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Loriot: Ein Wort unter Freunden

Sie kennen sich seit 48 Jahren: Der Cartoonist Peter Neugebauer gratuliert jenem großen Humoristen zum Achtzigsten, der auch für uns irgendwie zur Familie gehört - egal ob elegant auf seinem Sofa oder mit Nudel an der Backe.

Man hat's kommen sehen. Jetzt wird er 80, und das Wandgemälde ist nicht fertig. Vor einiger Zeit hatten der junge Herr von Bülow, alias Loriot, und ich ein Studio in der Hamburger Innocentiastraße angemietet, zwecks gemeinsamer Entwicklung künstlerischer Projekte. Das Großprojekt bestand in der Coproduktion eines monumentalen mittelalterlichen Schlachtenpanoramas. Man kennt das Sujet: wogende Massen von Heerscharen, Kampfgetümmel mit Schwertern, Spießen, Hellebarden; Reiterei auf dampfenden Rossen; Erstürmung von Burgen und Wällen; Kanonen, Pulverqualm...

Wir nagelten einen weißen Karton - zwei Meter breit, eins fünfzig hoch - an die Wand und begannen, die ersten Figuren zu zeichnen, Loriot in der Ecke rechts unten, ich auf der anderen Seite, jeder in seinem Stil. Später, ungefähr in der Mitte des Kartons angelangt, sollten dann unsere Regimenter aufeinander losgehen. Fleißig skizzierte mein Freund an die fünf, sechs Krieger, ich gerade mal vier. Sein Grüppchen wirkte ohnehin voluminöser, schon der Loriot-Nasen wegen. Über ihnen und ringsumher wölbte sich der unendliche Raum in unschuldigem Weiß, und dabei blieb es. Das war im Jahre 1955. Man sollte also schleunigst...

Wenn wir nicht

an dem Wandgemälde arbeiteten, saßen wir uns am Schreibtisch gegenüber und "entwickelten Ideen". Außerdem trainierten wir uns regelmäßig im Ohne-pingelige-Bleistiftvorzeichnungalles-gleich-in-Tinte-Hinhauen. Diese Disziplin hatten wir an der Hamburger Kunsthochschule gelernt. Wir benutzten spitze Rohrfedern und schwarze Ausziehtusche, und das lief so: Einer diktierte abwechselnd dem anderen ein verzwicktes Motiv, das in zehn Minuten aufs Papier gehauen werden musste. Zum Beispiel: "Kopfstehender Akrobat jongliert mit drei Bällen und spielt dabei Mundharmonika" oder "Boxer im Clinch unter Wasser". Oder "Zwei leichtfertige Damen und ein Schotte, die ..." Na ja, und so weiter.
Und das mit einer Tinte spritzenden Rohrfeder in zehn Minuten! Was länger dauerte, galt nicht. Anschließend wurde das Resultat bewertet. Loriot erhielt meine eruptiven Werke und ich seine. Bald besaß ich eine ansehnliche Sammlung kurioser Blätter. Ich bewunderte sie nicht allein. Damals gab es eine Freundin, die himmlische Kopfmassagen machen konnte. Ihr Tarif: eine Massage für einen Loriot. Schade. Aber mir bleib keine Wahl. Loriot oder Migräne. Ich hasse Migräne.

Kontemplativ hörten

wir manchmal Barockmusik, während wir unsere Cartoons für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften zeichneten, und wenn wir nicht gestört werden wollten, wurde das Telefon auf Loriots Wohnung geschaltet. Die lag im Haus gleich nebenan, und Romi, Loriots Frau, nahm dort somit auch Anfragen nach den Künstlern entgegen, unter anderem die Mahnungen hinsichtlich der redaktionellen Ablieferungstermine. Ungeachtet jeder Tageszeit ließen wir hin und wieder ausrichten: "Die gnädigen Herren sind zum Tanzen gegangen!"

