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Javier Bardem: Der spanische Eroberer

Hübsch ist er nicht, dafür aber umso wirkungsvoller. Wie jetzt als Killer mit Playmobil-Männchen-Frisur in dem Thriller "No Country for Old Men". Sein Oscar dafür zeigt: Der Schauspiel-Stier Javier Bardem ist in Hollywood angekommen.

Von Christine Kruttschnitt

Fehlt auf den Osterinseln einer dieser Riesenköpfe? Muss so sein. Denn hier, mitten in Beverly Hills, wird er gesichtet: am offenen Fenster eines Luxushotels, rauchend. Steile Stirn, kühn gewölbte Lippen, dazwischen die Nase wie aus einem Tetrapak gefalzt. Ein schöner Mann? Nun ja. Wäre er römischer Kaiser oder spanischer Eroberer, hieße es: nobles Antlitz. Wäre er Rugbyspieler oder träfe man ihn an einem Tresen, würde man sagen: gut gebrochen, der Zinken. Hübsch ist Javier Bardem gewiss nicht. Aber wer braucht hübsch bei einem Rugbyspieler (war er mal). Und hübsch bei einem spanischen Eroberer (was er jetzt irgendwie geworden ist). Der Schauspieler dreht sich noch einmal zum offenen Fenster, pustet Zigarettenqualm in die rauchfreie Zone Los Angeles und sagt dann behutsam: "Ich will nicht berühmt sein! Berühmt werden wollen nur die dummen Arschlöcher aus den Reality-Shows."

Mit Bedacht spricht er nicht etwa, weil er Teilnehmer von Reality-Shows oder gewisse Kollegen in Hollywood schonen möchte. Sondern weil Englisch eine Sprache ist, der er sich noch nähert wie Rotkäppchen einem Stier. In seiner europäischen Heimat ist der 38-jährige Spross einer iberischen Künstlerdynastie ein Kinoveteran, der routiniert über seine Einsichten Auskunft gibt und sich verbal gern mit Autoritäten anlegt ("Wäre ich schwul, würde ich sofort heiraten, um die Scheißkirche zu ärgern"). In Amerika ist er der wortkarge Fremde. Gilt Kritikern als Schauspiel- Tier, das man von Rolle zu Rolle kaum wiedererkennt. Und dem Publikum spätestens seit der Oscar-Nacht als neuester Latino-Import; als gebürtiger Macho sozusagen, der unverkrampft mit seiner Männlichkeit umgeht - das ist selten in einer Zeit, in der das amerikanische Kino seine Helden irgendwo zwischen 40-jähriger Jungfrau und traumatisiertem Frontheimkehrer ansiedelt. In nahezu allen aktuellen Filmen ist der All-American-Boy entweder bescheuert oder beschädigt - da schaut man doch gern nach Australien (Russell!) oder Old Europe, wenn man einen richtigen Mann sucht.

Reinrassiges Sexsymbol

Denn hübsch hin oder her: Javier Angel Encinas Bardem ist natürlich ein reinrassiges Sexsymbol. Killerblick aus dunklen Augen. Killerlächeln. Ein Charme, der das vordergründig Grobe wegwischt mit einem Lidschlag. Der Mann absolviert Sexszenen mit einer Häufigkeit, wie Johnny Depp seine drolligen Irren spielt, und er entblößt seinen Körper so selbstverständlich wie Daniel Day-Lewis seine Seele. Außerhalb Spaniens Grenzen bekannt wurde er 1992 mit dem Lust-Spiel "Jamón, Jamón", da agierte er als Liebhaber der jungen Penélope Cruz. Und genau an ihrer Seite erobert er sich gerade - und völlig unfreiwillig - einen neuen Markt: die Klatschspalten, nämlich als Ibero-Romantiker und Liebhaber einer der schönsten Frauen der Welt.

