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TAKING SIDES: Aus dem Takt gekommen

Der Antisemit, der Juden rettete, ein Schöngeist, der für Hitler spielte: der Fall Furtwängler als spannendes Kammerspiel mit Harvey Keitel, Moritz Bleibtreu und Ulrich Tukur.

Ein amerikanischer Major hat in den Trümmern des zerbombten Berlin von 1946 Quartier bezogen. Sein Auftrag aus Washington: Verhören Sie den weltberühmten Dirigenten Wilhelm Furtwängler. Und finden Sie ihn schuldig.

Major Steve Arnold (Harvey Keitel), im Zivilberuf Versicherungsdetektiv, widmet sich dieser Aufgabe mit Wut und Hingabe. Mit Wut deshalb, weil er kurz nach der Befreiung die Leichenberge in den Konzentrationslagern gesehen hat und einfach nicht begreifen will, dass ein Künstler in aller Unschuld einem System aufgespielt hat, das für diese Leichen verantwortlich ist. Zwei junge Deutsche assistieren dem Major: der jüdische Emigrant David (Moritz Bleibtreu), zurückgekehrt in amerikanischer Uniform, und die Sekretärin Emmi (Birgit Minichmayr), Tochter eines hingerichteten Widerstandskämpfers. Beide verehren den großen Dirigenten und leiden, wenn der Major anordnet: »Emmi, lassen Sie den Bandleader des Führers draußen warten. Und grüßen Sie ihn nicht.«

Furtwängler (Stellan Skarsgard) hofft auf seine eilige Entnazifizierung und macht den Eindruck eines Mannes, der sich notgedrungen die Zudringlichkeiten der Sieger gefallen lassen muss. Ein schmieriger kleiner Denunziant, erst Kommunist, dann Nazi (Ulrich Tukur), gesteht verschämt, dass das Verschwinden der jüdischen Künstler ganz praktische Vorteile hatte. Andernfalls hätte er den Job als zweiter Geiger bei Furtwängler nie bekommen. Ein kunstsinniger russischer Offizier (Oleg Tabakow), geübt in Diktaturen und damit voller Verständnis für Furtwängler, buhlt ausdauernd um den Künstler. Und dazwischen: der US-Major, der sich beharrlich der Anbetung des Meisters verweigert und sich dafür einen Kulturbanausen schimpfen lassen muss. Das ist er nicht. Steve Arnold vertritt vielmehr den gesunden Menschenverstand, und während Furtwängler von Freiheit, Humanität und Gerechtigkeit schwafelt, hat der Major ganz einfache Fragen: Warum, wenn alle Deutschen keine Ahnung hatten von der Vernichtung der Juden, warum mussten dann eigentlich Juden gerettet werden? Kein Deutscher, brüllt Arnold, habe ihm je darauf eine Antwort gegeben.

In »Taking Sides

- Der Fall Furtwängler» widmet sich der ungarische Regisseur István Szabó wieder einmal, wie in «Mephisto», der Frage nach der Verantwortung des Künstlers in der Diktatur. Seine Antwort: Begabte Menschen haben mehr Verantwortung. Der Film ist keine Dokumentation, basiert aber auf amerikanischen Verhörprotokollen, Furtwängler-Notizen und dem erfolgreichen Theaterstück von Ronald Harwood «Taking Sides» («Partei ergreifen»).

Auch im wirklichen Leben blieb der »Bandleader des Führers«, obwohl später rehabilitiert, noch Jahre nach dem Krieg umstritten: Furtwängler, der Antisemit, der Juden gerettet hatte. Furtwängler, der Karrierist, der Hitler aufspielte. Furtwängler, der Schöngeist, an dem das Blut des Mördersystems klebte. Bis zu seinem Tod 1954 blieb er in Amerika unerwünscht.

Szábó hat mit Harvey Keitel einen brillanten Major gefunden, der in seiner Wut über die sehr deutsche Vernebelungstaktik des großen Meisters keine Sekunde nachlässt. Ebenso glänzend sind alle anderen Rollen besetzt. »Der Fall Furtwängler« ist eine spannende Geschichtsstunde über Anstand und Moral - und über den verhängnisvollen Hochmut des Künstlers in barbarischen Zeiten.

Gerda-Marie Schönfeld