HOME

Kinostart: Bergab mit 125

Bilder von der Tour de France, die das Fernsehen nie zeigt: "Höllentour" ist ein großartiger Dokumentarfilm über Triumph und Schmerz

Man erkennt den Schmerz am besten, wenn er schon gegangen ist. Wenn er die dürren Gesichter verlassen hat. Wenn sie ins Leere blicken. Das sind die Momente, in denen man am ehesten begreifen kann, was eine Tour de France bedeutet. Es sind die Momente, die man nicht am Straßenrand sieht und nicht bei der Live-Übertragung. Es sind die Szenen, in denen man sich fragt, wie, verdammt noch mal, Pepe Danquart das gemacht hat.

Danquart zeigt die Realität

Irgendwie ist es ihm jedenfalls gelungen, all das einzufangen: die lethargischen Stimmen der Radfahrer nach der Etappe, die monotonen Beschwörungen im Mannschaftsbus, die Anspannung und das ewig währende letzte Aufbäumen. Und die Gesichter: die beißenden auf der Strecke, das entschlossene des Sportdirektors im Wagen, das müde strahlende des Etappensiegers Winokurow.

Oscar-Preisträger Pepe Danquart hat während der kompletten Tour de France 2003 das deutsche "Team Telekom" um Kapitän Erik Zabel begleitet. Im Bus, im Hotel, auf der Strecke, im Mannschaftswagen und auf der Massagebank. Und so hat er mit seiner "Höllentour" einen grandiosen Film geschaffen, 120 Minuten, und keine zu lang. Dichte, magische Bilder, Sprecher-Kommentar unnötig. Im Hintergrund lässt er die lethargischen, zermürbten Radfahrer sprechen, vor allem Erik Zabel und Rolf Aldag. Alte Recken, die von alten Qualen erzählen. Wie es ist, wenn man so erschöpft ist, dass einem der Blick über Kreuz geht. Wenn man sich nach einer Abfahrt fragt, ob es wirklich klug war, sich mit 125 km/h den Berg hinunterzustürzen.

360 Grad-Blick

"Die Tour de France findet im größten Stadion der Welt statt", sagt ein alter Archivar im Film. "Höllentour" zeigt das Stadion: aus dem Hubschrauber aufgenommen in den Bergen - majestätisch; wie die bunte Armada der Radkrieger an einem Blumenfeld vorbeisurrt - idyllisch fast; das träge Aufbauen der Absperrungen am Morgen - romantisch. Und er zeigt die Menschen, die Fans aus Sachsen, die den Jan verfolgen - komisch; die Verletzten auf den Tragen - ja, dramatisch.

Einmal betet Zabel: "Lieber Gott, ich weiß, es gibt Wichtigeres, aber schenk mir doch noch ein Jahr." Wer Danquarts Film gesehen hat, weiß, warum. Der versteht diesen Irrsinn und seinen Zauber.

Bernd Volland / print
Themen in diesem Artikel