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Oscar-Kandidat "Biutiful": Bardem spielt zum Sterben schön

Mit "Biutiful" blickt der mexikanische Regisseur Inárritu wieder tief in das Elend der menschlichen Existenz. Javier Bardem in der Titelrolle des zum Tode Verdammten ist überragend.

Kinotrailer: "Biutiful"

Kann ein Film über das Sterben schön sein? Eigentlich nicht, auch dann nicht, wenn er den Titel "Biutiful" trägt, vom Englischen "beautiful" (schön, wunderbar). Der Film des mexikanischen Regisseurs Alejandro Gonzáles Inárritu geht unter die Haut, macht fassungslos. Denn er stellt das Elend in seiner ganzen Bandbreite dar: Ein krebskranker Mann, der Blut pinkelt und dessen Leben gescheitert ist. Doch Inárritu ist Humanist und sieht auch im tiefsten Elend noch Lichtblicke. "Biutiful" ist ein eingehender, poetischer Film über das Sterben und die Suche nach der Schönheit in seiner Unvollendetheit und Vergänglichkeit.

Uxbal (Javier Bardem) lebt in Barcelonas Immigrantenviertel. Er ist ein Kleinkrimineller, der sich mit Deals mit illegalen Einwanderern und afrikanischen Straßenhändlern, die er mit Handtaschen und gebrannten CDs beliefert, über Wasser hält. Auch wenn er sich mit krummen Methoden durchschlägt, ist Uxbal im Grunde redlich, denn er liebt die Menschen. Er kümmert sich hingebungsvoll um seine beiden Kinder, versucht sich mit seiner manisch-depressiven Frau auszusöhnen, die ins Prostituiertenmilieu abgedriftet ist, und kauft den chinesischen Arbeitern Gasflaschen, damit sie es in ihrem Barackenlager etwas wärmer haben.

Nichts am Leben von Uxbal ist schön. Dennoch will er, selbst schon halbtot, helfen und ist ein Mann der Hoffnung. Er überlebt am Rande der Gesellschaft. Wie er dorthin gekommen ist, erzählt der Film nicht. Inárritu liefert keine Erklärungen und überlässt es dem Betrachter, sich auszumalen, welche Umstände ihn in die Drecksviertel Barcelonas gebracht haben.

In bester Inárritu-Manier wird ein Menschenleben gezeigt, gegen das sich das Schicksal verschworen hat. Doch der mexikanische Meister entwirft keinen sozialkritischen Mitleids-Film. Die Anzahl der Themen, die der Regisseur anschneidet, ist gewaltig: angefangen von Beziehungsproblemen über illegale Arbeiter bis zu Rassismus und Spiritualität. Inárritu drückt nicht auf die Tränendüse, sondern weiß virtuos die Emotionen zu dosieren. Der Film führt den Zuschauer in eine Welt undurchschaubarer Wege, in der der Mensch an seine Grenzen stößt und zwischen Elend und Hoffnung schwankt.

Im Gegensatz zu "Amores Perros", "21 Gramm" und "Babel" steht diesmal das Schicksal einer einzigen Person im Mittelpunkt. Inárritu hat sich mit der Figur Uxbals geistig lange auseinandergesetzt. "Er war plötzlich in meinen Gedanken und ich verbrachte drei Jahre mit ihm, um herauszufinden, wer er ist", erklärte der Regisseur. Das Ergebnis: Ein Porträt, das intim, eindringlich, zurückgenommen und zugleich unwahrscheinlich kraftvoll ist.

In der Titelrolle des zum Tode Verdammten beweist Javier Bardem (Oscar für "No Country for Old Men"), warum er zu den großen Schauspielern der Gegenwart zählt. Mehr als zwei Stunden lang wird sein markantes Gesicht, dessen Augen ins Leere blicken, meist in Großaufnahme gezeigt. Mit Gefühlsgestik wird gespart. Das Gesicht wird hier zum Spiegelbild der Wirkungsmacht der Gefühle. Bardem wurde für seine meisterhafte Darstellung in Cannes 2010 mit der Goldenen Palme ausgezeichnet.

"Biutiful" ist erschütternd, tragisch, eingängig und poetisch zugleich. Der Film führt den Zuschauer tief in die Meere menschlicher Emotionen und wirkt mit seiner filmischen Reflexion über das Sterben noch lange nach.

Sabine Glaubitz, DPA / DPA
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