Interview Todd Haynes "Eine Geschichte aus Dylans Geist"


Mit seinem neuen Film wagt sich der amerikanische Regisseur Todd Haynes an eine der komplexesten Figuren in der jüngeren amerikanischen Geschichte: Bob Dylan. Eines kann man Haynes dabei nicht vorwerfen - dass er zu ehrfürchtig an Dylans Legende klebt.

Warum sind Ihre Filme von "Velvet Goldmine" bis jetzt zu "I'm Not There" durch Popmusik geprägt?

Glamrock, das Thema von "Velvet Goldmine" und Bob Dylan, um ihn dreht sich mein neuer Film "I'm Not There", waren wichtige Bestandteile meiner Jugend. In der Pubertät definiert man sich mit Hilfe besonderer Künstler und wirft sich dank ihrer Ansichten in die Welt. Das verbindet sich mit der eigenen Biografie auf unterschiedliche Weise, das kann mit Sexualität zu tun haben oder mit dem Anspruch, Künstler zu werden. Bob Dylan war mein Vorbild. Von seiner Musik geht sehr viel Energie aus, sie hat mich schon mehrmals angesteckt.

Was geschieht mit Ihnen beim Musikhören und wie transportieren Sie es in ihren Bildern?

Ich höre Musik, so wie alle Menschen. Sie ermuntert mich in allen Lebenslagen und feuert mich an. Aber gleichzeitig hat Musik etwas Irrationales, wie Filme auch. In ihrem Kern sollten Filme auch gar nicht intellektuell erfassbar sein. Es geht nicht um Worte, sondern um Bilderwelten und musikalische Bewegungsabläufe: Meistens ist Musik essentieller Bestandteil meines kreativen Prozesses. Sie beliefert mich mit kreativem Nachschub und hilft dabei, eine dritte Position zu finden zwischen mir und der Umwelt.

Handelt "I'm Not There" von Ihrer Fanbeziehung zu Bob Dylan, oder von den bekannten biografischen Fakten?

Weder noch. Ich würde sagen, es ist eine Geschichte aus Dylans Geist. In Bob Dylan spiegeln sich die Identitäten von typischen Amerikanern wieder und die kommen in meinem Film vor.

Warum stellen Sie Dylan in sieben verschiedenen Episoden von sechs verschiedenen Schauspielern dar?

In Bob Dylan steckt selbst ein Schauspieler. Er ist jemand, der sich konstant wandelt. Aber, Dylan ist stets auch Autor und Regisseur seiner eigenen Karriere. Jeder Wandel ist auch ein Bruch mit der vorherigen Dylan-Identität. Genauso ist jeder Live-Auftritt von ihm anders. Auch wenn er unglaubliche Songs schreibt und seine Texte von der Literaturkritik schon längst poetische Weihen erhalten haben, geht es ihm um Leben und Sterben im Augenblick. Das hebt Dylan vom Rest der Menschheit ab.

Manche Szenen in Ihrem Film wirken wie Fantasien über Dylans Plattencover.

Auch wenn es nur ein verwackeltes Foto von Bob Dylan ist - wie er, mit Schal und Cordhose bekleidet, neben einem mysteriösen Mädchen eine Straße runterlatscht - man kann damit gedanklich beim Hören abschweifen. So wird das Musikhören intensiver. Ich habe als Filmemacher unglaublich viel dabei gelernt. Früher habe ich für Freunde Kassetten aufgenommen. 45 Minuten pro Seite, das waren richtige Konzeptkassetten, in die ich eine emotionale Erzählung gelegt habe. Diese musikalischen Bewegungsabläufe habe ich später beim Filmen verinnerlicht.

Sie bedienen sich auch bei Filmen aus den Sechzigern. Wie haben Sie dabei eine Verbindung zu Bob Dylan hergestellt?

