New Yorker Geschichten Unter Freunden


Hoher Besuch in New York: Seine Heiligkeit der Dalai Lama spricht in der Radio City Music Hall von Leerheit und Erfüllung - sein berühmtester Schüler hat ihn eingeladen: Richard Gere kniet nieder und macht sich fleißig Notizen.
Von Ulrike von Bülow, New York

Möglicherweise wäre diese Veranstaltung etwas für Kiefer Sutherland; jedenfalls muss man an ihn denken, während Seine Heiligkeit der Dalai Lama hier in der Radio City Music Hall von Leere spricht und von Erfüllung. Daran, wie Kiefer Sutherland vor drei Abenden draußen stand vor dem Restaurant "Grano Trattoria" im West Village, eine Zigarette rauchte und grimmige Blicke auf den Bürgersteig warf. Daran, wie er neulich im Stechschritt über die W11 Street eilte und dabei im Befehlston in sein silbernes Handy sprach.

Man sieht Kiefer Sutherland öfters in New York, und immer hat man das Gefühl, der Mann holt gleich eine Waffe raus und bellt: "Get down!", so wie er es als Agent Jack Bauer in "24" tut, der weltbesten TV-Serie (vermutlich muss Sutherland sich nicht besonders verstellen, wenn er Bauer spielt). Er passt in diese Stadt, in der alle immer in Eile sind und jeder hektisch auf seinem Blackberry herumscrollt. In der die Taxifahrer nur Vollgas und Vollbremsen kennen und ständig irgendwo eine Sirene zu hören ist. New York ist schnell, New York ist laut, und wenn man hier den Dalai Lama erlebt, für ein paar Stunden nur, dann fühlt sich das an wie siebzehn Wochen Urlaub auf Sandy Island im karibischen Meer. Und dafür braucht man kein Buddhist zu sein.

Betend im Nadelstreifen-Anzug

"His Holiness the XIV Dalai Lama October 12/13/14. 2007", das steht draußen über dem Eingang der Radio City Music Hall, und: "Hostet by Healing the Divide and the Tibet Center". Healing the Divide ist die Hilfsorganisation von Richard Gere, dem wohl zweitberühmtesten Buddhisten der Welt, nach Seiner Heiligkeit. Gere und der Dalai Lama haben "viele Ebenen von Beziehungen", sagt Gere, "als Schüler und Lehrer, aber auch als gemeinsame Streiter für Tibet. Und als Freunde".

In diesen drei Tagen befindet er sich offenbar auf der Schüler-Ebene. Der Dalai Lama ist gekommen, um ein paar Unterrichtsstunden abzuhalten, jeweils morgens und nachmittags. Er erläutert zum Beispiel "Seventy Verses on emptiness", die in Versform verfasste Lehre der Leere von Nagarjuna, einem buddhistischen Philosophen, der im 2. Jahrhundert lebte und als einer der bedeutendsten Denker des Buddhismus gilt: Leere bedeutet das Loslassen sämtlicher fest gefügten Ideen über uns selbst und die Welt. Nichts ist dauerhaft, alles ändert sich ständig.

Auf der Bühne steht ein großer Thron, behangen mit tibetanischen Teppichen. Links und rechts davon liegen lilafarbene Kissen, auf denen tibetanische Mönche und Nonnen Platz genommen haben. Sie alle tragen diese bordeauxroten Gewänder, wie der Dalai Lama sie trägt, nur Richard Gere nicht, der in einem sehr gut sitzenden schwarzen Nadelstreifen-Anzug steckt und mit Seiner Heiligkeit die Bühne betritt. Er hält dem Dalai Lama die Hand, als dieser über eine kleine Treppe auf den großen Thron steigt. Der Dalai Lama lässt sich in den Schneidersitz fallen, und Gere und all die anderen Buddhisten auf der Bühne falten die Hände, heben sie über den Kopf, vor ihr Gesicht, vor die Brust, gehen zu Boden, es sieht aus, als küssten sie den Teppich. Das wiederholen sie dreimal, dann kann es losgehen.

