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Die Medienkolumne: Putins Spiele - dasselbe wie Olympia 1936?

Putin ist nicht Hitler, darum geht es nicht. Aber bei der Inszenierung der Spiele als nationale Demonstration der Stärke gibt es propagandistische Parallelen, die man analysieren muss.

Von Bernd Gäbler

Jeder Hitler-Vergleich verbietet sich. Er könnte die Einzigartigkeit des Holocaust relativieren. Putin plant weder einen systematischen Massenmord noch einen Weltkrieg. Das Vergleichs-Verbot verhindert aber auch Erkenntnisse. Denn wer Ähnlichkeiten oder Parallelen entdeckt, könnte dadurch ja auch besonders wachsam werden.

Was heißt es, den Sport propagandistisch auszunutzen?

Unumstritten ist, dass Hitler die Olympischen Spiele 1936 propagandistisch nutzte, um international Reputation zu gewinnen und nach innen die "Volksgemeinschaft" zu schmieden. Darum wurde das "Fest der Völker" zur nationalen Aufgabe. Heute lesen wir alles vom Ergebnis her – Weltkrieg und Massenmord. Obwohl die Nürnberger Rassegesetze bereits verabschiedet waren, empfanden viele Beobachter Olympia 1936 damals aber vor allem als großartiges Sportereignis. Die Nazis taten alles, um den Sport pathetisch ins Zentrum zu stellen. Das im Hotel Adlon einquartierte Internationale Olympische Komitee war begeistert.

Der deutsche Geschichtsmythos besagt, die vier Goldmedaillen des Jesse Owens hätten dem Führer das Fest verhagelt. Tatsächlich berichteten alle Zeitungen – in der Ausstellung "Topographie des Terrors" waren sie vor Kurzem zu besichtigen – fasziniert von den Siegen des "Negersportlers" (wie es damals hieß). Wichtiger war für Hitler, dass die USA die Spiele nicht boykottierten und am Ende sogar zwei jüdische Athleten zugunsten von Owens und Metcalfe aus der 4x100 Meter Staffel warfen. Ihre eigene antisemitische Propaganda dämpften die Nazis während der Zeit der Olympischen Spiele. Hitler holte "Halbjuden" wie den Eishockeyspieler Rudi Ball und die Fechterin Helene Meyer ins Olympiateam, ebenso den bekannten kommunistischen Ringer Werner Seelenbinder. Er tolerierte, dass der Organisationschef Theodor Lewald "Halbjude" war.

Nie zuvor nahmen so viele Nationen und Athleten teil. Nicht angetreten war lediglich die Sowjetunion. Ausländische Zeitungen waren erlaubt. 1800 Journalisten aus 58 Staaten berichteten – ohne nennenswerte Kritik. Dass nicht weit von Berlin gerade das KZ Sachsenhausen errichtet wurde, entging ihnen ebenso wie der Aufbau der Legion Condor.

Wie funktioniert Propaganda?

Hitler nutzte Olympia, um der Welt zu zeigen, dass Deutschland nach der "nationalen Revolution" fähig ist, in einer gemeinsamen Anstrengung Großes zu leisten. Deutschland befinde sich im Wiederaufstieg. Der Sport wurde wie in einem nationalen Weihefest zelebriert, mit Lorbeer, Fackeln, Altären, Glocke und spezieller Hymne. Der Kern der Propaganda war also ein gnadenloser Nationalismus. Obwohl Deutschland aus dem Völkerbund ausgetreten war, erntete es internationale Anerkennung.

Auch in Sotschi blüht der Nationalismus. Vor Ort wirkt Olympia wie ein russisches Ereignis. Dass Sotschi als Wintersportzentrum in kürzester Zeit aus dem Boden gestampft wurde, soll die Leistungsfähigkeit des "neuen" Russland demonstrieren. Eine Führung mit straffer Hand garantiere auch ökonomische Leistungsfähigkeit. Nach einer Phase der Unruhe sei Russland nun wieder eine aufsteigende Nation. Das IOC dient der Bestätigung.

