Tag 3 Tom, der Langeweiler


Meryl Streep durchzecht die Nacht mit Reese Witherspoon an der Hotelbar und Tom Cruise langweilt die Reporter mit immer gleichen Floskeln. stern-Redakteur Bernd Teichmann berichtet exklusiv von den Filmfestspielen in Venedig.
Von Bernd Teichmann

Das hatte der Kollege vom italienischen Fernsehen ja ganz geschickt angestellt: "Mr. Cruise, Sie sind nach 1999, als Sie hier mit Nicole Kidman 'Eyes Wide Shut' vorgestellt haben, mal wieder in Venedig. Freuen Sie sich, wieder hier zu sein?" Ins Subtextische übersetzt lautete seine Frage vielmehr: "Mr. Cruise, in einigen Tagen wird Ihre Ex-Frau Nicole Kidman mit ihrem Film "Birth" den Lido besuchen. Ungutes Gefühl dabei? Natürlich reagierte unser Tom, wie man das von ihm gewohnt ist: mit freundlichen Allgemeinplätzen. Ja, es ist toll, wieder in Venedig zu sein, ist ja eine tolle Stadt, und sein Filmpartner Jamie Foxx ist ja das erste Mal hier, ja ist es wahr.

Tom Cruise ist, das hat die Pressekonferenz zu "Collateral" erneut bewiesen, schon ein Phänomen, ein stets freundlicher Unverbindlichkeits-Replikant, der womöglich auch nach einer dreistündigen Wasserfolter nicht von seinen gestanzten Antworten abweichen würde. Vorgestern Berlin, gestern Paris, heute Venedig – ob er eigentlich immer noch gerne auf die Premieren seiner Filme gehe, lautete etwa eine Frage, auf die ohne Ausschläge auf der nach oben offenen Originalitäts-Skala zurück kam: "Premieren genieße ich, die schaffen ja nicht nur Aufmerksamkeit für den Film, sondern haben ja auch etwas Kommunikatives. Ich mag Menschen halt."

Revolutionäre Erkenntnisse

Auf Granit bissen auch jene, die von ihm wissen wollten, welche Abgründe in ihm selbst lauern, schließlich spielt er ja in dem Film einen ziemlich gewissenlosen Killer, ob er jetzt vielleicht mehr solche düsteren Figuren geben wird und überhaupt. Egal, ob gut oder böse, in erste Linie müsse die Figur interessant sein, damit sie ihn reize, und es sei immer wieder eine große Herausforderung, mit dieser Figur auf eine Reise zu gehen, die sie verändere, was ja auch für das Publikum immer wieder aufregend sei.

Nun ja, diese revolutionäre Erkenntnis reflektieren dann nochmal bei einem Fünf-Euro-Cappucino auf der Terrasse des Excelsior-Hotels. Zugegeben, für den Großteil der Fragen, die bei den hiesigen Pressekonferenzen oder Gruppen-Interviews ins Mikro wandern, würden woanders Volontäre mit zwei Wochen Kaffeekochen belangt. Aber würde jemand wie Tom Cruise zugeben, dass er einen dicken Kopf hat, weil er letzte Nacht bis drei Uhr morgens Bellinis in sich hineingeschüttet hat? Wohl kaum, was auch damit zu tun haben kann, dass er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit niemals bis drei Uhr morgens Bellinis oder sonstige alkoholhaltige Substanzen in sich reinschütten würde.

Ein Schlückchen in Ehren für Meryl Streep

Dafür aber Meryl Streep, diese große menschliche Lady des amerikanischen Kinos, die keine Angst hat, vor acht Journalisten aus acht Ländern in Vollzeitlupe über die Entstehungsgeschichte ihres Katers zu referieren. Eigentlich sei sie nach der Premierenfeier von "The Manchurian Candidate" schon auf dem Weg ins Bett (der sündhaft noblen Herberge Cipriani) gewesen, als ihre junge Kollegin Reese Witherspoon und die indische Regisseurin Mira Nair (beide im Wettbewerb mit der Literatur-Verfilmung "Vanity Fair") sie förmlich in die Hotel-Bar brüllten. "Eigentlich bin ich nicht der Typ für sowas und entsprechend fühle ich mich", verrät sie charmant mit bleierner Stimme, "aber es war ein ganz toller Abend."

Das dürfte Mrs. Witherspoon bis heute morgen wohl auch noch gedacht haben. Anschließend schien sie jedoch nicht mehr in der Lage diverse Einzel-Interviews zu bestreiten. Sie sei krank geworden, verlautete es offiziell aus dem Büro der Filmagentur DDA im Hotel De Bains. Schon klar.

Und wann kommt Robert de Niro?

Einen guten Grund anzustoßen hat übrigens auch Meryl Streeps alter Kollege Robert De Niro, der nach seiner Ankunft die nächsten Tage die italienische Ehren-Staatsbürgerschaft erhält. Arbeiten muss der Mann aber auch, er zählt zu der Riege Superstars um Will Smith, Angelina Jolie, Martin Scorsese und Renée Zellweger, die dem fischigen, computeranimierten DreamWorks-Abenteuer "Shark Tale" ihre Stimmen zur Verfügung gestellt haben. Dass die Method-Acting-Ikone nicht gerade zu den quirligsten Plauderern zählt, ist kein Geheimnis. Allein deshalb schon freuen wir uns auf die Pressekonferenz.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker