Tag 6 Johnny Depp kam, als die Groupies schliefen


Während Oskar Roehler mit seiner Mannschaft die geglückte Premiere feierte, sorgte die schlechte Organisation wieder für Frust: Johnny Depps neuer Film begann mit zwei Stunden Verspätung.
Von Bernd Teichmann

Zu essen gab's nix, war ja auch ein Cocktail-Empfang, und deshalb flossen die Bellinis, die Weine und die Biere in Strömen auf zahlreiche nüchterne Mägen. Die Stimmung war ausgezeichnet beim German-Films-Empfang im Thomas-Mann-Saal des Hotels Des Bains. Absolut nachvollziehbar, schließlich war die Festival-Premiere von Oskar Roehlers "Orizzonti"-Beitrag "Agnes und seine Brüder" ein Erfolg gewesen. Alle Beteiligen schwebten mit entspannten Minen durch die Szenerie, Herbert Knaup hielt sich plaudernd an Rotwein, Zigaretten und Freundin fest, Katja Riemann huschte wie üblich hin und her (und hatte sogar ihre Sonnenbrille mal abgenommen), Moritz Bleibtreu unterhielt sich angeregt mit einer berühmten italienischen Casting-Agentin, möglicherweise über neue Projekte, und Roehler wusste gar nicht, mit welchem Schmeichler er zuerst reden sollte.

Gegen ein Uhr morgens blickte er dann glasig durch seine grotesk große, getönte Brille und sein Produzent Stefan Arndt war dermaßen angeschickert, dass er mit lautem Poltern vom Stuhl fiel.

Verspätete Premiere von "Finding Neverland"

Vielleicht wäre es auch mal eine Maßnahme, vor den Kinos alkoholhaltige Erfrischungsgetränke zu verteilen, denn wie, wenn nicht im Vollsuff, sollen die Festivalgäste den bereits beschriebenen Organisations-GAU sonst ertragen? Besonders peinlich ist dabei, dass auch die Prominenz unter dem Termin-Durcheinander leiden muss. Als Johnny Depp etwa mit 120-minütiger Verspätung zur Premiere von "Finding Neverland" über den roten Teppich schlich, waren viele Schaulustige schon im Bett - auch Groupies brauchen schließlich ihren Schlaf. Der engelgesichtige Star ertrug den Zirkus mit Engelsgeduld.

Kurz vorm Explodieren hingegen war der Produzent des Films, Harvey Weinstein. "Herzlich willkommen zur Frühstücks-Vorführung von 'Finding Neverland'", scherzte das brodelnde Schwergewicht. "Die Croissants wird an diesem Morgen Marco Müller servieren, ich werde ihn lehren, was Pünktlichkeit bedeutet, und ihn anschließend mit seinen Zementschuhen in der Lagune ertränken".

Öffentliche Entschuldigung

Immerhin war Müller nach Filmende noch wach genug, sich öffentlich für die vielen Pannen zu entschuldigen, souffliert vom Biennale-Präsidenten David Croff, dessen Erklärungsversuche allerdings so glaubwürdig wirkten wie die Anfangszeiten im Programmheft. Drei Gründe seien Schuld an dem Desaster: Erstens sei bereits jetzt die Zahl der Zuschauer um 30 Prozent höher als letztes Jahr, zweitens hätten die Aktionen der am Strand campierenden Globalisierungs-Gegner Zeit gekostet und drittens würden auch die Security-Checks vor den Kinoeingängen dauern. Vielleicht waren die vielen Kollegen und ich auf einem anderen Festival, aber solche Checks beschränkten sich stets auf einen kurzen Blick auf den Ausweis.

Besseres Zeitmanagement in Berlin und Cannes

Ein Festival-erfahrener Kinobesitzer aus Hamburg hingegen lieferte eine ebenso schlichte wie einleuchtende Lösung: Bei den Filmfestspielen in Berlin und auch in Cannes seien die Pausen zwischen den Vorführungen bis zu einer Stunde lang, wodurch die Reinigung der Säle, der Einlass der Zuschauer und die (dort tatsächlich durchgeführten) Sicherheits-Überprüfungen wesentlich entspannter über die Bühne gingen und keine Verzögerungen entständen.

Müllers Pardon war noch nicht einmal zwölf Stunden alt, als schon wieder zwei neue Aufreger bekannt wurden. Die Pressekonferenz zu Spike Lees "She Hate Me" begann, als die erste Vorführung des Films noch lief, und dann machte die Runde, dass eine der beiden Vorführungen von Gianni Amelios hoch gehandeltem italienischen Löwen-Beitrag, "Le chiavi di casa", lediglich in italienischer Originalfassung ohne Untertitel gezeigt werden würde. Shit happens also für all jene Journalisten, die kein Italienisch können und es nicht ins untertitelte Screening geschafft haben.

Darauf einen Bellini. Nein, vielleicht besser gleich einen dreifachen.


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