Venedig-Tagebuch George Clooney bekommt Konkurrenz


Der vorletzte Tag stand ganz im Zeichen von Hayao Miyazaki. Der japanische Regisseur wurde für sein Lebenswerk geehrt. Im Kino wurde derweil ein neuer Favorit auf den Goldenen Löwen gesichtet.

Nun ist er also doch noch gekommen, der große Regen. Wie ein mächtiges Durchatmen zwischen dem heutigen Ende des Wettbewerbs und der Löwen-Verleihung morgen Abend. Und als im Keller des Casinos der Raum mit den Pressefächern langsam vollzulaufen begann, vibrierte drei Etagen höher der Pressekonferenzraum unter dem ersten Donner, der eine Zehntelsekunde nach Marco Müllers Lobrede auf Hayao Miyazaki wie ein exakt getimter Tusch wirkte.

Die Begegnung der Journalisten mit dem japanischen Animationsgott ("Prinzessin Mononoke", "Chihiros Reise ins Zauberland"), der den diesjährigen Ehren-Löwen für sein Lebenswerk erhält, hatte eher etwas von einer Audienz für die Fans denn einer informellen Veranstaltung. Während einige, vor allem asiatische, Kollegen einfach nur ehrfürchtig ihre Bewunderung und ihren Respekt ins Mikro stammelten, versuchten andere das Unmögliche, nämlich dem notorisch pressescheuen und einsilbigen 64-Jährigen einigermaßen druckbare Statements abzuringen. Wobei sich der Meister als Virtuose der Zehn-Sekunden-Diplomatie erwies:

Warum sind in Ihren Filmen oft Frauen oder Mädchen die Helden?

Ich mag Frauen, weil sie geheimnisvoll sind.

Was halten Sie von europäischen und amerikanischen Animationsfilmen?

Sie sind inspirierend.

Welcher Ihrer Filme ist Ihnen am liebsten?

Fragen Sie einen Vater nach seiner Lieblingstochter? Ich liebe sie alle.

Der König hat gesprochen, lange lebe der König.

Ungleich komplizierter gestaltet sich die Beantwortung der Frage, wer morgen so gegen 19 Uhr zum König von Venedig 2005 ernannt werden könnte. Zuviel Mittelmaß tummelte sich dieses Mal im Mostra-Wettbewerb. Es steht zu befürchten, dass zumindest einer der drei italienischen Kandidaten in irgendeiner Kategorie vergoldet werden dürfte, da ja Preisvergaben immer auch mit Politik und Paritätsverwaltung zu tun haben. Qualitativ lieferten die Lokalmatadoren ein erschreckend einfältiges Bild des aktuellen Kinos aus dem Land Fellinis, De Sicas und Rossellinis ab.

Die italienischen Beiträge enttäuschen

Wie schon seine beiden Vorgänger, enttäuschte auch der letzte Beitrag dieses Jahres durch eine betuliche, altbackene, ohne Kraft und strahlkräftige Figuren erzählte Geschichte auf gehobenem Fernseh-Niveau. Pupi Avatis "La seconda notte di nozze" ("Die zweite Hochzeitsnacht") geht zurück ins zertrümmerte Bologna kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges, wo der smarte, hinterhältige Nino und seine Mutter Lilliana Unterschlupf in einer Kirche gefunden haben. Aus Verzweiflung über die entwürdigende Lebenssituation schreibt die Frau einen Brief an Giordano, den auf dem Land lebenden Bruder ihres verstorbenen Mannes, in der Hoffung, dort aufgenommen zu werden.

Der leicht retardierte, grundgute Schwager schreibt sofort zurück. Er liebt Lilliana seit seiner Kindheit und will die Chance nutzen, sie doch noch für sich zu gewinnen. Als die beiden nach einer langen Reise ankommen, gerät Lilliana in einen Gewissenskonflikt. Während ihr Sohn den tapsigen, wohlhabenden Giordano ohne mit der Wimper zu zucken auszunutzen versucht, ist die Mutter hin- und hergerissen zwischen der Aussicht auf ein komfortableres Leben und den Avancen ihres Verehrers, den sie schließlich heiratet, ohne wirklich tiefe Gefühle für ihn zu empfinden. Fühlt sich nach einem prächtigen Familien- und Historien-Drama an? Bene, aber Avati ist leider so weit entfernt von, sagen wir, Visconti, wie eine Strichmännchen-Zeichnung von Da Vinci.

Wer es im Laufe der 105 Minuten tatsächlich hinbekommen hat, nicht mit dem Kopf auf die Lehne des Vordersitzes zu schlagen, blendete sich einfach aus und beschäftigte sich mit der kniffligen Frage, ob Fernando Meirelles Adaption des John Le Carré-Bestsellers "The Constant Gardener" wohl einen Preis gewinnen wird. Kurz vor der Ziellinie hat George Clooneys Geheimfavorit "Good Night, And Good Luck" überraschenderweise doch noch einen ernsthaften Konkurrenten bekommen. Obwohl die Geschichte um einen Diplomaten (einziger Schwachpunkt: der etwas zu unterkühlt agierende Ralph Fiennes), der nach dem gewaltsamen Tod seiner Frau (grandios: Rachel Weisz) in Kenia den Kungeleien zwischen einem Pharma-Multi und der britischen Regierung auf die Spur kommt, weit entfernt ist von "City of God", hallt die Ästhetik des grandiosen Favelas-Dramas hier doch sehr stark nach.

Atemlos hetzt Meirelles bewährter Director of Photography César Charlone mit seiner Handkamera durch den Slum-Moloch von Kibera, in dem auf wenigen Quadratkilometern knapp eine Million Menschen leben, und fängt fiebrige, vibrierende Bilder ein, die in ihrer dokumentarischen Wucht selten in einem kommerziellen Film zu sehen waren. Dank dieses verstörenden Realismus und eines herausragenden Drehbuchs, das eine tragische Liebesgeschichte, einen nervenaufreibenden Thriller und eine Anklage gegen die erschreckenden Zustände im krankheits- und hungergeplagten Afrika zu einem homogenen Ganzen verbindet, ist Meirelles ein seltenes Meisterstück gelungen: ein Unterhaltungsfilm mit einer Message.

Und während nun die Jury darüber nachgrübelt, ob anspruchsvolles Publikumskino preiswürdig sein darf, mache ich das Beste, was man bei diesem Scheißwetter machen kann: ins Kino gehen.

Bernd Teichmann


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