HOME

Venedig-Tagebuch: Die große Löwen-Ratlosigkeit

Dass der chinesische Beitrag "Still Life" von Jia Zhang-Ke den Goldenen Löwen als beste Film erhalten hat, führte zu viel Kopfschütteln: Nicht weil er besonders gut oder schlecht war - die meisten kannten ihn gar nicht.

Von Matthias Schmidt

Stell dir vor, du kriegst einen Goldenen Löwen und keiner klatscht. Keiner jubelt, keiner buht, nur hilfloses Schulterzucken. Na, ganz so dramatisch war der Höhepunkt und Abschluss der 63. Ausgabe des venezianischen Filmfestivals dann doch nicht. Aber dass der Hauptpreis ausgerechnet an den chinesischen Beitrag "Sanxia Haoren" (Still Life) ging, stieß viele Kritiker ziemlich vor den Kopf. Nicht weil der Film von Jia Zhang-Ke ihnen besonders gut oder besonders schlecht gefiel. Die meisten hatten ihn schlicht nicht gesehen.

Von den meisten einfach ignoriert

Als traditioneller "film sorpresa", Überraschungsfilm, war "Still Life" erst in letzter Minute zum Wettbewerb gestoßen. Und während die Akkreditierten insgeheim auf das neue Martin Scorsese-Werk "The Departed" gehofft hatten, einem Remake der Hongkong-Trilogie "Infernal Affairs", erzeugte die Ankündigung des Chinesen nur Ernüchterung. Lief von dem nicht auch der Dokumentarfilm "Dong" in einer Nebenreihe? Tat er. Geht es da nicht auch um das Schicksal von Abbruch-Arbeitern, deren 2000 Jahre alte Stadt wegen des Baus des Drei-Schluchten-Staudamms bald versinken wird? Genau.

Und da "Still Life", neben zwei nächtlichen Vorführungen, nur einmal in einer mäßig besuchten Nachmittagsvorstellung lief, hatten ihn viele einfach ignoriert. Nun könnte man zynisch sagen, da nimmt er nur das spätere Schicksal vieler Wettbewerbsgewinner voraus. Oder haben Sie je für den Russen "Die Rückkehr" ein Kinoticket gelöst? Oder für "Das Kind" von den Brüdern Dardenne? Selbst der Triumph bei einer der größten Filmleistungsschauen der Welt garantiert inzwischen nur kurzfristig öffentliches Interesse. Danach gucken die Eingeweihten wieder unter sich.

Träge Geschichte ohne Sog

Deshalb, wenn wir schon mal Ihre Aufmerksamkeit haben, noch ein kleiner Crashkurs in Sachen Löwengewinner. Jia Zhang-Ke ist 36 Jahre alt, geboren in der Shanxi Provinz. Er studierte an der Peking Film Akademie und gilt in seiner restriktiven Heimat als einer der wichtigsten unabhängigen Filmemacher. "Platform" (2000) und "The World" (2004) liefen ebenfalls schon in Venedig, im Wettbewerb. Was sein neues Werk "Still Life" auszeichnet? Schwer zu sagen. Zhang-Ke findet zwar zwischendurch immer wieder mal (digitale) Bilder voller surrealer Kraft - ein ausgeweidetes Hochhaus startet raketengleich in den Himmel, ein Seiltänzer spaziert zwischen zwei Abbruchhäusern - insgesamt kann er aber mit seiner Hauptfigur, einem teilnahmslosen Minenarbeiter, der in der Umgebung des neuen Mega-Damms nach Frau und Tochter sucht, wenig anfangen. Die Geschichte fließt träge wie der aufgestaute Jangtse und entwickelt selten Sog.

Jury-Präsidentin Catherine Deneuve, die schon länger als Fan des asiatischen Kinos gilt, lobte dennoch die "Schönheit der Bilder, die Qualität der Geschichte und der Darsteller. Der Film hatte alles, was wir lieben. Nun gut. Dass der Preis für die beste Darstellerin an Helen Mirren für ihre umwerfend präzise Interpretation der englischen Königin in "The Queen" ging, stieß dagegen auf einhellige Zustimmung. Mirren dankte artig ("Preise sind wunderbar") und malte sich aus, was die echte Elizabeth II. wohl über den Film denken würde: "Well, das hätte schlimmer sein können. Könnte ich jetzt bitte einen Gin Tonic bekommen?"

