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Woody Allen im Interview: "Ich werde nie sauer"

"Midnight in Paris" ist Woody Allens 41. Film - und in den USA sein kommerziell erfolgreichster. stern.de sprach mit dem Regisseur über schreiende Schauspieler, das Elend des Lebens und Sexappeal.

Mister Allen, wann waren Sie eigentlich das erste Mal in Paris?
1964, als ich noch Comedian war. Ich bin für das Drehbuch von "Was gibt's Neues, Pussy?" engagiert worden und sollte bleiben, falls sie noch mehr Witze brauchen. Der Film war schrecklich. Ich habe die Arbeit gehasst und mir geschworen, dass ich niemals wieder einen Film mache, wenn ich nicht Regie führen darf. Das war meine erste Paris-Erfahrung. Es gab ein paar Leute, die wollten in Paris bleiben und dort leben. Ich habe auch darüber nachgedacht, aber mir fehlte der Mut. Ich war ein Angsthase.

Das ist offensichtlich auch in die Geschichte von "Midnight in Paris" eingeflossen?
Ja, da kommt es her. Ich war wirklich beeindruckt von Paris. Ich kannte es ja nur aus Filmen, die amerikanische Version, wo die Leute sich dauernd küssen und Wein trinken und alles romantisch ist. Und als ich da war, war es wirklich so.

Warum kriegen Sie eigentlich jeden Schauspieler, mit dem Sie arbeiten wollen? So sieht es jedenfalls aus.
Weil Schauspieler mich lieben. Sie lieben mich aus denselben Gründen, warum Kinder einen Elternteil lieben, der nie Nein sagt. Wenn meine Kinder mit mir einkaufen gehen und sagen "Kauf mir dies, kauf mir das, kann ich das haben?", sage ich immer Ja! Und sie lieben mich. Wenn ein Schauspieler fragt "Kann ich das anziehen? Kann ich den Text ändern? Kann ich mich hier hinstellen?", sag ich Ja. Und sie lieben mich auch.

Werden Sie niemals sauer?
Niemals! Ich bin noch nie auf dem Set sauer geworden. Mit niemandem - nicht mit Technikern, nicht mit Kameraleuten und auch nicht mit Schauspielern. Ich bin noch nie laut geworden. Aber ich habe Schauspieler gefeuert.

Und wie macht man das auf die nette Art?
Wenn sie ihren Job nicht können, gebe ich wirklich mein Bestes. Er darf es immer wieder noch mal probieren. Ich gehe hin, rede mit ihm, und wenn das nicht hilft, dann versuche ich es hinten herum: Ich nehme das Drehbuch und sage: "Hm, was steht denn hier: 'Ich bin zuhause, Liebling…'" Ich spiele es dem Schauspieler vor, damit er weiß, wie ich es haben will. Ohne ihn dabei bloßzustellen. Und wenn er es dann immer noch nicht kann, dann feuere ich ihn.

Verlieren Sie denn im Privatleben mal die Beherrschung?
Ich verliere die Geduld mit Dingen, nie mit Menschen. Das werden Ihnen die Menschen um mich herum bestätigen. Aber mit Dingen bin ich wirklich schlecht. Ich mache eine Dose auf, und es funktioniert nicht, und ich schmeiße die ganze Dose runter, ich öffne eine Verpackung, der Duschkopf will nicht so wie ich, oder meine Schreibmaschine funktioniert nicht richtig. Da kann ich richtig sauer werden. Aber nie mit Menschen. Ich hasse es auch, wenn jemand sauer auf mich ist! Damit kann ich nicht umgehen.

War nie ein Schauspieler sauer auf Sie?
Doch. Das kommt vor. Ich habe mal in New York ein Theaterstück inszeniert, und da war ein italienischer Bühnenschauspieler, der ist am Ende auf mich losgegangen. Er hat mich während der Proben auf der Bühne vor allen anderen angeschrien. Dass ich nicht wüsste, was ich will, dass ich mal das eine, mal das andere sage. Das war echt unangenehm. Aber ich habe Haltung bewahrt und nicht zurückgeschrien.

(auf die Frage, ob er ihn gefeuert hat, antwortet Allen nicht)

Die Figuren in "Midnight in Paris" glorifizieren vergangene Zeiten. Waren die denn wirklich besser?
Die Goldenen Zwanziger und die Belle Epoque waren farbenfrohe Zeiten. Die Amerikaner idealisieren das gern. Charleston, die Kleidung, die Gangster und ihre Kanonen... Filme wie "Gigi" haben die Zeit als Paradies dargestellt. Wenn man aber genau hinguckt, waren das ziemlich schwierige Zeiten. Für einen Tag zurückzugehen, ist nett, ein Lunchausflug in die 20er vielleicht. Aber ich möchte da nicht leben. Die Leute sind an Tuberkulose und Syphilis gestorben, oder im Kindbett.

Ist heute also doch die beste Zeit?
Nein. Alle Zeiten sind schrecklich! Wir leben in schrecklichen, schrecklichen Zeiten! Aber der Zweite Weltkrieg war auch schrecklich und der Kalte Krieg auch.

"Midnight in Paris" ist aber eine ganz liebliche Geschichte. So schlimm kann es dann doch nicht sein.
Das ist Zufall. Ich hätte mir auch eine schrecklich tragische, traurige Geschichte ausdenken können. Außerdem finde ich den Film sehr traurig: Jeder will der Schrecklichkeit seines Lebens entkommen, denn wie Gil (der Hauptcharakter) selbst sagt: Die Gegenwart ist unbefriedigend, weil das Leben selbst unbefriedigend ist! In diesem Film geht es darum, in eine andere Zeit zu flüchten, in der man meint, glücklicher zu sein. Aber egal wann du lebst, du wärst es nicht. Du kannst nicht gewinnen. Du kannst nichts weiter tun, als nicht darüber nachzudenken und dich ausreichend abzulenken.

Dazu dienen wohl auch die sexy Frauen, die in Ihren Filmen immer herumlaufen.
Sex-Appeal ist das, wonach man in einer Frau sucht - so wie Frauen danach in einem Mann suchen. Sie sind nicht nur schön, sie sind nicht nur interessant, sie haben etwas Tieferes. Es gab Schauspielerinnen über die Jahre - ich nenne keine Namen - die wunderschön waren, doch überhaupt kein Sexappeal hatten. Aber selbst die mittelmäßigste Schauspielerin, die Sexappeal besitzt, kommt auf der Leinwand gut rüber! Deshalb ist es so wichtig für mich.

Sophie Albers
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