Was der Dalai Lama sagt, muss entspannend sein

Richard Gere setzt sich auf eines der Kissen, die Beine über Kreuz. Neben ihm gibt es jetzt noch einen Mann im Anzug, das ist der Übersetzer, denn Seine Heiligkeit, ein kleines Mirko vor dem bebrillten Gesicht, murmelt nur kurz etwas auf englisch, "explanation" ist zu verstehen, Erklärung, aber dann spricht er eine Sprache, die offenbar tibetisch ist. Er hat eine etwas knarzige Stimme, und was er sagt, klingt so: dschindsidi dadingdiwa gumwülülünbschism. Immer, wenn der Dalai Lama spricht, schaut Richard Gere zu ihm auf; und immer, wenn der Übersetzer das Gesagte übersetzt, schreibt Gere auf einem Notizblock mit. Manchmal gähnt er.

Es hat etwas zauberhaft Einlullendes, was hier geschieht. 6000 Zuschauer passen in den Saal, er ist an allen drei Tagen voll, und trotzdem ist es so ruhig, dass man vergisst, wo man ist: In Midwown Manhattan, in der Radio City Music Hall, in der sonst die "Rockettes" tanzen, Damen, die wenig anhaben und ihre Beinchen in die Höh' strecken. Jetzt aber blicken alle ehrfürchtig auf den heiligen Mann, und wenn aus Versehen ein Handy bimmelt, gibt es böse Blicke für den Handy-Besitzer. Was da von der Bühne strahlt, ist schwer zu beschreiben, man fühlt sich so... angenehm entschleunigt. Sitzt da, die leicht monotonen Ausführungen des Dalai Lama und seines Übersetzers im Ohr, ohne wirklich immer zuzuhören. Vielleicht genügt das Gefühl: was Seine Heiligkeit zu sagen hat, muss entspannend sein. Und der Dalai Lama sitzt da, manchmal lächelt er, häufig kratzt er sich am Hals, immer sieht er drollig aus. Gemütlich. Am Ende, nach drei Tagen, sagt er in etwas holprigem Englisch: Wenn man denn etwas gelernt habe, vielleicht künftig meditieren wolle, dann sei es wichtig, gut auf sich aufzupassen: "Stehen Sie früher auf", sagt seine Heiligkeit, "gehen Sie früher ins Bett... diese Nachtclubs..." - dafür müsse sich niemand opfern.

Wissen, wann man die Welt wegschalten muss

Das ist der Moment, in dem man wieder an Kiefer Sutherland denken muss, der vergangene Woche zugab, betrunken Auto gefahren zu sein; die Polizei hatte ihn im September drüben in Los Angeles dabei erwischt, und weil Sutherland ein Wiederholungstäter ist, drohten ihm sechs Monate Haft; die hat nun ein netter Richter auf 48 Tage reduziert, da Sutherland gestanden und versprochen hat, er werde ein halbes Jahr lang einmal wöchentlich zu Therapie-Sitzungen spazieren. Vielleicht sollte er dazu ein bisschen meditieren.

Der Dalai Lama jedenfalls sagt noch, zusammen fassend, dass wir alle auf einem Pferd reiten sollen von einem Platz der Freude an einen anderen Platz der Freude, und dafür dankt ihm Richard Gere, der ganz am Schluss ans Mikrofon tritt und sagt: "Was für eine großartige Zeit wir hier hatten! Ich hoffe, New York hat sich jetzt in einen Tempel verwandelt." Aber ganz so leicht ist das natürlich nicht. Hinterher kommen die Mönche und Nonnen, die eben noch bei Seiner Heiligkeit auf der Bühne saßen, aus einem Seiteneingang der Radio City Music Hall heraus, sie bleiben stehen und schalten ihre Handys ein. Sie telefonieren, sie beantworten Sms, es ist ein bizarres Bild. Vielleicht ist die Welt längst überall schnell, es geht nur darum, zu wissen, wie man sie wegschaltet. Und wann.


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