HOME

Sebastian Koch: "So ein Schwein kann man nicht dressieren"

Während er in den USA noch als DDR-Dichter in dem Oscar-gekrönten Drama "Das Leben der Anderen" gefeiert wird, ist Sebastian Koch hierzulande mit der Komödie "Rennschwein Rudi Rüssel 2" zum Alltag zurückgekehrt. Im stern.de-Interview erzählt er von alleinerziehenden Väter und Schweinebändigern.

Herr Koch, Sie haben in letzter Zeit sehr viele historische Figuren gespielt, Albert Speer, Klaus Mann, Graf von Stauffenberg. Jetzt sind Sie in diesem Alltagsfilm zu sehen, "Rennschwein Rudi Rüssel 2". Darin spielen Sie Thomas, den alleinerziehenden Vater und Bio-Mathematiker. Was hat Sie an dieser Figur gereizt?

In erster Linie das Buch, das ich sehr mochte. Und das Thema ist aktuell wie nie. Es geht darum, wie es ist, als Kind ohne ein Elternteil aufzuwachsen, und es geht um eine Patchwork-Familie. Dann gibt es noch dieses Schweinchen, das den Stress potenziert. Das war so witzig konstruiert und ist im Endeffekt ein wirklich schöner Film geworden. Ich habe das ja nicht bewusst geplant, so viele schwere Charaktere zu spielen, aber es waren einfach die besten Rollen. Es gibt wenig leichte Stoffe, Komödien, die richtig gut und nicht so krachledern sind.

Ihre elfjährige Tochter ist nur zwei Jahre älter als ihr Filmsohn Nickel, und Sie leben getrennt von der Mutter Ihrer Tochter - eine ähnliche Situation wie die der Filmfigur Thomas. Können Sie für diesen Rolle aus Ihrem Privatleben schöpfen?

Nein, das ist eine komplett andere Situation. In dem Film ist die Frau gestorben, Sohn und Vater leben seit zwei Jahren allein und haben schon einen gemeinsamen Rhythmus gefunden, bei dem alles super ist. Und der Junge findet das bombig. Von außen betrachtet sieht es nach einem Chaos aus, aber intern sind die beiden glücklich. Deswegen sagt der Junge, ich brauche weder eine neue Mutter noch eine Schwester. Intuitiv verteidigt er die verstorbene Mutter. Ich finde das sehr nachvollziehbar. Es gibt so viele Trennungskinder, die sich darin wiederfinden werden.

Haben Sie für die Rolle mit ihrer Tochter über die Trennungsthematik gesprochen?

Wir haben über das Thema lange gesprochen, als es aktuell war. Wir haben uns vor sieben Jahren getrennt. Natürlich, wenn man ein Kind hat, kennt man die Problematik und kann das viel mehr nachempfinden, als wenn man keins hat. Meine Tochter war auch am Set von "Rudi Rüssel", eine Woche lang.

Nicht nur Kinder, sondern auch Eltern werden sich darin entdecken.

Ja, all diese Fragen, zum Beispiel: Wann stelle ich meine Freundin dem eigenen Kind vor? Er ist ein schräger Vogel, dieser Thomas, der Biomathematiker, der so beschäftigt ist mit Nachdenken, dass er vor lauter Genauigkeit nicht mehr zum Handeln kommt.

Wie waren die Dreharbeiten von "Rudi Rüssel"?

Mit Tieren und mit Kindern zu drehen, ist ganz was anderes. Ich mag das sehr. Es ist strategisch nicht so durchgeplant wie ein Albert Speer. Aber es ist schauspielerisch eine schöne Möglichkeit, aus der Situation zu schöpfen. Kinder reagieren sehr eigenwillig und nicht immer nach Plan, das mag ich sehr gerne. Und das Ferkel Rudi macht wirklich, was er will.

Der war wahrscheinlich schwer zu bändigen...

Wir hatten eine sehr guten Tiertrainer, Michael Schweuneke, so heißt er auch noch. Der hat sich irrsinnig Mühe gegeben. Aber so einen Ferkel kann man eben nicht wie einen Hund dressieren. Michael, der Tiertrainer, hat die Ersatzmutter mit Fläschchen gemacht und das Ferkel sogar bei sich schlafen lassen.

Rudi hat doch sicher einiges angestellt.

Es war auf jeden Fall sehr zeitaufwendig. Wir haben unheimlich oft probiert, ihn mit "Rudi Rudi" immer wieder gelockt, ganze Einstellungen umgebaut, um es so zu drehen, dass es schneidbar ist - es war eine technische Herausforderung. Sehr schön gemacht ist auch das Schweineland, das am Computer entstanden ist.

Was steht bei Ihnen demnächst an?

"Black Book", ein Film, den ich mit Paul Verhoeven gedreht habe, kommt demnächst Deutschland in die Kinos. Dafür habe ich auch schon Promotion in Amerika gemacht, ebenso wie für "Das Leben der Anderen". Es macht Spaß, in den Staaten zu sein, es ist eine Mischung aus Urlaub und Arbeit, nur der Jetlag nervt. Denn dazwischen muss ich wieder nach Deutschland zu Lesungen, das sind Termine, die schon ein Jahr vorher feststanden. Im Sommer mache ich noch eine Sache mit Klaus Maria Brandauer. Dann gibt es schon seit einiger Zeit ein Projekt mit Susan Sarandon, "Elena und Coletta", ein Projekt, bei dem die Finanzierung noch nicht gesichert ist.

Das klingt nach einer Karriere in Hollywood, was sich nach dem Oscar durchaus anbieten würde.

Hollywood macht tolle Filme, dort zu drehen, ist interessant. Aber ich bin keiner, der dem nachläuft. Es kann kommen, wenn es der richtige Stoff ist.

Kürzlich haben Sie den Bertelsmann-Unternehmen Reinhard Mohn gespielt. Allerdings ist nicht sicher, ob der Film jemals öffentlich gezeigt wird.

Ja, das weiß ich auch nicht. Die Rolle hat mich gereizt, ein sehr gutes Buch. Mich hat diese Unternehmerphilosophie von ihm interessiert. Es war eine kleine Sache, eigentlich betriebsintern, so eine Art Vermächtnis. Ich weiß gar nicht, warum das überhaupt an die Öffentlichkeit gelangt ist.

Was genau hat Sie an Reinhard Mohn gereizt?

Er sagt sehr kluge Sachen in Interviews, ich fand es lohnenswert, das weiter zu tragen. Seine Unternehmensstrategie, Leute zu beteiligen, Verantwortung abzugeben und sich immer wieder der Konkurrenz zu stellen, hat mich sehr beeindruckt. Er ist sehr undeutsch, er denkt amerikanisch und versteckt sich nicht, das gefällt mir.

Ist das auch ein Teil Ihrer Philosophie, sich immer wieder neu zu erfinden?

Absolut. Ich habe versucht, mich nicht zu wiederholen. Für mich ist es immer wichtig, dass ich etwas entdecken kann, und dass auch ein Scheitern möglich ist. Wenn man sich darauf einlässt, wird es erst interessant.

Also gibt es für Sie keinen dritten Teil von Rudi Rüssel?

Da müsste ich dann einen Bösewicht spielen - nein, wahrscheinlich nicht.

Interview: Kathrin Buchner