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STEVEN SPIELBERG: »A. I.«: Kann man einen Roboter lieben?

Was macht den Menschen zum Menschen? Und kann man einen Roboter lieben? Diese und andere Fragen verhandelt Steven Spielberg in seinem neuen Film »Artificial Intelligence«.

Der Film beginnt mit rauschenden Meereswogen und einer sanften Stimme aus dem Off: Die Polkappen sind abgeschmolzen, Städte wie New York und Amsterdam untergegangen, Millionen Menschen hungern. Ein Mensch aus Fleisch und Blut zu sein, ist zum Privileg geworden. Um das Überleben der Privilegierten zu sichern, werden Roboter gezüchtet - die brauchen weniger Ressourcen. Steven Spielberg stellt damit gleich zu Beginn seines neuen Streifens »A. I. - Artificial Intelligence« eine ganz neue Form von Rassismus vor: Die Opfer sind die Roboter.

Klein und süß, aber ein Roboter

Die Bevölkerung in den USA ist unterteilt in Orgas, den Herrschern aus Fleisch und Blut, und Mechas. Die sehen zwar auch auf den zweiten Blick wie echte Menschen aus, trotzdem haben sie statt Eingeweide Mikrochips im Bauch. Und als neuste Entwicklung in der Produktionsreihe Untermensch gibt es eben David: Blaue Augen, seidiger Blick, sanfte Stimme - der Glückgriff eines süßen kleinen Jungen.

Kann man einen Roboter lieben?

Am Prototyp David (Haley Joel Osment) wird eine ganz besondere Programmierung ausprobiert: Liebe, die bedingungslose Liebe eines Kindes zur Mutter. Zwar steht auf der Gebrauchsanweisung des Objekts die Warnung, Pflegeeltern sollten sich das gut überlegen; die Programmierung ihres Liebe bedürftigen Roboters könne nie mehr gelöscht werden. Doch die Mutter schreitet trotz Bedenken zur Tat - und kann das Wesen mit dem sanften Blick später doch nicht lieben.

Ursprünglich stammt die Idee von Stanley Kubrick; anfangs wollten beide sogar gemeinsam drehen. Die Handschrift Kubricks ist erkennbar - etwa in den Szenen grausiger Folterungen, denen die neue »Sklavenrasse« der Robots ausgeliefert ist. Denn schnell ist den Pflegeeltern der seelenvolle Robot lästig, der Blondschopf muss entsorgt werden. Er landet im Niemandsland der ausrangierten Mechas, einem Schrottplatz, auf dem sich beschädigte und ausgestoßene Menschen-Roboter mit Ersatzteilen versorgen - etwa mit einem Auge oder einer Hand oder mit einer Kinnpartie. Davids Odyssee beginnt.

Assoziationen an den Holocaust

Die Mechas müssen auf der Hut sein: Verbrauchte Modelle verwenden die Orgas nämlich gern für ihre grausigen, sadistischen Spiele mit den minderwertigen Roboter-Menschen. Dies ruft Assoziationen an den Holocaust und an antike Gladiatoren-Folter wach. Anschließend entdeckt der Kleine die Menschenwerkstatt: Reihenweise hängen kleine Davids an Kleiderhaken und warten darauf, dass ihnen Leben eingehaucht wird.

Mehr als ein postmoderner Pinocchio

Kritiker haben dem Film schnell ein Label aufgeklebt: postmoderner Pinocchio. Selbst Spielberg zieht diesen Vergleich. Doch Pinocchio ist seinem Schöpfer versehentlich über den Kopf gewachsen. David hingegen ist das Resultat diabolischen wissenschaftlichen Kalküls. In den USA, Kanada und Japan hat der Film bereits 170 Millionen Dollar eingespielt. Dennoch: Der beste Spielberg-Film ist es sicher nicht. Lediglich der 13-Jährige Haley Joel Osment (»The Sixth Sense«) sticht heraus.