Da saßen wir

nun unter unserem Wandgemälde und strichelten unsere Cartoons. Loriot für "Quick" und "Weltbild", ich für "Die Zeit", "Die Welt" und den stern. Dass er nicht mehr für den stern zeichnete, kam so: Mein Freund hatte 1954 die Serie "Auf den Hund gekommen" entworfen, in der Vierbeiner aufrecht umherschlendern und ihre Menschlein, die an jedem Baum das Bein heben, an der Leine spazieren führen. Ein gewaltiger Aufschrei moralisch empörter Kreise, insbesondere geistlicher, erfolgte. stern-Chef Henri Nannen stoppte die ungeheuerliche Entwürdigung des Homo sapiens mit dem Donnerwort: "Der weiß genau, warum er seinen Namen verschweigt: Um seiner Familie die Schande zu ersparen!"
Gemeint war die noble Familie derer von Bülow, deren schwarzes Schaf Bernhard Victor (Vicco) Christoph Carl sich den Decknamen Pirol (frz. Loriot - ein Vogel aus dem Familienwappen) zugelegt hatte. In der Tat: ein leichtfertiges Individuum. Witzezeichner - das ist nun wirklich kein Beruf.
Mich, den Kompagnon, erwischte es auch bald. "Zeus Weinstein! Wie kann man Zeus Weinstein heißen!", donnerte Sir Henri und feuerte meine Kreation, den stern-Hausdetektiv, dem wenige Jahre später die Ehrenurkunde der "World Federation of Private Detectives" verliehen werden sollte. Mit Zeus Weinstein ging auch ich. Zur Münchner "Quick", die zahlte das Dreifache. Nun konnte Nannen zwei Dinge nicht ertragen. Dass man zur "Quick" ging und dass man dort das Dreifache bekam. Das Ergebnis: Neugebauer und Weinstein kehrten zurück, und Sir Henri säuselte: "Das Dreifache? Eine Lappalie! Hätten Sie doch einen Ton gesagt..."
Später versöhnte sich auch Loriot wieder mit Nannen. Als er dann nach München zog, will er angeblich das Wandgemälde nicht mitgenommen haben. Stellt sich die Frage: Wo ist es? Schließlich war doch schon etwas drauf!

Noch in unserer Hamburger

Zeit drehte damals Frank Wisbar seinen maritimen Kriegsfilm "Haie und kleine Fische", und Loriot und ich durften als Zaungäste dabei sein, dank irgendeiner wundersamen Fügung. Die Dekoration zeigte einige über- und nebeneinander liegende Kajüten, frontal offen, quasi ein "aufgeschnittener Schiffsbauch", der mechanisch in schlingernde Bewegung gesetzt werden konnte. Schauspieler und Statisten nahmen ihre Positionen ein, und los ging's. Stopp. Aufs Neue ging's los. Wieder stopp. Regisseur Wisbar sann, etwas gefiel ihm nicht. Unschlüssig sah er zu uns hinüber. Dann die höfliche Anfrage: "Hätten Sie vielleicht Lust..." Es fehlte an Mannschaft.
Wir wurden in Matrosenkluft gesteckt. Loriot, der geborene Schauspieler, wurde von der Regie intuitiv als solcher erkannt. Er hockte sich in eine Ecke und lernte seinen klitzekleinen Text. Leider vermag ich mich nicht genau an seine Sätze zu erinnern. War's: "Zu Befehl, Herr Kapitänleutnant!" oder "Soeben kam dieser Funkspruch..." oder "Rette sich, wer kann - Gott sei unserer Seele gnädig!"?
Ich weiß nur noch, dass ich auf Anhieb wusste: A star is born!

