LEO UND CLAIRE Der Fall Katzenberger


In »Leo und Claire« erzählt Joseph Vilsmaier die Geschichte des jüdischen Kaufmanns Leo Katzenberger, dem seine Sympathie für eine junge »arische« Fotografin zum Verhängnis wurde.

Nürnberg 1933: Verächtlich schleudert der wohlhabende Schuhfabrikant Leo Katzenberger (Michael Degen) die Zeitung beiseite, die seine Familie in Angst und Aufregung versetzt hat. Von einem Hetzartikel gegen ihn im NS-Propagandablatt »Der Stürmer« lässt er sich nicht einschüchtern. Mit Hilfe seines Rechtsanwalts (Dietmar Schönherr) zieht er erfolgreich dagegen vor Gericht. Doch kurze Zeit später wird er auf offener Straße entführt und brutal zusammengeschlagen. In seinem neuen Spielfilm »Leo und Claire« erzählt der deutsche Regisseur, Produzent und Kameramann Joseph Vilsmaier (»Comedian Harmonists«, »Marlene«) die authentische Geschichte des jüdischen Kaufmanns Leo Katzenberger, dem damals seine Sympathie für eine junge »arische« Fotografin zum Verhängnis wurde.

Für die Hauptrolle engagierte Vilsmaier den Film- und Theaterschauspieler Michael Degen, der selbst während der Nazizeit mit seiner jüdischen Mutter im Untergrund leben musste. »Als mein Vater ins KZ kam, war ich sieben Jahre alt. Ich habe heute noch das Bild vor Augen, wie er abgeholt wurde«, gibt Degen preis. »Die Katzenberger-Rolle hat mich interessiert, weil er fast wortwörtlich wie mein Vater über seine Heimat Deutschland gesprochen hat. Das war gespenstisch. Darum hat mich diese Rolle sehr gereizt.« Am härtesten erwies sich für ihn die Entführungsszene auf der Straße. »Als ich plötzlich auf den Lastwagen gezogen wurde, verschwammen für mich Realität und Spiel. Ich wusste nicht mehr, in welcher Zeit ich mich befand. Auf einmal spürte ich wieder die Angst, die Wut und Verzweiflung.«

Das Drehbuch, das sich an Motiven aus Christiane Kohls Dokumentation »Der Jude und das Mädchen« über den Fall Katzenberger orientiert, verfasste der Autor und Produzent Reinhard Klooss gemeinsam mit Klaus Richter. Die Filmaufnahmen erfolgten in den Bavaria Studios sowie an verschiedenen Originalschauplätzen. Dazu gehörten der Gerichtssaal in Nürnberg, wo die Nazis auf ihrem Reichsparteitag 1935 die »Rassengesetze« verkündeten, sowie ein Restaurant in München-Schwabing, in dessen Hinterzimmer Hitler häufig zu Gast war.

In diesem Lokal vergnügt sich der lebenslustige Geschäftsmann Katzenberger mit seiner jungen Untermieterin (Franziska Petri), die ein Foto-Atelier auf seinem Hinterhof eröffnet hat. Dort beäugen die neugierigen Nachbarn missgünstig diesen heißen Flirt, dem seine eigene Ehefrau (Susanne von Borsody) keine große Bedeutung beimisst. Kurz vor der geplanten Flucht 1942 nach Palästina wird Katzenberger von den spießigen Hinterhofbewohnern angezeigt und wegen »Rassenschande« zum Tode verurteilt.

Trotz dick aufgetragener Klischees, die den Film zu ersticken scheinen, und den farblos wirkenden Frauenfiguren gelingt es Vilsmaier, die eigentliche Botschaft seines Kinodramas überzeugend zu vermitteln. In diesem filmischen Mikrokosmos führt er vor Augen, wie machtlose Mitläufer durch geschürten Neid und Hass zu gefährlichen Denunzianten mutieren. Die in die USA emigrierte Nichte von Katzenberger, die zu einer internen Vorführung des Films nach Nürnberg kam, war tief davon berührt. »Sie hat hemmungslos geweint, sich an mich geklammert und dabei immer wieder gesagt 'Sie haben ihn zu Leben erweckt'«, erzählt Degen.


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