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Olympia 2014 in Sotschi: Putin, pack deine Brüste ein

Die Olympischen Winterspiele drohen zur großen Putiniade zu werden: Kann ich dennoch guten Gewissens Sotschi schauen? Ja, denn Putins Propagandashow ist längst durchschaut.

Ein Kommentar von Jens Maier

Lasst die Putiniade beginnen: jubelnde Sportler, begeisterte Zuschauer - eine ganze Nation im Freudentaumel. Diese Bilder werden am Abend bei der Eröffnung der XXII. Olympischen Winterspiele um die Welt gehen. Hunderte Millionen Fernsehzuschauer sollen nicht nur den Austragungsort Sotschi, sondern ganz Russland von seiner Schokoladenseite kennenlernen. Mittendrin ein Präsident, der als netter Onkel in die Menge winkt. Doch auch wenn er sich gerne sportlich mit freiem Oberkörper hoch zu Ross ablichten lässt: Wladimir Putin ist kein Olympionike.

Die olympische Idee basiert auf der Wahrung der Würde des Menschen und auf der Ablehnung jeglicher Form von Diskriminierung. Mit andauernden Menschenrechtsverletzungen und seiner infamen Gesetzgebung gegen Homosexuelle hat Putin bewiesen, dass er nichts davon verstanden hat. Wenn heute die olympische Flamme im Fischt-Stadion entzündet wird, sonnt sich ein despotischer Herrscher im Glanz des internationalen Sports. Mit freundlicher Genehmigung des Internationalen Olympischen Komitees soll die hässliche Fratze ein lächelndes Antlitz bekommen.

Kann ich dennoch guten Gewissens Olympia schauen? Kann ich die Bauten von Sotschi bewundern, obwohl sie mit dem Schweiß von unterdrückten Gastarbeitern errichtet wurden? Kann ich mich an den Sportlern erfreuen, die fröhlich winkend ins Stadion einziehen, obwohl ich genau weiß, dass sie einen Maulkorb verpasst bekommen haben? Kann ich Medaillengewinner beklatschen, obwohl Putin jeden einzelnen Rekord als seinen inszenieren wird? Oder anders gefragt: Kann Olympia unter diesen Bedingungen Spaß machen?

Schnee in den Tropen überzeugt noch keinen

Putin will die Spiele als Propagandaschau missbrauchen. Er hat das prestigeträchtige Event mit Geld und Macht nach Russland geholt. Winterspiele unter Palmen - das war seine Idee. Er persönlich hat Sotschi als Austragungsort ausgewählt. Mehr als 50 Milliarden Euro soll Russland sich das Spektakel kosten lassen habentaunen. Die Botschaft dahinter: Wer es in den Tropen schneien lassen kann, kann es auch mit den USA und China aufnehmen.

Mit jedem Zuschauer vorm Fernseher mehr, soll Putins Glorienschein ein Stückchen heller glänzen. Das Publikum als Handlanger. Doch schon jetzt ist klar: Dieses Kalkül wird nicht aufgehen. Die Propagandaschau droht wie ein Kartenhaus in sich zusammenzustürzen. Das liegt nicht nur am russischen Unvermögen für Perfektion, an unfertigen Hotelzimmern, peinlichen Toiletten oder absurden Verbotsschildern. Sondern vor allem an den schlauen Zuschauern, die Putins Protzpropaganda längst durchschaut haben.

Kritik kommt nicht nur von Schwulen

Denn die Spiele in einem Land, das Menschenrechte mit Füßen tritt, sind nicht nur ein Ärgernis für einige wenige Schwule, Lesben und Menschenrechtler. Der Unmut kommt aus allen Reihen. In einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov antworteten 60 Prozent von 1076 Befragten auf die Frage, ob sie Olympische Spiele in Russland für richtig halten, mit "nein", nur 22 Prozent sagten "ja". Auch unter Sportlern rumort es. Ob Österreichs Ski-Legende Hermann Maier oder Deutschlands Olympiahoffnung Felix Neureuther - viele kritisieren die Vergabe der Spiele nach Russland.

Winterspiele in den Tropen, die Kommerzialisierung der Olympischen Idee, Korruptionsvorwürfe gegen das Internationalen Olympische Komitee und das ungute Gefühl über die Menschenrechtssituation vor Ort - all das verhagelt den Deutschen die Lust auf Sotschi. Gucken dürfen sie trotzdem - ganz ohne schlechtes Gewissen. Die Athleten, die sich seit Monaten auf dieses Ereignis vorbereitet haben, haben einen Fernsehboykott nicht verdient. Und dass die westliche Welt intensiver als sonst über Menschenrechtsverletzungen diskutiert, ist ohnehin nur der großen Aufmerksamkeit geschuldet.

Verpassen Sie nicht den Helden von Sotschi

Jubeln Sie also mit, wenn Deutschland seine erste Goldmedaille holt. Lehnen Sie sich entspannt zurück und amüsieren sich über die große Putin-Show. Lachen Sie über den Hohn, den er für manche Peinlichkeit noch ernten wird und verpassen Sie nicht den oder die Helden/-in von Sotschi. Er oder sie wird allen Verboten zum Trotz die Regenbogenfahne in die Kameras halten und damit ein Zeichen für die Schwulenrechte setzen. Es wird ihn oder sie geben, ganz sicher.

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