Loriot spielte zunächst kleinere, aber sehr prägnante Rollen unter anderem in Bernhard Wickis "Die Brücke" und in "Der längste Tag". Erwies sich dann als genialer Komödiant und Regisseur in seinen berühmten Fernsehsketchen. Schuf, als Krönung, die Kinofilme "Ödipussi" sowie "Pappa ante Portas" . Und drehte 1969 für die Fernsehsendung "Cartoon" eine zirka 20-Minuten-Dokumentation über seinen armen Freund, nämlich mich. Und das kam so: Um mein kümmerliches Leben zu fristen, musste ich arbeitsam an die niedersten Instinkte des Publikums appellieren und zwar kraft ausschweifender stern-Serien, die da hießen: "Peter Neugebauers Lexikon der Erotik" - also Sex - sowie "Zeus Weinsteins Abenteuer" - also Crime. Sex und Crime. Liebäugelte Loriot womöglich mit dieser Mixtur aus Obszönität und Verderben, indem er die Vita eines Wüstlings verfilmte? Jedenfalls stellte er sich dessen Alltag wie folgt vor: Wo immer ich auch gehe und stehe, durchtränkt meine lasterhafte Fantasie das reale Geschehen um mich herum, sämtliche Obsessionen begegnen mir auf Schritt und Tritt.
Ich spaziere durch die City, und eine reizvolle Brünette trippelt aus der U-Bahn-Station, angetan mit einem Muff - nur mit einem Muff! Spaziere durch den Stadtpark - Januar, schneidender Ostwind -, im kahlen Geäst hängen splitterfasernackte Maiden, bar jeder Scham, dafür aber mit Frostbeulen. Gleichmütig trottet Herr Neugebauer an den Erscheinungen vorbei. Die Verkäuferin im Zeitungsstand: oben ohne. Weibliche Leiche auf einem Autofriedhof. Männliche Leiche im Paternoster. Leichen hier, Blessierte dort.
Glück hatte jenes liebreizende Model, das ein heißes Wannenbad nehmen durfte, allerdings (Unglück im Glück) mit mir zusammen. Die junge Dame hockte am abgerundeten Ende, ich, der Künstler, am anderen, gedankenverloren das weibliche Gegenüber ignorierend, weil es ja nach dem Willen des Regisseurs imaginär ist. Dummerweise musste die Dame hart damit kämpfen, nicht beständig in die Wannenmitte zu rutschen. Doch der Regisseur schafft Abhilfe. Der Künstler bittet um freundliche Genehmigung und kann das Ungemach verhindern, indem er sie mit dem Fuß an einer hier nicht näher zu bezeichnenden Stelle abstützt.
So geht's beim Film zu.

Oh, herrliches Eiland!

Wie eine glühende Orange versinkt die Sonne am Horizont, eine sanfte Brise fächelt die brennende Stirn. Es senkt sich der pfauenblaue Abend hernieder, ihm stets folgend die erquickende Nacht.
Mandolinenklänge betören das Ohr, kühler Wein netzt blutrote Frauenlippen. Der Mond geht auf, der Mond geht unter, aber man ahnt: Morgen wird die Sonne sich wieder erheben, und bald, wie eine glühende Orange... Beinahe jährlich, seit Ende der 60er bis Anfang der 90er des vorigen Jahrhunderts, suchten wir Capri heim.
Inzwischen hat man uns sicherlich verziehen. Unglaublich, selbst hier hat Loriot seine Spuren hinterlassen, in vielen Trattorien prangt sein Bild mit Unterschrift. Aber bisher ist's noch ein Gerücht, dass das Lenin-Denkmal unterhalb der Gärten des Augustus durch ein neues mit einer markanten großen Nase ersetzt werden soll. Werde mich darum kümmern, teurer Freund.

Doch erst einmal... Ich habe den weißen Karton zwei Meter breit, einen Meter fünfzig hoch, schon besorgt! Lasset uns wohltemperierten Wein auf deine Gesundheit trinken, sodass Schlachtenlärm den Karton erfüllt.
Ciao bello (alter Capreser Gruß)!

Peter Neugebauer

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