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Olympia in Sotschi: Putin zelebriert den Präsidentenmarathon

Russlands Staatschef kostet seine Olympischen Spielen aus und inszeniert sich volksnah. Mit den zwangsenteigneten Bewohnern Sotschis kündigt er einen Dialog an. Das IOC bezeichnet Putin als "harmlos".

Wladimir Putin genießt in diesen Tagen. Der Kremlchef holte die Winterspiele in einen Sommerkurort - und jetzt kostet er sein Olympia voll aus. Mag auch das Internationale Olympische Komitee (IOC) enttäuscht sein über mangelnde Zuschauer in Sotschi, ein Besucher taucht an den glitzernden Wettkampfstätten immer wieder auf: Putin. "Präsidentenmarathon" nennen russische Medien die Stippvisiten des Staatschefs bereits.

Nun hat er den zwangsenteigneten Bürgern der Olympia-Stadt nach massiver Kritik einen Dialog angeboten. "Obwohl der Bau der Sportstätten abgeschlossen ist, bin ich zur Erörterung dieser Frage bereit", sagte er am Montag bei einem Treffen mit Organisatoren der Winterspiele. Er gehe aber davon aus, dass zwangsenteignete Bürger heute in neuen Wohnungen "viel besser leben" würden als früher, sagte Putin der Agentur Interfax und dämpfte damit die Erwartungen an mögliche Gespräche.

Schätzungen zufolge waren die Häuser von rund 2000 Bürgern in Sotschi wegen Olympia-Bauten abgerissen worden. Viele der damaligen Bewohner beklagen, sie seien nicht ausreichend entschädigt worden.

Putin glaubt an Touristenstrom

Putin sieht die Zukunft von Sotschi hingegen rosig. Er sei sicher, dass Olympia einen Reiseboom auslösen werde, sagte er. Die bisher vor allem als sommerlicher Kurort bekannte Stadt entwickle sich dann zu einem ganzjährigen Urlaubsziel. "Was wir in den vergangenen sieben Jahren geschaffen haben, wird einen Touristenstrom auslösen."

Derzeit ist vor allem Putin selbst begeisterter Besucher Sotschis. Als Eiskunstlaufstar Jewgeni Pluschenko die erste Goldmedaille für das Gastgeberland gewann, nahm auch der Staatschef auf der Tribüne Glückwünsche entgegen - als hätte er selbst die Pirouetten gedreht.

Damit der Präsident wiederrum gratulieren konnte, mussten die Olympiasieger im Eisberg-Palast extra ihre Ehrenrunde vor Tausenden jubelnden Fans abbrechen. "Das ist eine unglaubliche Ehre", schwärmte Mannschaftskapitän Jekaterina Bobrowa vor den TV-Kameras.

Der Kremlchef sang im Tiroler Haus

Auch fern der futuristischen Eishallen am Schwarzen Meer lässt sich Putin immer wieder zu sehen - zum Beispiel im Österreich-Haus im Alpin-Wettbewerbsort Krasnaja Poljana. Zünftig ging es zu in der Niederlassung der Wintersport-Großmacht, als der Präsident zu seinem gut geplanten Spontanbesuch eintraf.

In sportliches Rot gekleidet, setzte sich der Kremlchef zu den Zillertaler Sängern und soll sogar ein paar Takte des Regionalhits "Die Almhüttn" mitgesungen haben. "Das ist ein Ereignis, das wir nicht alle Tage haben", sagte Sängerin Maria österreichischen Medien zufolge. Und ihre Kollegin Silvia ergänzte: "Das nimmt man gerne mit."

"Schönen Abend und Mahlzeit"

Fotos zeigen eine rustikal getäfelte Wand, an der Poster mit Alpen-Panorama hängen. Davor sitzt der Staatschef, und in der Nähe steht der österreichische Unternehmer Siegfried Wolf - er gilt als Putin-Vertrauter und einer der größten Bauherren in Sotschi. Wie der Kremlchef hat auch Wolf immer wieder Kritik an den Winterspielen unter Palmen zurückgewiesen. Die Rekordkosten von 37,5 Milliarden Euro für Olympia bezeichnete er als gerechtfertigt.

"Ich wünsche Ihnen noch viele Medaillen, aber Russland noch mehr", sagte Putin zum Abschied nach etwa 30 Minuten – in Deutsch. Vor dem Fall des Eisernen Vorhangs war er als KGB-Mitarbeiter in Dresden. Mit den Worten "Schönen Abend und Mahlzeit" verabschiedete sich Russlands starker Mann, der als Meister der Selbstinszenierung gilt.

Kremlgegner kritisieren "Putins Spiele" seit langem als Ein-Mann-Show. Für den Lebenstraum des Präsidenten wurden die Bürger Sotschis zwangsenteignet, die bisher unberührte Landschaft habe schweren Schaden genommen, Gastarbeiter seien ausgebeutet worden, betonen Menschenrechtler.

"Im Vergleich zu George W. Bush ist Putin harmlos"

Das IOC wird hingegen nicht müde, den begeisterten Eishockeyspieler und Skifahrer zu loben. Putin sei "eher harmlos" im Vergleich zu George W. Bush, sagte ein namentlich nicht genannter IOC-Mitarbeiter der russischen Zeitung "Kommersant". Der damalige US-Präsident habe bei den Winterspielen in Salt Lake City 2002 die Eröffnungsworte einfach umformuliert und die Olympia-Symbole im Wahlkampf missbraucht. "Daran erinnern wir uns mit Grauen. Putin ist bisher okay", wird der Mitarbeiter zitiert.

"Sotschi ist Russlands neue Hauptstadt", schrieb "Kommersant" am Montag. Putin werde bis zum Ende der Winterspiele nur selten in das eigentliche Machtzentrum Moskau reisen, sondern vor allem in seiner Residenz Botscharow Rutschej bei Sotschi Weltpolitik machen.

Kritische Töne klingen in den vom Kreml gesteuerten Staatsmedien nicht an – im Gegenteil: Pünktlich zur Olympia-Eröffnung am vergangenen Freitag um 20.14 Uhr Ortszeit sei in Sotschi ein Kind zur Welt gekommen, berichtete die Zeitung "Komsomolskaja Prawda". Die Eltern hätten sich für den Namen Wladimir entschieden. "Das ist zu Ehren unseres Präsidenten", sagt Mutter Natalia. "Wenn der Junge groß ist, soll er einmal Olympia-Gold gewinnen", sagte die 41-Jährige.

nck/DPA / DPA

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