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Jeremy Irons im Interview: "Man blufft und versucht zu gewinnen"

In dem Kinofilm "Der große Crash - Margin Call" spielt Jeremy Irons einen skrupellosen Top-Banker, der die Finanzkrise auslöst, um die eigene Haut zu retten. Im stern.de-Interview spricht er über Moral im Kapitalismus und die Grenzen des Systems.

Von Carsten Heidböhmer

Mr. Irons, in dem Film "Der große Crash - Margin Call" spielen Sie einen skrupellosen Top-Banker, der mit seinem Verhalten die Finanzkrise auslöst. Ist es möglich, den Kapitalismus mit Moral zu zähmen?
Moral kommt von Religion, und die ist zusammengebrochen. Man muss also eher fragen: Was ist legal und was ist nicht legal. Die Gesetze müssen sich danach richten, was gut für die Gesellschaft ist. Alles was wir tun, sollte zum Wohle der Gesellschaft sein.

Haben Sie verstanden, wie der Crash in dem Film zustande kommt?


Nein, selbst der von mir gespielte Charakter versteht das nicht.

Haben Politiker die richtigen Schlüsse aus der Finanzkrise gezogen?


Nein, sie haben noch gar nicht damit begonnen, etwas zu tun. Wir denken immer noch, wir bräuchten eine wachsende Wirtschaft, um erfolgreich zu sein. Das verstehe ich nicht. Ich sehe nicht, wie der Westen immer weiter wachsen will. Es geht nur, wenn die Leute sich immer mehr Geld leihen, damit sie mehr kaufen können. Und wohin das führt, haben wir in der Krise gesehen. Wir müssen ein ökonomisches Modell finden, wie die Menschen glücklich leben können, sodass sie sich nicht ständig was leihen müssen und keine Kreditkarten brauchen. Ich bin kein Ökonom, aber ich verstehe nicht, warum unsere Wirtschaft jährlich mit zwei oder drei Prozent wachsen muss.

In dem Film trifft der von Ihnen gespielte Bankenchef John Tuld die Entscheidung, die Ramschpapiere in seiner Bank schnell abzustoßen und anderen in die Schuhe zu schieben. Hätte es dazu eine Alternative gegeben?
Nein. Denn die Papiere haben den Wert der Bank bei weitem übertroffen. Was machen Sie, wenn Ihr Schiff sinkt? Sie schmeißen die alten Leute über Bord, damit die jungen Leute leben können. Das ist eine furchtbare Entscheidung, aber Sie retten so viele Leben, wie Sie können. Ich hätte so eine Entscheidung nicht treffen wollen.

Sehen Sie also eine gewisse Moral in dem Handeln?


Gibt es eine Moral im Kartenspiel? Wenn man spielt, blufft man und versucht zu gewinnen.

Die Bankenwelt wird von Männern dominiert. In Deutschland wird viel über gesetzliche Quoten für Frauen in Führungspositionen diskutiert. Wäre die Welt besser, wenn mehr Frauen das Sagen hätten?


Eine Quote ist eine künstliche Lösung und wird deshalb nicht funktionieren. Frauen haben eine bestimmte Art zu denken und zu bewerten. Das macht sie nicht ideal für diese Art von Job als Topbanker. Wenn es anders wäre, gäbe es mehr Frauen in diesen Positionen. Deswegen halte ich ein Quoten-System für falsch. Wichtig ist, dass Frauen die gleiche Chance haben.

Sie sagten, in der Filmbranche gebe es genauso viel Gier wie in der Bankenwelt. Hat sich das in den letzten 20 Jahren verschlimmert oder war das schon immer so?


Die Filmbranche war schon immer eine Industrie. In den alten Tagen haben die großen Studios Filme über Themen gemacht, die sie für wichtig hielten und die Geld gebracht haben. Heutzutage scheint mir, dass es allgemein nur noch ums Geld geht. Das liegt auch daran, dass Filme teurer geworden sind. Die Geschichten, die eigentlich erzählt werden sollten, bringen nicht so viel Geld, deswegen werden sie nicht verfilmt.

Wonach wählen Sie Ihre Rollen aus?


Ich suche immer nach Rollen, die mich faszinieren, die ich gerne spielen möchte. Ich habe in meiner Karriere drei Filme wegen des Geldes gemacht. Sonst suche sich sie mir danach aus, ob sie mir gefallen.

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