Affleck bester Schauspieler

Als bester Schauspieler wurde, wieder eine faustdicke Überraschung, Ben Affleck gekürt. Affleck spielt im US-Beitrag "Hollywoodland" den Fernseh-Superman George Reeves, der 1959 auf mysteriöse Weise zu Tode kam. Das macht Affleck ganz ordentlich, doch preiswürdig ist das noch lange nicht, weshalb seine Namensnennung von vielen Buhs begleitet wurde. Dann lieber Clive Owen für den Science-Fiction-Thriller "Children of Men" - bekam immerhin den Preis für die beste Kameraarbeit -, dachten viele. Oder Sergio Castellitto für seinen Maschinenbau-Ingenieur auf chinesischer Abenteuerreise.

Der gelungenste Film der zweiten Festivalhälfte, der mehr verdient hätte als nur den Preis für die beste Neuentdeckung, war "Nouvomondo" (Golden Door). Das Zweitwerk des Sizilianers Emanuele Crialese, sein großartiger "Lampedusa" war auch in Deutschland ein Arthouse-Erfolg, begleitet eine sizilianische Bauernfamilie bei der Auswanderung nach Amerika. Und findet dafür zauberhafte Story-Ideen und eine überwältigende Bildsprache. Die faltige Bäuerin, die auf Ellis Island zum ersten Mal unter einer Dusche steht. Die Männer, die mit einem Stein im Mund auf einen Berg klettern und um göttlichen Rat bitten. Die Träume vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten mit baumstammgroßen Karotten und einem Fluss aus Milch. Und, beim Intelligenztest nach der Ankunft in den Staaten, die schönste Szene des Festivals: Salvatore (Vincenzo Amato) soll verschieden geformte Holzstücke zu einem Quadrat legen. Er baut daraus eine Hütte und einen Schuppen zum Trocknen. Tosender Beifall im Saal. "Nuovomondo": Ganz, ganz großes Kino, hinter dem ein beträchtlicher Teil des Wettbewerbs plötzlich ziemlich gewöhnlich aussah.

Venedig macht sich selbst das Leben schwer

Was wir von Venedig 2006 insgesamt halten sollen? Die wahre Konkurrenz des ältesten Festivals der Welt liegt wohl nicht im neuen Kinofest in Rom, das heuer erstmals im Oktober steigt. Nein, Venezia macht sich das Leben selbst schwer. Immer mehr der Weltpremieren wurden sogar schon in Deutschland in Pressevorführungen gezeigt oder laufen kurz nach Venedig auch in Toronto.

Im professionellen Publikum überwiegen immer mehr die Einheimischen, weshalb es öfter bei der englischen Untertitelung hapert und selbst bei der Preisverleihung dieser "Mostra Internazionale" wurden italienische Ansprachen und Dankesreden nicht übersetzt. Die Kinos sind veraltet, die Sanitäranlagen teilweise in einem erbärmlichen Zustand. Warum man nach einer Woche es immer noch nicht geschafft hat, die Klobrille in der Herrentoilette des Festivalmittelpunktes Casino zu reparieren, bleibt wohl auf ewig ein venezianisches Geheimnis.

Lieber Toronto

Zudem ist das Filmangebot im Vergleich zu Berlin oder Cannes einfach zu mager. Obwohl es in diesem Jahr mehr und mehr Vorstellungen gab, für die auch das normale Publikum Karten erwerben konnte, waren Nachmittagsvorstellungen in dem zirkuszeltartigen "PalaBiennale" oder der Holzhalle "PalaLido" kaum gefüllt. Natürlich könnte man jetzt sagen: Ach, dann genieß doch einfach in Ruhe den Lido-Sandstrand, die italienische Küche oder die Ausflüge ins alte Venedig. Doch dafür sind die Stadt und ihre Hotelzimmer, während der Mostra einfach zu teuer.

Das größte Manko in diesem Jahr war jedoch die Programmierung. Das Festival ging nicht zu Ende, es franste aus. Herrschte am ersten Wochenende noch launiger Rummel, fand man sich am zweiten plötzlich allein auf der großen Treppe des Casinos wieder. Und fühlte sich wie bei einer Provinz-Veranstaltung. Deswegen: Ciao, Venezia. A domani? Eher nicht. Wir versuchen es im nächsten Jahr wohl mal mit Toronto.