Tag 5 Ärger und Proteste


Demonstrationen, Unverständnis über die Vergabe der Premieren-Tickets, Frust über nicht eingehaltene Zeitpläne: Am fünften Tag sorgte nur Oskar Roehlers neuer Film für positive Schlagzeilen.
Von Bernd Teichmann

"Dies sollte ein für alle offenes Event sein und keine Machtdemonstration Hollywoods. Wir werden weitere Störaktionen organisieren, wir wollen, das unsere Stimme wahrgenommen wird." So kommentierte ein Mann namens Luca Casarini jene Aktion seiner Anti-Globalisierungs-Truppe, die am vergangenen Mittwoch einen verspäteten Beginn der Eröffnungsfeier des Festivals nach sich zog.

Wir erinnern uns: Die Demonstranten waren mit einem als Piratenschiff ausstaffierten Kleinbus vor dem Festival-Palais aufgetaucht, hatten mit einem großen, selbstgebastelten Löwen die zu vergebenden Preise ins Lächerliche gezogen und anschließend einige Feuerwerkskörper abgebrannt. Casarini und seine Leute wollten damit vor allem die zu hohen Ticket-Preise und die Schließung eines norditalienischen Werkes von Wella, einem der Biennale-Hauptsponsoren, anprangern. Gestern Abend machte die Gruppe, die am Strand vor dem Casino ein Camp aufgeschlagen hat, ihre Drohung war und spazierte wild verkleidet, Transparent-behangen und lautstark erneut vor dem Palazzo del Cinema auf.

Cannes-Proteste in Venedig

Die Polizei reagierte relativ gelassen, erstens, weil das Ganze friedlich blieb und zweitens, weil solche Nummern ja irgendwie auch zur Folklore jedes Festivals gehören. Worin sich auch die Delegation des italienischen Wettbewerbsbeitrags "Lavorare con lentezza - Radio Alice 100.6 Mhz" um Regisseur Guido Chiesa bestätigt sah. Am Ende ihrer Pressekonferenz stürmte plötzlich ein Grüppchen ans Podium und entrollte ein Transparent mit der Aufschrift: "Gegen das Desaster". Wie sich herausstellte, waren die Überraschungsgäste Sympathisanten der "Intermittents du spectacle", die Saisonarbeiter der französischen Unterhaltungsbranche, die bereits beim Filmfestival in Cannes gegen die Kürzung ihrer Sozialleistungen demonstriert hatten.

Ärger um Ticket-Vergabe

Protest hatte sich offenbar auch die gegen Vergabe zahlreicher Premieren-Tickets und der damit verbundenen leeren Sitzreihen bei den abendlichen Gala-Veranstaltungen geregt. Seit Samstagabend nämlich fährt Festival-Chef Marco Müller plötzlich einen neuen Kurs, sprich: Kurz vor Beginn der Vorstellung dürfen nun auch Journalisten und Angehörige der Industrie in den Saal, damit die Bude voll ist. Das ist allerdings nur ein sehr kleines Bonbon, denn das Chaos in der Organisation hat inzwischen so gut wie jeden an den Rand eines unkontrollierten Ausbruchs gebracht. Besonders gepeinigt werden die Besitzer einer blauen, sogenannten "Periodicals"-Akkreditierung, also Kollegen der wöchentlich oder monatlich erscheinenden Blätter. Die dürfen in so gut wie keine Pressekonferenz, das geht nur mit einem roten Tagesausweis, wobei aber immer noch etwas dubios ist, nach welchen Voraussetzungen die Dinger verteilt werden.

Immer wieder Verspätungen

Unabhängig von dieser Farbenlehre ärgern sich alle über den oft verspäteten Beginn der Vorführungen, da reicht schon eine Viertelstunde, um den kompletten, penibel ausgearbeiteten Tagesplan durcheinander zu wirbeln. Bisheriger Höhepunkt waren das Mitternachts-Screening des Johnny Depp-Films "Finding Neverland", das erst um zwei Uhr morgens startete und die Vorführung von Antonia Birds Film über die 9/11-Terroristen, "The Hamburg Cell", die vierzig Minuten nach dem offiziellen 22.00-Uhr-Termin losging. Beide Filme untermauerten übrigens, dass die spannenderen Filme in den Nebenreihen und nicht im Wettbewerb laufen. Während auch Mira Nairs am Löwen-Rennen teilnehmende Literatur-Verfilmung "Vanity Fair" nicht überzeugen konnte, sorgten zwei Produktionen aus der Reihe "Orizzonti" für Furore. Da wäre zum einen "Mysterious Skin" vom ehemaligen Fotokünstler Gregg Araki, der mit viel Einfühlungsvermögen und ungewöhnlichen Bildern den Weg zweier sexuell misshandelter Jungen verfolgt, und der neue Film von Oskar Roehler.

Begeisterndes von Oskar Roehler

Nach seiner ebenso hysterischen wie desaströsen Satire "Suck My Dick" und dem übertrieben theatralischen Beziehungs-Melodram "Der alte Affe Angst" legt der Deutsche mit "Agnes und seine Brüder" ein famos gespieltes, irgendwo zwischen Visconti, Fassbinder und Almodovar liegendes Familien-Porträt vor. Der Regisseur und seine Darsteller Moritz Bleibtreu, Katja Riemann, Herbert Knaup und Martin Weiss genossen sichtlich erleichtert den Applaus des Publikums und mussten viele Hände schütteln an diesem Nachmittag. Schleierhaft, warum so ein Film von einem Regisseur, der schon mehr als drei Filme gedreht hat, in der Nachwuchsreihe geparkt wurde. Vielleicht sollten Luca Casarini und sein Gefolge zur Abwechslung mal gegen die Auswahlkriterien demonstrieren.


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