Wladimir Putin personifiziert dieses Russland. In den Stadien lässt er sich feiern. Seine Parteigänger durften die Fackel anzünden. Mit dem niederländischen König Willem-Alexander trinkt er ein Bierchen, mit der österreichischen Abfahrtslegende Karl Schranz kippt er einen Schnaps. Als die 15-jährige Julia Lipnitskaia das Publikum verzaubert, herzt Putin sie auf das Süßlichste. Schon Adolf Hitler hatte die Garmisch-Partenkirchener Siegerin, das einstige "Eishäseken" Sonia Henie, persönlich mit deren Eltern auf den Obersalzberg eingeladen. Und Putin zögert auch nicht, Ireen Wüst, jene Eisschnellläuferin, von der die Welt inzwischen weiß, dass sie lesbisch ist, zur Gratulation fest in die Arme zu schließen. Putin zeigt sich kumpelhafter als es Hitler je tat, aber im inszenierten Personenkult um den großen Macher, den nationalen Führer, der auch ein großer "Kümmerer" ist, existieren durchaus Parallelen.

1936 wurde der Fackellauf erfunden. Er sollte die Bevölkerung einstimmen: Eine einige Nation bereitet sich auf Olympia vor. Putin hat ihn schier endlos verlängert. Hitler nutzte Olympia vor allem, um in der Jugend eine "Heim ins Reich"-Stimmung zu verbreiten. Hunderte sudentendeutsche Jugendliche wurden nach Berlin eingeladen.

Die Athleten wurden zu nationalen Helden stilisiert. Von Leni Riefenstahl neuartig ins Bild gesetzt, sollte der heldische Athlet den "gesunden Volkskörper" symbolisieren. Besonders der Kugelstoßer Hans Woelke, am 2. August der erste Goldmedaillegewinner für Deutschland, und der Turner Konrad Frey, der sechs Medaillen gewann, wurden zu Vorbildern erkoren.

Der heutige Kult um die Athleten ist natürlich stärker mit Geld und Sex verbunden, aber Putin weiß auch den sich aufopfernden Eiskunstläufer Jewgenij Pljuschtschenko, die Bürgermeisterin im olympischen Dorf Jelena Issinbajewa oder die Fackelträger Irina Rodnina und Wladislaw Tretjak als perfekte Menschen zu überhöhen und als nationale Ikonen zu nutzen.

Der Vergleich und die Kritik

Putin ist nicht Hitler; Sotschi ist nicht Berlin – aber die Kenntnis der nationalsozialistischen Olympia-Propaganda kann uns sensibilisieren für inhaltliche Ähnlichkeiten und propagandistische Parallelen, mit denen Putin gerade Olympia für eigene Zwecke instrumentalisiert. Sie zu decodieren wäre wichtig, denn es geht ja weiter. Die nächsten Großereignisse in Putins Russland heißen: Eishockey-WM, Formel 1 und Fußball-WM.

In Russland herrscht eine korrupte politische Klasse. Deren Repräsentanten sind gewählt, aber Wahlen ohne Presse-, Meinungs-, Versammlungs-und Organisationsfreiheit taugen nicht viel. Die homophoben Gesetze sind schlimm, aber schlimmer ist der mangelnde Pluralismus. Das ist keine kulturelle Frage, die es zu tolerieren gilt, sondern ein Politikum.

Wie in jeder totalitären Herrschaft werden oppositionelle Meinungen ausgegrenzt und für oppositionelle Handlungen steht ein Lagersystem bereit, das jeder Rechtsstaatlichkeit Hohn spricht. Das ist zu kritisieren. Wenn der russische Olympiakritiker Jewgenij Witischko zu drei Jahren Lagerhaft verurteilt wird, darf das in keinem Olympiabericht fehlen. Denn das ist charakteristisch für das System.

Bei uns aber gibt es stattdessen ein wenig Häme über Doppelklos oder kaputte Aufzüge, und Reporter protokollieren laut, stolz und vermutlich in kritischer Absicht die sexuelle Orientierung von Eisschnellläuferinnen oder Skispringerinnen im ansonsten sportbesoffenen öffentlich-rechtlichen Fernsehen.