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60 Jahre ARD: Der überalterte Koloss

Zum 60. Geburtstag feiert sich die ARD. Dabei ist der mit Milliarden finanzierte Rundfunkriese müde geworden. Die ARD hat die Jugend verloren und entfernt sich immer weiter von ihrem Bildungsauftrag.

Von Bernd Gäbler

Wer wollte es ihr nicht gönnen? Am 5. Juni 1950 wurde die ARD gegründet. Der öffentlich-rechtliche Senderverbund hat seinen 60. Geburtstag willkürlich vorverlegt und feiert sich gehörig selbst mit zwei großen Shows schon am 15. und 17. April. Rund um dieses Tamtam bietet sie einiges an Dokumentationen und "langen Nächten" an und füllt das Programm reichlich mit Archivalien. Sicher sind darunter auch einige "Meilensteine" der TV-Geschichte, einst mutige Programme, Amüsantes und Erinnernswertes, vielfältige Bezüge zur Geschichte der Bundesrepublik werden sichtbar. Es wird eine so große Vielfalt geboten, dass dieser Art des Rückblickens hauptsächlich die Beliebigkeit vorzuwerfen ist, der mangelnde Wille, ernsthaft die eigene Geschichte zu thematisieren. Dabei provoziert die Revue all der Höhepunkte, Schmonzetten und Stars unbedingt dazu, über das aktuelle Programmprofil der ARD nachzudenken.

Meines Erachtens lassen sich die programmlichen Defizite wie folgt zusammenfassen: Jugend - Arbeit - Welt.. Zwar ist alles irgendwie vorhanden, aber letztlich fehlt es da an Profil, wo es gesellschaftlich besonders brennt. Das ist eine dramatische Diagnose.

Erstens: Die Jugend.


Es geht nicht um Casting-Imitationen, Fragen des Jargons, oder der kuriosen Vorstellung abgehalfterter Redakteure von Jugendkultur. Es geht darum, dass das wichtigste Fernsehen den Kontakt zur Lebenswelt der Jugend verliert, sobald diese selbst entscheiden, welche Medien sie wann und wie konsumieren wollen. Die ARD ist unbeweglich und überaltert. Früher einmal gab es den "Beat-Club", später die "Rockpalast"-Nächte, dann verabschiedete sie sich von der Jugendkultur. Es gibt einen fast kompletten Generationenabriss, aber kaum Ideen, ihn zu kitten. Ein Transfer von den Jugendwellen des Radios ins Fernsehen gelingt nicht. Es gibt keine Diskussionen, keine Angebote zu schöpferischem Mittun, selbst vor der Bundestagswahl findet die wichtigste Sendung für junge Wähler inzwischen bei Stefan Raab statt, dem die ARD konsequenterweise inzwischen auch den "Eurovision Song Contest" zur Reanimation übergeben hat.

Zweitens: Die Arbeit.
Natürlich wird in ungefähr jeder Talkshow endlos über Hartz IV gequatscht. Natürlich kommen die Arbeitslosenzahlen in den Nachrichten vor. Aber in den realistischen Dokumentationen über die Gesellschaft da draußen spielt die Arbeitswelt eine immer geringere Rolle. Auch das mit öffentlich-rechtlichem Auftrag sendende Fernsehen hat sich weitgehend darauf verlegt, eine Freizeiteinrichtung zu sein, die der Entspannung dient. Die Arbeit wird auch nicht witzig bespielt. Kann es eine nicht-zynische Show um Arbeitsplätze geben? Wäre das nicht eine gute Aufgabe, der sich gebührenfinanziertes Fernsehen widmen müsste? Überhaupt: In den Anfängen gab es viele Ideen, das Fernsehen auch für Bildung und Qualifizierung einzusetzen. Jetzt, wo dies gesellschaftlich nötig wäre, wo das Fernsehen selbst individualisiert wird und viel spezifischer einzusetzen ist, ist alles Nachdenken über solche Qualifizierungsfunktionen längst eingestellt worden. Dabei könnte dies ein wunderbares, zukunftsträchtiges Feld sinnvoller crossmedialer Verknüpfungen werden. Es werden noch Zeiten kommen, in den sich die ARD-Anstalten sehr ärgern, den einstigen Bildungsauftrag so kampflos aufgegeben zu haben.

Drittens: Die Welt.
Natürlich wird die Globalisierung thematisiert und gibt es immer noch den "Weltspiegel". Ja sogar einige Regionalprogramm unterhalten am Rande des Programms noch Auslandssendungen - aber ist das Fernsehen wirklich noch das Fenster für eine realistische Sicht auf die Welt? Die Auslandsinformation rückt an den Rand, dafür spielen immer mehr der familienkompatiblen Spielfilm-Schinken in Afrika oder Neuseeland, agieren Ärzte und Hoteliers an fremden Stränden, an denen Eingeborene paternalistisch bespielt werden. Im Gegenzug ist es inzwischen so gut wie unmöglich geworden, bedeutende internationale Persönlichkeiten ins Programm zu holen, wenn diese nicht deutsch sprechen, das gilt für Politiker ebenso wie für Repräsentanten der Kultur. Müsste es in der ARD nicht längst ein großes Interview mit Afghanistans Präsidenten Hamid Karzai geben? Welche Redaktion würde sich trauen, Silvio Berlusconi zum ausführlichen Interview zu bitten? Wer traut sich, Indiens herausragende Schriftstellerin Arundhati Roy ausführlich zu Wort kommen zu lassen? Oder mit Regisseur Quentin Tarantino zu plaudern?

Im Moment der Globalisierung, in einer Zeit, in der die Bildungswege sich internationalisieren, in der junge Deutsche in alle Länder reisen, ist unser televisionärer Blick auf die Welt vornehmlich touristisch geworden. Die ARD trägt dazu bei, statt sich dieser Weltsicht entgegenzustemmen.

Bin ich zu miesepetrig? Verderbe ich die schöne Fest- und Show-Stimmung? Nein, ich finde nur schlicht, dass man einer so wichtigen und wirkmächtigen Medieninstitution zum 60. Geburtstag auch ein wenig Selbstreflexion abverlangen darf.

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