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Julie Delpy: Die Chefin im Neurosengarten

Schluss mit lustig: In ihrem neuen Film schlachtet Julie Delpy Jungfrauen und erzählt eine sehr eigene Geschichte von Liebe und Wahnsinn.

Von Andrea Ritter

Ein wenig unheimlich war Julie Delpy schon immer. Mit diesem verschlafenen Blick und der weißen Porzellanhaut. Ein eigenwillig flirrendes Luftwesen, schwer zu greifen und stets von einem Hauch Chaos umgeben. Unheimlich ist sie um so mehr, wenn sie jetzt mit sanftem Lächeln sagt: "Ich kann diese Frau sehr gut verstehen. Wir haben viel gemeinsam." Gemeint ist die Schauergestalt Erzsébet Báthory. Eine der grausamsten Serienmörderinnen der Geschichte. Und die Heldin in Julie Delpys neuem Film "Die Gräfin".

Geerdet durch ein Paar klumpige Moonboots steht Julie Delpy an diesem Morgen im feuchtkalten Meißner Dom. Gerade dreht sie die Hochzeitsszene für diesen Film, von dem sie später sagt, dass er viele Menschen "anpissen" werde. Anpissen, genau. Die Französin Julie Delpy sieht aus wie eine italienische Renaissance-Schönheit und redet wie ein kalifornisches Vorstadtmädchen. Herrlich. Nebenbei erörtert sie die Abgründe weiblicher Grausamkeit, immer ein bisschen zappelig, weil Sprechen selbst in ihrem Tempo für Julie Delpy ein quälend langsamer Vorgang ist.

Die ungarische Gräfin Erzsébet Báthory (1560 - 1614) wurde wegen einer Serie sadistischer Morde entmachtet und zu lebenslanger Gefangenschaft verurteilt. Darüber hinaus erlangte die "Blutgräfin" jene Berühmtheit, die sie fürs Horrorgenre qualifizierte: Mehr als 600 Mädchen soll sie mittels eines Foltergeräts ausgepresst und getötet haben. Anschließend, so die Legende, badete die Dame im Blut ihrer Opfer, von dem sie sich ewige Jugend versprach - Báthory gilt als weiblicher Dracula. Julie Delpy sieht in ihrer Geschichte jedoch ein typisches Frauenschicksal: "Eine Herrscherin tut grausame Dinge. Vermutlich war sie gar nicht grausamer als ein Mann ihrer Zeit und Position. Trotzdem wurde sie in höchstem Maße dämonisiert. Die Mechanismen dahinter sind erstaunlich aktuell."

Töten aus Selbsthass

Bei Julie Delpy ist die blutrünstige Gräfin besessen von der Liebe zu einem weitaus jüngeren Mann (Daniel Brühl). Die Romanze fällt einer Intrige zum Opfer, Liebe verwandelt sich in Obsession und wird schließlich zu Selbsthass. "Diese Frau tötet Frauen, weil sie das Frausein hasst. Weil die Gesellschaft ihr nicht dieselbe Position zugesteht wie einem Mann." Und das ist das originelle an Julie Delpys Regie: dass sie aus der wohlbekannten Geschichte weiblicher Benachteiligung einen Horrorfilm macht.

"Ich kenne das Gefühl von Ohnmacht und Wut dem gegenüber, als Frau anders beurteilt zu werden als Männer. Männer können sich viel mehr erlauben. Was bei einer Frau als zickig oder hysterisch gilt, ist bei einem Mann ein Zeichen von Genialität." Was tut man dagegen? "Nichts. Ignorieren. Weitermachen. Natürlich könnten wir auch alle Kartoffeln verkaufen. Über eine Kartoffel regt sich niemand auf."

Klingt cool, dient aber der Selbstvergewisserung. Julie Delpy hat für "Die Gräfin" nicht nur Hauptrolle und Regie, sondern auch das Buch und die Musik übernommen. Sie weiß genau, was sie will. Und ist trotzdem seltsam unsicher. Eine hochironische Pippi Langstrumpf, die sich selbst zur Chefin einer Welt macht, die so ist, wie sie ihr gefällt: Kleine Neurosen dürfen ruhig wachsen, und Zweifel ist hier kein Zeichen von Schwäche, sondern Landessprache.

Ein Grund für Wahnsinn

"Ich habe mich gefragt: Aus welchen Gründen würde ich so grausam und wahnsinnig werden wie Erzsébet Báthory?", sagt Julie Delpy. "Und die Antwort war klar: Aus unerwiderter Liebe. Nichts hat mich je so um den Verstand gebracht. Das ist Borderline. Ganz nah am Wahnsinn." Zum Glück, fügt sie schnell hinzu, lägen die ganz schlimmen Katastrophen schon eine Weile zurück. Seit über fünf Jahren ist sie mit dem Münchner Filmkomponisten Marc Streitenfeld zusammen. Vor Kurzem bekam die 39-Jährige ihr erstes Kind. Leo.

"Ein Sohn", sagt sie, mit den halb geschlossenen Augen blinzelnd wie eine sehr zufriedene Katze. "Das macht die Mutterschaft für mich entspannter." Frauen hätten doch eine irgendwie beunruhigende Neigung zur Selbstzerstörung. Obwohl, vielleicht hätten Männer die auch. Ganz sicher sogar. Aber anders. Oder …? So geht es hin und her - ein Gespräch mit Julie Delpy ist ein Trialog: Man hört sich, man hört sie, und man hört Julie Delpy im Gespräch mit Julie Delpy.

Bisher war das auch in ihren Filmen häufig so. Der Regisseur Richard Linklater besetzte sie für seine extrem wortreichen Liebeskomödien "Before Sunset" und "Before Sunrise". Und in ihrem Regiedebüt "2 Tage in Paris" (2007) trägt Julie Delpy eine dicke schwarze Brille: Wenn sie jemandem ähnelt, dann am ehesten Woody Allen. Ein sehr elfenhaft- staunender Woody Allen, bei dem Weltbilder und Prinzipien ständig ins Wanken geraten. Verständlich - denn dass nichts im Leben sicher ist, hat Julie Delpy früh gelernt: 1969 wird sie in Paris geboren, ihre Eltern sind Schauspieler, und Geld ist zu Hause fast immer knapp. Als sie ein Jahr alt ist, stellt man bei ihrer Mutter Krebs fest. Die Krankheit verschwindet nie ganz, die Angst davor bleibt bis zum Schluss. Ihre Mutter starb im Februar.

Vielleicht ist es das frühe Bewusstsein für die Zerbrechlichkeit des Lebens, dem Julie Delpy ihren schwarzen Humor und ihre leicht chaotische Losgelöstheit verdankt. Wenn man weiß, dass sowieso alles jederzeit den Bach runtergehen kann, macht man am besten einen Witz daraus. "Für mich die einzig mögliche Haltung." Letztlich, sagt sie, gehöre es doch zu den Lächerlichkeiten der menschlichen Existenz, dass jegliches Streben durch unkontrollierbare Kleinigkeiten vernichtet werden könne. "Wie in meinem Film: Eine sehr starke Frau wird durch einen schwachen Mann zerstört. Das ist ihre Tragödie. Das ist die Tragödie vieler Frauen." Und wie ihre Augen bei diesem Satz ganz schmal werden, ist fast schon wieder ein wenig unheimlich.

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