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Keanu Reeves im Interview: Schönheit allein reicht völlig aus

Keanu Reeves ist der geheimnisvollste Star Hollywoods. Passenderweise spielt er in seinem neuen Film "Der Tag, an dem die Erde stillstand" einen Alien. stern.de traf den Schauspieler und erlebte eine herbe Enttäuschung.

Von Sophie Albers

Er ist einer der attraktivsten Männer Hollywoods. Das ist einfach so. Keanu Reeves ist sogar ein bisschen zu schön, zu glatt, zu perfekt mit dem dunklen Blick aus dem weichen Gesicht. Dazu kommt auch noch eine tragische Lebensgeschichte. Dieser Mann, der dank Schönheit und der Hauptrolle in der "Matrix"-Reihe in einem Millionen-Vermögen schwimmt, hat großes Unglück erlebt: Seine Freundin verlor vor neun Jahren kurz vor Geburtstermin das gemeinsame Kind. Sie selbst starb zwei Jahre später bei einem Autounfall. Reeves lebte jahrelang nur in Hotels, zog rastlos umher, vom Schmerz geplagt. So jedenfalls das Bild der Klatschpresse. Das Krankenschwester-Gen in seinen weiblichen Fans drehte durch: schön, erfolgreich und auch noch unglücklich. Reeves wird als Reh zelebriert, das gerettet werden muss.

Beim ganz realen Zusammentreffen ist Bambi allerdings gerade nicht da. Der geheimnisumwitterte und trauerumflorte Mann lehnt entspannt an einer Heizung und gähnt so laut, dass es im gesamten Hotelflur zu hören ist. Er quittiert es mit einem Grinsen, das Reeves-Fans aus dem frühen Dumpfbackenklamauk "Bill und Ted" (1988) kennen. Das leidende Lächeln aus Herzschmerzfilmen wie "Dem Himmel so nah" (1995) oder "Sweet November" (2001) scheint im Augenblick unmöglich. Immerhin trägt er schwarz. Im Anzug, in den kurzen Haaren und den Augen.

Maliziöses Zwinkern

Der 44-Jährige bummelt entspannt in die Hotelsuite, wo an diesem kalten Tag in Berlin die Interviews zu seinem neuen Film "Der Tag, an dem die Erde stillstand" stattfinden. Er spielt in dem Remake des Science-Fiction-Klassikers von Robert Wise aus dem Jahr 1951 einen Alien, der auf die Erde kommt, um der Menschheit ihr Ende anzukündigen. Eine Wissenschaftlerin, gespielt von Jennifer Connelly, muss ihn überzeugen, dass die Menschen gar nicht so übel sind, wie die Außerirdischen glauben. Reeves sitzt breitbeinig am Tisch, trinkt Wasser aus der Flasche und ist bereits in den ersten Minuten alles, was man nicht erwartet: Anstatt tiefgründiger Blicke gibt es maliziöses Zwinkern, anstatt Zurückgezogenheit lautes Poltern und selbstzufriedenes Lachen. Dieser Mann ist mit sich im Reinen. Oder er hat verdammt gute Medikamente. Das ist nicht Bambi, das ist der Typ, der Bambis Mutter erschossen hat.

"Wooden Reeves" (hölzerner Reeves) lautet sein Spitzname unter Filmkritikern. Deshalb sind die ganzen Rollen des Erhabenen, auf die er in Hollywood abonniert ist, durchaus passend: der Gott in "Little Buddha" (1993), der Auserwählte in "Matrix" (1999 bis 2003) oder nun eben der Außerirdische, der sich eines menschlichen Körpers bedient. Eine Erklärung für diese Rollenwahl braucht man von Reeves nicht zu erwarten: "Warum ich immer diese Messias-Figuren spiele? Keine Ahnung, Mann." Er nimmt einen Schluck aus der Flasche. Es gluckst. "Ich bin ein Kind Gottes, mehr nicht." Jetzt gluckst Reeves.

Der hölzerne Reeves

Mehr kommt auch nicht. Der Schauspieler, dessen Karriere mit dem wunderschönen Drama "My Own Private Idaho" (1991) begann, einem Roadmovie über homosexuelle Liebe, markiert den harten Kerl. Der "hölzerne" Reeves würde wohl gerne Holz hacken gehen, anstatt hier herumzusitzen und über Aliens zu reden. "Ob ich an die glaube? Hm, da muss doch was sein, ist verdammt viel Platz da oben." Er lacht mit sich selbst und schiebt nach: "Das sind Charaktere, Mann." Das "Mann", das er dauernd an die Sätze hängt, erinnert ein bisschen an seine Rolle des surfenden FBI-Agenten in "Gefährliche Brandung" (1991). Da war ihm das Haar immer so schön wild ins Gesicht gefallen.

Das ist der Augenblick, in dem die naive Hoffnung, dass Image und realer Mensch irgendetwas miteinander zu tun haben könnten, sich verabschiedet. Anfängerfehler. Das hier ist ein Produkt der Traumfabrik, ein zur Unterhaltung der Massen geformtes Wesen, das im günstigsten Fall dabei sein darf, wenn PR-Berater und Manager Karrierepläne schmieden und Weichen stellen. Er ist eben nicht Neo, der Hacker aus "Matrix", er ist die Frau im roten Kleid, die in der Matrix rumrennt, um die gedopten Menschen zu erheitern.

Der Zweifel von "Matrix"

Er scheint etwas gemerkt zu haben, denn plötzlich versucht er es doch noch mit Ernsthaftigkeit: Ja, vielleicht trage er etwas in sich, das ihn diese Rollen spielen lasse. "Bei 'Little Buddha' hat es mit Unschuld angefangen, bei "Matrix" war es der Zweifel, bei "Der Tag, an dem die Erde stillstand" ist es das nicht von dieser Welt sein. "Damit kann ich etwas anfangen, das passt schauspieltechnisch zu mir. Vielleicht lässt man mich eben die Noten singen, die ich auch singen kann", sagt Reeves.

Zugegeben, das ist ein hübscher Satz. Aber Reeves hängt dann so viele Gemeinplätze daran, dass der Zuhörer sich bald genauso langweilt wie er. Er sei in der zweiten Phase seiner Karriere, sagt der Schauspieler. Naja, immerhin hat er sich bis 44 offenbar in der ersten gehalten. Und dass Barack Obama Amerikas große Chance sei, muss man auch nicht von einem Leinwandstar hören.

Es bleibt also nur eins: Ohren auf Durchzug und die außerirdisch schönen Wangenknochen und das undurchdringliche Dunkelbraun seiner Augen genießen. Mister Reeves, Schönheit allein reicht völlig aus.

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