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Regisseur Joe Dante: Der Inferno-Dante

Joe Dante, der Regisseur von "Gremlins" und "Die Reise ins Ich", wird 60 Jahre alt. Der US-Amerikaner liebt Geschichten, in denen es drunter und drüber geht - genau wie am Drehort.

Von Jörg Isert

Es ist einer der lustigsten Momente der Filmgeschichte - und passenderweise findet er in einem Kino statt: Eine Gruppe wild gewordener kleiner Wesen schaut einer Gruppe braver kleiner Wesen bei der Verrichtung ihres Tagewerks zu. Als die Zwerge auf der Leinwand schließlich zu singen beginnen, fallen auch die Monster im Filmsaal mit ein: "Hei-ho, hei-ho, wir sind vergnügt und froh".

Dass "Gremlins" zu einem der erfolgreichsten Filme der achtziger Jahre werden würde, glaubte bei den Dreharbeiten keiner. Höchstens der Drehbuchautor Chris Columbus, der später die ersten beiden "Harry Potter"-Filme drehte, und der Regisseur der Horrorkomödie: Joe Dante.

Schlicht und ergreifen verrückt

In einem Gespräch mit stern.de erinnert sich Dante, der am 28. November 60 wird, an die Dreharbeiten: "Der Film war extrem mühselig zu machen. Nicht nur, weil er schnell und mit wenig Geld gedreht wurde, sondern auch, weil die Leute von Warner Brothers nicht an den Film glaubten. Das Studio hatte keinen Schimmer, was für ein Film das sein sollte: Was sind Gremlins überhaupt?"

Ursprünglich stammt das Wort "Gremlin" aus den beiden Weltkriegen. Hatten US-Piloten technische Probleme mit ihren Flugzeugen, so gaben sie eben kleinen Kreaturen namens Gremlins die Schuld. Auch die Filmkreaturen sorgen für Chaos, in dem sie die technischen Vorrichtungen einer Kleinstadt kurzschließen - und gegen die Bewohner einsetzen. "Das gefiel mir an der Story so gut: dass die Gremlins schlicht und ergreifend verrückt sind - und bei Unsinn, den sie treiben, einen riesigen Spaß haben."

Der böse Bruder Steven Spielbergs

Nach dem Erfolg des Films galt Joe Dante in den Achtzigern einige Zeit als der böse Bruder von Steven Spielberg, der ausführender Produzent des Films war. Denn anders als beim E.T.-Macher regierte in seinen Filmen die Anarchie - Dantes Inferno quasi. "Ich bin mit dem "MAD"-Magazin groß geworden. In meiner Jugend war das ein richtig satirisches Magazin und sehr beliebt bei Jugendlichen - auch weil es im Grunde dazu animierte, Autoritäten in Frage zu stellen. Da war dieses Element also drin."

Dantes Vater, ein Golfprofi, und seine Mutter waren weniger begeistert von den Vorlieben ihres Sohnes. "Meine Eltern versuchten damals eine Weile, mir das Lesen von Magazinen dieser Art zu verbieten. Aber es war das, was ich faszinierend fand, genau wie Fantasy-Filme. Irgendwann haben meine Eltern nachgegeben und mich meinen Weg gehen lassen. Sie hätten nie gedacht, dass sich mein Hobby zur Karriere entwickelt."

Seltsame Wesen setzen Alltagstrott außer Kraft

Vor "Gremlins" drehte Dante eine Art "Der weiße Hai" für Arme: "Piranhas" bestach vor allem durch seine Schmuddel-Optik. Es folgten der Horrorfilm "Das Tier" und eine Episode des Kinofilms "Unheimliche Schattenlichter". Hier wurde Dantes Vorliebe für Geschichten, in denen es drunter und drüber geht, erstmals deutlich.

Nach dem Welterfolg von "Gremlins" blieb Dante sich treu: Er drehte zahlreiche weitere Varianten seines Lieblingsthemas. Immer wieder wurde in seinen Filmen der triste Alltagstrott von seltsamen Wesen außer Kraft gesetzt. In "Die Reise ins Ich" ist es ein geschrumpfter Dennis Quaid, der das Innenleben von Martin Short durcheinander würfelt. In "Meine teuflischen Nachbarn" muss sich Tom Hanks mit - klar - teuflischen Nachbarn herumschlagen. "Explorers": abgespacete Außerirdische. "Small Soldiers": durchgeknallte Spielzeugsoldaten. "Looney Tunes": überanimierte Cartoonfiguren wie Bugs Bunny oder Daffy Duck.

"Ich hatte komplette Narrenfreiheit"

Kein Wunder, dass Joe Dante die alten "Warner Brothers"-Cartoons als weiteren wesentlichen Einfluss sieht. "Ich wuchs zu einer Zeit auf, als die Warner Cartoons sowohl im Kino als auch im Fernsehen zu sehen waren - was für eine wundervolle Zeit." Dann lernte er Animatoren der Warner Cartoons in ihren späteren Lebensjahren kennen. "Es gab sogar eine Zeit, als ich selbst Cartoon-Zeichner werden wollte."

Den ultimativen realen Zeichentrickfilm drehte Dante aber nicht mit "Looney Tunes", sondern mit der "Gremlins"-Fortsetzung von 1990. Der Film "Gremlins 2 - Die Rückkehr der kleinen Monster", in dem die Gremlins während der Handlung den eigenen Film anhalten, war seiner Zeit weit voraus. Der Film verletzte gültige kinematografische Regeln bereits, als derartige Vorgehensweisen noch verpönt im Mainstream-Kino waren - und floppte 1990. Dennoch hat Dante nur gute Erinnerungen: "Ich hatte die komplette Narrenfreiheit: Ich konnte machen, was ich wollte, was immer gut ist. Wahrscheinlich nur, weil der erste Teil so ein großer Erfolg war."

Selbst größte Rohrkrepierer haben ihren Moment

Es sei Dante gegönnt - denn nicht nur in seinen Filmen, sondern auch bei den Dreharbeiten herrschte oft das blanke Chaos. Die Studios redeten dem Regisseur gerne dazwischen. Dante konterte, indem er sich auf seine Intuition verließ oder die Schauspieler zur Improvisation aufforderte. Auf diese Weise sind mehrere geglückte, aber auch einige missglückte Filme entstanden. Doch selbst Dantes größte Rohrkrepierer haben den einen oder anderen Moment.

Inzwischen dreht der Regisseur manchmal Horror-Episoden fürs US-Kabelfernsehen - zum Beispiel über im Irak-Krieg getötete US-Soldaten, die wieder lebendig werden. Auch ein neues Filmprojekt hat der Regisseur in petto: Er will einen Film über seinen einstigen Mentor, den legendären B-Picture-Produzenten Roger Corman, drehen. Die Hälfte des Geldes für die Produktion hat er bereits zusammen. Das Projekt, so Dante, sei mit dem Film über einen weiteren Ausnahmefilmer vergleichbar: "Ed Wood".