leute, die einfach so über den Tod reden.

Das mussten wir machen, sonst hätte der Film nicht funktioniert. Wie Jack [Nicholson] schon sagte: Wir machen nur einen dieser Filme, nicht viele, und deshalb müssen wir es richtig machen. Dazu gehörte auch, Dinge auszusprechen, die eben dazugehören, wenn es so weit ist. Genauso wie diese Diskussion im Flugzeug, was denn nun passieren wird, wenn sie sterben, ob es einen Gott gibt oder nicht.

Aber in unserer Gesellschaft spricht man nicht offen über den Tod. Wir sind sozusagen alle noch in der "Verweigerungsphase".

Das ist wahr. Und das ist das Interessante daran: Vom Tag unserer Geburt an, wenn auch auf tiefer, unbewusster Ebene, wissen wir, dass wir sterben werden. Zu einem gewissen Grad begleitet uns dieses Wissen durch unser Leben. Haustiere sterben oder Großeltern. Man kommt mit dem Tod in Berührung. Und je älter man wird, desto sichtbarer wird der Tod, man siehst ihn immer klarer vor sich. Man lebt damit – und versucht, trotzdem Spaß zu haben, glücklich zu sein. Deshalb, finde ich, funktioniert der Film. Jeder Mensch, der im Kino sitzt, hat die gleichen Erfahrungen wie die zwei Typen auf der Leinwand. Ob sie nun auf das Ende ihres Lebens zugehen oder am Anfang stehen, sie wissen, dass es irgendwann passiert. Und es ist unser Job, diesem Leben Bedeutung zu geben.

Es heißt: Wir wissen, dass wir sterben, aber wir begreifen nicht, dass wir endlich sind.

Das soll man auch nicht, bis es so weit ist. Aber es fällt einem ab und zu ein. Dann überlegt man, was aus seinem Leben zu machen. Mit anderen Worten: Die Leute wären nicht so interessiert daran, etwas aus ihrem Leben zu machen, wenn sie nicht wüssten, dass sie sterben werden. Es ist auch eine Motivation.

Eigentlich kann man die Endlichkeit gar nicht zu Ende denken, ohne durchzudrehen. Das ist doch so, als würde man darüber nachdenken, wo das Universum aufhört... Irgendwann kommt man nicht weiter

Und deshalb hält unser Geist uns auf wundersamem Wege davon ab, immerzu in dieser Realität des Wissens um den Tod zu leben. Sonst könnte man sich ja gleich einen Strick nehmen. Weil das nicht geht, sagt unser Geist eben: Okay, ich weiß, dass ich sterben werde, aber bis dahin werde ich mein Leben genießen, ich werde gut essen, Sex haben, jemanden umarmen, ich werde mir die Welt ansehen, etwas erschaffen.

Es heißt immer, die Menschen fürchten die Endlichkeit, aber ist es nicht eigentlich andersherum? Müssten wir nicht die Unendlichkeit fürchten, schließlich nähme sie dem Leben die Bedeutung.

Menschen, die ein bedeutsames Leben gelebt haben, ein erfülltes Leben, die ihr Leben genossen haben, wenn deren Zeit gekommen ist, sind sie meist einverstanden abzutreten. Nach dem Motto: Es ist Zeit für mich zu gehen. Ich denke, man fürchtet das Ende nur, wenn man sein Leben nicht ausgelebt hat. Sie sind jung, ich bin schon 60, Sie wollen bestimmt noch eine Menge erleben...

Sicher...

...und da ist so vieles! Wenn man etwas erreicht hat, geliebt hat, Kinder in die Welt gesetzt hat, dann ist der Tod nicht mehr so furchteinflößend.

Waren Sie jemals selbst schwer krank, dem Tode nah?

Nein, aber ich bin im vergangenen Jahr 60 geworden, deshalb denke ich mehr über die Sterblichkeit nach. Das ist so, das wird auch bei Ihnen so sein. Du fragst dich, was du mit deinem Leben gemacht hast, ob es von Bedeutung war. Das schwingt plötzlich mit. Und also habe ich bei dem Drehbuch zu "Das Beste kommt zum Schluss" gedacht: Gute Güte, das ist die perfekte Spiegelung dessen, was ich denke. Besser kann ich es nicht ausdrücken.

Sie drehen Ihre Filme also für sich selbst?

Ja. Du machst sie für dich selbst und hoffst, dass sie auch anderen Menschen etwas bedeuten mögen. Denn wenn die Filme kein Geld bringen, kannst du keine neuen mehr drehen [lacht]

Herr Reiner, Sie sind stark politisch aktiv, Sie engagieren sich besonders für ein Kinderschutzprogramm. Wie schalten Sie zwischen dem falschen Schein Hollywoods und der knallharten Realität armer Kinder hin und her? Geht Ihnen die Oberflächlichkeit des Filmgeschäfts nicht manchmal auf die Nerven?

Es nervt mich die ganze Zeit! Aber was soll ich denn tun? Mir bleibt nichts anderes übrig, als meinen Job zu machen. Wissen Sie, auf meiner "Löffel-Liste", wenn ich denn eine habe, steht seit dem ersten Tag, dass ich Dinge schaffen möchte, die nicht die Kultur verderben. Etwas, das mit positiver Kraft auf die Kultur wirkt. Danach strebe ich. Am Ende muss das jeder für sich selbst finden.

Interview: Sophie Albers
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