Die sechziger Jahre sind das Goldene Zeitalter der kulturellen Produktion im Allgemeinen und des Kinos im Speziellen. Das zeige ich mit "I'm Not There". Und außerdem stelle ich die überschäumenden Konflikte und intensiven Lebenserfahrungen jener Jahre dar. Damals hat sich in kurzer Zeit unheimlich viel verändert. Auch Dylan hat seine Musik ständig abgewandelt. Deshalb gibt es ja auch diese sieben unterschiedlichen Episoden: Für den Dylan im Jahr 1966 habe ich etwa die stilistischen Exzesse des europäischen Arthouse-Kinos als Quelle genommen. "8 ½" von Fellini fand ich eine passende Vorlage. Bob Dylan war 1966 ein Künstler, der vor der Konsumwelt kollabiert. Und dieser Kollaps hat sich wiederum auf sein künstlerisches Unterfangen ausgewirkt, mit seinen Songs alles in Frage zu stellen. Als er plötzlich eine E-Gitarre in die Hand genommen hat, ging es um mehr, als nur um den Bruch mit der Folktradition. Auch "8 ½" handelt von einem Künstler, der von den Medien gejagt wird, und sich ständig zu rechtfertigen hat, warum er jetzt so seltsame Filme dreht.

Bob Dylan heißt in Ihrem Film immer anders: Mal Woody, mal Arthur, mal Jude Quinn.

Bei der Recherche bin ich alle Personen durchgegangen, von denen Dylan inspiriert wurde. Vom amerikanischen Folksänger Woody Guthrie, bis zum französischen Schriftsteller Arthur Rimbaud. Dieses Faktenmaterial füllte ich in meine Protagonisten. Das ist vergleichbar mit einem naturwissenschaftlichen Experiment, wo man das Ergebnis runtergekocht, bis nur noch Essenzen übrig bleiben. In Jude Quinn stecken zum Beispiel Judas, das deutsche Wort Jude und der Songtitel "The Mighty Quinn".

Komischerweise tritt der Dichter Allen Ginsberg unter seinem richtigen Namen auf.

Ja, ein paar Stolperschwellen hab ich eingebaut. Jene Zeitgenossen, die auch außerhalb der Dylan-Sphäre ein Eigenleben hatten, treten mit ihren Namen auf, während andere aus seinem Dunstkreis umbenannt werden mussten. Dylans Muße Coco Rivington tritt auch bei mir als Coco Rivington auf. Alice Fabian, gespielt von Julianne Moore, ist mein Deckname für die Liedermacherin Joan Baez.

Gab es schon Reaktionen von Bob Dylan?

Dylan willigte eines schönes Tages einfach ein und sagte seinem Manager, okay, geben wir dem Kerl die Rechte. Seither herrscht Schweigen. Direkt zu tun habe ich nur mit seinem Manager Jeff Rosen und der hat mich mit allen erdenklichen künstlerischen Freiheiten ausgestattet. Als die Rechte an den Songs verlängert werden mussten, hatte ich panische Angst, bei Dylans Manager anzurufen. Er klopfte mir nur auf die Schulter und sagte, alles, was ich tun müsste, wäre, meine eigene Sicht auf die Dylangeschichte weiter zu verfolgen.

Was sagt Ihnen der Satz "I'm Not There"?

Das ist eine Entsprechung von "Ich ist ein anderer" von Arthur Rimbaud. Es bedeutet, sobald man "ich" sagt, lässt sich das Gesagte nicht mehr beeinflussen und gehört einem nicht mehr. Genauso wird alles, was man als Künstler erschafft, öffentlich. "I'm Not There" heißt aber auch der gleichnamigen Song von Dylan. Er ist unvollendet geblieben, bei der Aufnahme, die es von ihm gibt, hört man Dylan quasi beim Komponieren zu, was zur Faszination des Songs nur noch mehr beiträgt. Man hört ihn immer und immer wieder und jedes Mal erschließen sich einem beim Hören neue Geheimnisse. "I'm Not There" charakterisiert Bob Dylan.

Interview: Julian Weber

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