Oldenburg Filmfest Großes Kino hinter Gittern


Keira Knightley war in Oldenburg Gast, da kannte sie noch keiner. Mit Cannes, Venedig oder Berlin kann das niedersächsische Städtchen nicht konkurrieren - doch für ein paar Tage ist Oldenburg der Mittelpunkt der internationalen Independent-Filmszene. Absolutes Novum: Man sitzt hinter Gittern.
Von Katharina Miklis

Das Internationale Filmfest Oldenburg, das als deutsche Antwort auf Robert Redfords legendäres Sundance Festival gilt, bringt sein Publikum in diesem Jahr nicht nur hinter Gitter, es fordert es auch zum "Rauchen, Trinken und Sex" auf. So sagt es zumindest der niedersächsische Kulturminister Lutz Stratmann bei der Festivaleröffnung am Mittwoch im Oldenburgischen Staatstheater. All das, was Hollywood am liebsten nach und nach aus seinen Filmen verbannen möchte, gibt es in Oldenburg zu Hauf - auf den Leinwänden wird geraucht, gesoffen und gevögelt, was das Zeug hält. Klar, dass ein Independent-Festival wie dieses gegen den glatten Hollywood-Mainstream rebellieren muss.

Keira Knightley war in Oldenburg zu Gast, da kannte sie noch kein Mensch. In den Kinosesseln findet man sich schon mal neben den Wilson-Brüdern oder Christopher Coppola wieder - nichts auergewöhnliches in Oldenburg. Was wirklich Besonderes ist in diesem Jahr jedoch die Auswahl der Spielorte, an denen das "kleine, dreckige Independent-Festival" seine Filme zeigt. Einen Teil des Programms bekommt man nämlich nur zu sehen, wenn man sich einbuchten lässt. Als erstes Festival Deutschlands macht das Oldenburger Filmfest eine Justizvollzugsanstalt zum regulären Spielort.

Knast-Kino hinter Stacheldraht und Gitterstäben

Man erwartet ein lautes, markerschütterndes Krachen. In dem Moment, in dem sich die Gefängnistore schließen, und man von der Außenwelt abgeschlossen wird, ist es aber nur ein ganz leises, hämisches Klicken. Besucher des 14. Filmfests Oldenburg sollten in diesem Jahr lieber nicht klaustrophobisch veranlagt sein. Hinter Stacheldraht und Gitterstäben können Festivalbesucher gemeinsam mit Insassen der JVA Oldenburg Filme über Filme diskutieren und sich austauschen. Mitten im Film einfach aufstehen und gehen ist schwierig. Da braucht man schon fast eine Sondergenehmigung. Popcorn gibt's auch nicht, und zu den Toiletten wird man von netten Polizisten geführt.

Als am Donnerstag in der JVA Oldenburg der erste offizielle Spieltag des Internationalen Filmfests mit der Weltpremiere von Jan Hinrik Drevs' "Underdogs" eröffnet wurde, sind die Sicherheitsvorkehrungen umfangreich. Schließlich treffen hier Welten aufeinander. Festivalpublikum und JVA-Insassen sitzen direkt nebeneinander vor der Leinwand. Filmfreak neben Autoschieber, Mutti neben Dealer. Das ist die Idee des Knast-Kinos. Den Gefängnisinsassen soll mit der JVA-Einbindung ins Festival ein kulturelles Angebot gemacht werden, während sich den Festivalbesuchern ein bislang unbekannter Blick in die Gefängniswelt bietet.

Happy End gibt's vorerst nur im Film

Jeder einzelne Besucher wird genauestens kontrolliert. Durch etliche Sicherheitstüren wird man in das Innere der Justizvollzugsanstalt geschleust. Ein mulmiges Gefühl macht sich breit. Filmvorführungsraum ist die Kapelle der JVA. Dort, wo sonst die Anstaltsband spielt und der ganz normale Vollzugsalltag stattfindet, stehen nun JVA-Leiter Gerd Koop und Festivalleiter Torsten Neumann, um Knackis und Filmfans gleichermaßen zu begrüßen. "Grenzen zu überschreiten", so Filmfestchef Neumann, "ist eine Qualität des Independent-Kinos. Und die soll sich in diesem Jahr nicht nur im Filmprogramm des Festivals widerspiegeln, sondern auch in der Wahl der Spielorte". Der Spielstätten-Eröffnungsfilm "Underdogs" ist eine rührselige Dokumentation der Resozialisierung von sechs Inhaftierten, die im Gefängnis Blindenhunde ausbilden sollen. Böser Knacki trifft auf tapsigen Welpen. Im Film führt das zum Happy End. Im wahren Alltag sind die Insassen der Oldenburger JVA noch weit entfernt von ihrem Happy End. Vielleicht ist das der Grund, warum die Zuschauer in der Knast-Kapelle an unterschiedlichen Stellen lachen - beziehungsweise die einen lachen, die anderen nur schlucken. Ein bedrückendes Gefühl.

Hollywood zu Gast in Oldenburg

Und dann weht doch noch ein Hauch von Hollywood hinter den schwedischen Gardinen. US-Filmstar Stacy Keach ("Mike Hammer", "American History X"), dem auf dem diesjährigen Filmfest Oldenburg ein Tribute gewidmet wird, betritt den Raum. Er selbst hat auch schon einmal gesessen, erfährt man nun - das ist allerdings über 20 Jahre her. In der JVA Oldenburg ist es dagegen richtig gemütlich, schmunzelt er und hat gut lachen. Er darf ja auch gleich wieder gehen.

Während für die Männer der JVA am Tag danach der ganz normale Knast-Alltag weitergeht, weht außerhalb der Gefängnis-Mauern ein Hauch von Glamour durch Oldenburg: diverse Welt- und Deutschlandpremieren, VIP-Partys und Roter-Teppich-Gewinke finden statt. Am Samstag dann die große Gala-Nacht im Oldenburger Staatstheater. Der "German Independence Honory Award" wird an Ehrengast Stacy Keach vergeben. Das Enfant Terrible des internationalen Independent-Kinos, Abel Ferrara, sollte eigentlich auch einen Award überreicht bekommen. Er schafft es jedoch nicht nach Oldenburg.

Dafür ist ein anderer großer Name des Films anwesend: Volker Schlöndorff. Der Oscar-prämierte Filmemacher ("Die Blechtrommel") stellt persönlich die Deutschlandpremiere seines neuen Films "Ulzhan" vor. Wieder mal beweist Filmfestchef Neumann das richtige Händchen für gutes Independent-Kino.

Bevor in der Studentenstadt Oldenburg wieder die Lichter aus gehen, gibt es noch reichlich Bussibussis für den Independentfilm. Die Vergabe des "German Independence Awards" in der Kategorie "Bester Deutscher Film" als auch die des renommierten "Otto Sprenger Preises" stehen noch aus. Dies soll auf der "Closing Night Gala" über die Bühne gehen. Dann wird es auch in Oldenburg wieder etwas ruhiger. Zumindest was das Rauchen, Trinken und den Sex auf der Leinwand angeht.


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