"Ich spreche niemals über mein Privatleben", raunt Bardem und inhaliert düster vor sich hin. Er traf seine Landsmännin beim Dreh für einen neuen Woody-Allen- Film wieder, da hat es gefunkt. In dessen Komödie "Vicky Cristina Barcelona" spielt er Penélopes Ehemann und landet im Bett mit ihr und Scarlett Johansson - gleichzeitig bitte schön; es brauchte doch tatsächlich den alten Woody Allen, um Javier Bardem auch dem US-Publikum als Sexsymbol zu servieren.

Denn bei seinem Oscar-prämierten Auftritt im Neo-Western "No Country for Old Men" ist er ein psychotischer Massenmörder (unsexy), in der Literaturverfilmung "Die Liebe in den Zeiten der Cholera" unter kiloweise Make-up ein hündischer Loser (noch unsexyer; der Film läuft derzeit in den deutschen Kinos). 2001 wurde er für seinen ersten Oscar vorgeschlagen: Da porträtierte er in Julian Schnabels Drama "Before Night Falls" einen kubanischen Dissidenten, der offen schwul war. Kurz darauf "Das Meer in mir": Bardem, herzzerreißend, als querschnittsgelähmter Seemann, der für sein Recht zu sterben kämpft. "Ich spiele gern Leute, die mir fremd sind", sagt er. "Das ist, als ob du dein Ich weghängst wie eine Jacke, und nach einer Weile kommst du wieder nach Hause und machst die Schranktür auf und sagst: Da ist er ja wieder, der alte Langweiler."

"Ich bin schon 38!"

Der alte Langweiler lebt in Madrid, aber seine Wohnung sieht er fast nie. Was er traurig findet. "Ich brauche eine Heimat", sagt er, aber seit er Englisch gelernt hat, öffnet sich ihm eine ganz neue Welt. Er dreht gerade einen Film nach dem anderen. "Ich werde alt! Ich bin schon 38!", sagt er und grinst. "Gestern war ich noch 18."

Mit 18 wollte er nichts weniger, als Liebhaber und Killer mimen. Es gab genug Schauspieler in der Familie; Javier, jüngstes von drei Kindern, erinnert sich, wie seine schauspielernde Mutter nach der Scheidung putzen gehen musste, um die Familie durchzubringen. Sein Vater fand das Gewerbe sowieso "unseriös"; er sah eher einen Schriftsteller in seinem Jüngsten. Javier aber wollte - nach dem Ausflug ins spanische Rugbynationalteam - Maler werden. Um sich das Studium zu verdienen, jobbte er als Komparse. Eines Tages, erzählt er, gaben sie ihm ein paar Zeilen Text - "und ich war schockiert, wie gut mir das gefiel. So rutschte ich rein, nach und nach". Und jetzt, sagt er, sei da "so ein Drang zu spielen, ich muss einfach raus".

Könnte Bardem noch über die Liebe sprechen? Er blickt irritiert. Etwa über …? Nein, nein. Im Film.

Der Angebeteten treu

Er entspannt sich. "50 Jahre, hm", sagt er. So lange ist in der Verfilmung des Bestsellers von Gabriel García Márquez der Held seiner Angebeteten treu (mit dem Herzen jedenfalls).

"Das geht heutzutage nicht mehr." Weil …? "Zu viel Information", sagt der Spanier ernst. "Wir treffen in so kurzer Zeit so viele Menschen, da braucht es schon einen starken Willen, um nur eine einzige Person 50 Jahre lang lieben zu können." Er schnauft hart durch die Charakternase. "Oder zu wollen."

Sein Kollege Josh Brolin, der mit ihm "No Country for Old Men" gedreht hat, berichtet von Bardems Depression ob seiner für den Part erforderlichen Topf- Frisur: "So, wie er aussah, dachte er, er würde die nächsten drei Monate keinen Sex haben. Volle Depression. Wollte sich immer nur zu Hause verkriechen. Aber ich hab ihn mit in Bars geschleppt. Und da hat er Karaoke gesungen."

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