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Johnny Depp in "Sweeney Todd": Der mit dem Fleischwolf tanzt

Fast 20 Jahre nach "Edward mit den Scherenhänden" greift Johnny Depp wieder zu scharfen Klingen. In Tim Burtons opulentem, bluttriefenden Splatter-Musical werden jedoch nicht Hecken und Büsche gestutzt, sondern Kehlen geschlitzt.

Von Katharina Miklis

London im 19. Jahrhundert. Regen. Dicke Tropfen prasseln aus wattigen, grauen Wolken auf das noch grauere Kopfsteinflaster der Londoner Gassen. Als hätten sie eine böse Vorahnung, rinnen die Regentropfen wie bittere Tränen über das Gesicht der britischen Hauptstadt. Das Grau verwandelt sich in ein sattes Rot. Blutströme fließen durch Kellergemäuer und Kanäle, Messerklingen blitzen, Fleischwölfe rotieren. Das Gemetzel kann beginnen.

Johnny Depp als Inbegriff der verzweifelten Traurigkeit

In den Nebelschwaden erscheint Johnny Depp - Golden-Globe-Gewinner, Oscar-Favorit, Burton-Liebling. Seit er 1990 in Tim Burtons "Edward mit den Scherenhänden" das liebeswürdige "Monster" spielte, ist er aus dem Burton'schen Film nicht mehr wegzudenken - ob als talentfreier Hollywoodregisseur in "Ed Wood", als merkwürdiger Ermittler in "Sleepy Hollow" oder exzentrischer Bonbonfabrikant in "Charlie und die Schokoladenfabrik". Graue Strähne im Haar, trauriger Blick. Keiner spielt diese romantisch-düsteren Helden mit den tiefen Augenringen so eindringlich und mit solch schmerzlicher Intensität wie er.

Benjamin Barker (Johnny Depp), der 15 Jahre lang am anderen Ende der Welt im Gefängnis schmorte, kehrt als Racheengel nach London zurück. Der skrupellose Richter Turpin (überragend: Alan Rickman) hatte Barker einst mit Hilfe des ruchlosen Handlangers Beadle Bamford (Timothy Spall) unter einer fingierten Anklage nach Übersee verbannt, weil er auf seine hübsche Gattin scharf war. Nun schwört Barker, der sich jetzt Sweeney Todd nennt, Rache. Er bezieht wieder seinen alten Frisörsalon in der Fleet Street. Dort, wo er einst so glücklich war, mit Frau und Kind. Sein Salon befindet sich direkt über der Bäckerei von Mrs. Lovett (Helena Bonham Carter), bei der es die schlechtesten Pasteten der ganzen Stadt gibt. Mrs. Lovett, die ihm erzählt, dass seine Frau von Richter Turpin missbraucht worden ist und daraufhin Selbstmord begangen hat. Sweeneys kleine Tochter hingegen wurde von Turpin adoptiert, der sie in einem goldenen Käfig gefangen hält. Sweeney Todd schärft die Klingen und wartet auf seinen Todfeind. Er weiß: Irgendwann wird sich auch Turpin für eine gute Rasur unter sein Messer legen. Bis dahin meuchelt Todd alle nieder, die seinem Plan im Weg stehen.

Einmal waschen, schneiden, erlegen, bitte!

Das Gemetzel beginnt mit dem Auftritt des extravaganten Signor Adolfo Pirelli - gespielt von Sacha Baron Cohen ("Borat"). Der schmierig-fiese Frisör weiß um Sweeney Todds wahre Identität Bescheid und will seinen Konkurrenten erpressen. Kurzerhand schneidet Sweeney ihm die Kehle durch. Ab jetzt hört das Blut nicht mehr auf zu fließen und einem Kunden nach dem anderen schlitzt der Misanthrop Sweeney Todd auf seinem umfunktionierten Frisörstuhl die Kehle auf. Die Leichen rutschen vom Stuhl direkt in den feuchten Keller, in dem Mrs. Lovett sie durch Verwurstungsmaschinen presst und zu Fleischpasteten verarbeitet. Ihr schlecht laufendes Geschäft beginnt dank der mit Menschenfleisch verfeinerten Pasteten zu florieren.

Der perfekte Stoff für den Grusel-Virtuosen Tim Burton. Selten war Burton so düster. So ohne Hoffnung. Dass man das jemals über ihn sagen würde, hat wohl kaum einer geglaubt. Für "Sweeney Todd - Der teuflische Barbier aus der Fleet Street" adaptierte Burton das gleichnamige Broadwaystück von Stephen Sonderheim für die Leinwand. Es ist die sechste Zusammenarbeit mit Johnny Depp. Den schwarzen Humor der Vorlage garniert er mit den Zutaten eines blutspritzenden Splatter-Movies. Und nicht nur das: Alle Darsteller dieses Grusicals - von Johnny Depp über Helena Bonham Carter bis Sacha Baron Cohen - singen selbst. Johnny Depp überzeugt mit einer zarten Stimme, die an den jungen David Bowie erinnert, Helena Bonham Carter gelingt meisterhaft der Spagat zwischen Tanz, Gesang und Mimik.

Das morbide Leinwand-Gemälde mit der düster getönten Szenerie wird von gelegentlichen Farbtupfern durchbrochen. Da wären die pastellfarbenen Träume von Mrs. Lovett, der royalblau schillernde Anzug des Barbiers Pirelli und das viele Blut. Immer wieder das spritzende, rote Blut. Mal quillt es dickflüssig und dunkel hervor, mal tropft es beständig, mal spritzt es in schillernden Fontänen über Todds blasses Gesicht. Nichts für schwache Nerven.

Was die beiden Hauptfiguren des Films letzlich verbindet, ist - na klar - die Liebe. Auch wenn es keine gegenseitige ist. Während Todd aus Liebe zu seiner (scheinbar) verstorbenen Frau fast wahnsinnig wird, verzehrt sich Mrs. Lovett nach dem todbringenden Todd und träumt von einer Zukunft mit ihm. Ein Missverständnis, für das die beiden am Ende des Filmes bitter bezahlen müssen. Aber so ist es nunmal bei Horrorfilmen - es gibt kein Happy End.