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ZDF-Serie "Kanzleramt": "Öffentlich-rechtliche Harmlosigkeit"

Zwischen 1999 und 2002 war Wolfgang Nowak Planungschef im Bundeskanzleramt unter Gerhard Schröder. Wer, wenn nicht er, kann sagen, ob die Serie auch etwas taugt?

Bundeskanzleramt, 8.30 Uhr
Über drei Jahre habe ich mehrmals in der Woche an der Morgenlage mit dem Chef des Kanzleramts teilgenommen. Sie ist unspektakulär. Vor ihm sitzen im Halbkreis die Berater. Sie diskutieren die Termine der kommenden Tage und leiden grundsätzlich an der Tagespresse. Sie wird oft schlimmer als ein Schicksalsschlag empfunden. Gemeinsam rätselt man, wer warum wieder den Medien etwas zugespielt hat. Der gerade angesagte übliche Verdächtige war es sicher.

Der Sicherheitsberater

gibt einen Überblick über die Weltlage. Berufsbedingt flüsternd ergänzt oder widerspricht der Geheimdienstkoordinator. Der Wirtschaftsberater zitiert sorgenvoll das "Handelsblatt".

Der Chef des Bundeskanzleramts

sitzt mit seinem Referenten vor einem Fenster, das den Blick auf Schienenstränge preisgibt. Aus dem Nirgendwo tauchen Züge auf und fahren ins Irgendwo. Manchmal verschwindet ein Zug im Hinterkopf des Referenten, verlässt ihn durch dessen Mund und rollt in den Kopf des Chefs des Kanzleramts. Koordiniert, wie alles im Raum - aber ohne Ziel. "Außer Kontrolle" heißt die erste Folge der ZDF-Serie "Kanzleramt", die so ganz anders als das wirkliche Leben im Kanzleramt ist. Sie beginnt mit einem Autounfall der Sicherheitsberaterin.

Danach verunglückt auch die Handlung. Ein Anruf im Lagezentrum des Kanzleramts hätte ihre Auseinandersetzung mit der Polizei stark verkürzt. Auch haben Kanzlerberater einen Dienstwagen mit Chauffeur, um auf dem Weg Akten lesen und telefonieren zu können. Davon aber weiß die Serie nichts. Es kommt noch schlimmer. Als hübsche Kopie von Bella Block klärt die Frau im Alleingang eine Geiselnahme in Südamerika auf. Das peinliche Verhör eines Billig-Revolutionärs lässt uns endgültig in einem schlechten Fernsehkrimi ankommen. Das ist einfach alles Quatsch. Die Wirklichkeit des Kanzleramts ist spannender: Bei einer Geiselnahme, etwa in Südamerika, tagt im Lagezentrum ein Krisenstab. Eine hochrangige Expertenrunde klärt unter der Leitung des Chefs des Kanzleramts in der Regel den Ernstfall.

Über das Lagezentrum ist sie weltweit mit befreundeten Regierungen vernetzt, manchmal wird sogar ein weiterer Stab in das

Krisengebiet

entsandt. Meist geht es um törichte Touristen, die das Abenteuer so lieben und sich und andere in Lebensgefahr gebracht haben. In einer Nebenhandlung der Folge kritisiert ein überforderter Forschungsminister die eigene Regierung. Im wirklichen Leben hätte er unter dem Druck einer höhnisch zustimmenden Opposition und angesichts eines Schlagzeilengewitters sehr schnell - nach einem Gespräch mit dem Chef des Kanzleramts - entweder gehen oder erklären müssen, er sei falsch zitiert worden. Weiteres Warten in einer solchen Situation würde den Kanzler politisch gefährden. Die Serie dagegen blendet die Realität aus.

Wir erleben das Drama eines Ministers, der seiner todkranken Frau nicht beistehen kann, woran er zu zerbrechen droht. An der Bahre steht ein mitfühlender Kanzler. Alles wird gut, will uns das Fernsehen sagen. Politik aber ist grausam, vor allem zu ihren Repräsentanten. Sie lässt Freundschaft nicht zu.

Ein realer Kanzler hätte nie so viel Zeit.

Er lebt in einem engen Zeitkorsett. Seine Tage sind minutiös auf Monate hinaus verplant. Nach der ersten Folge wollte ich keine weitere mehr sehen. Natürlich kann ein Film nicht das reale Kanzleramt zeigen. Aber ein falsches sollte es auch nicht sein. Vielleicht verdankt die Serie ihre öffentlich-rechtliche Harmlosigkeit der Tatsache, dass der leibhaftige Chef des Bundeskanzleramts Mitglied im ZDF-Verwaltungsrat war?

Immerhin: Eine weitere Folge stützt diesen Verdacht nicht. Eine für die Regierung schädliche Indiskretion wird realistisch dargestellt. So hat es sich vielfach in Staatskanzleien und im Kanzleramt ereignet. Die Methoden der schönen Enthüllungsjournalistin sind origineller als üblich - sie arbeitet als Honigfalle. Die Folge fängt die beklemmende Atmosphäre voller Misstrauen ein, die in der nächsten Umgebung des Kanzlers bei Indiskretionen entsteht.

Unter dem unerbittlichen Zeitdruck einer sich beschleunigenden Medienberichterstattung

erweist sich der Fernsehkanzler als zupackend handelnder Krisenmanager. Seine Politik droht dabei wie ein Kartenhaus zu zerfallen.

Wie er, die skrupellose Fraktionsvorsitzende und der Kanzleramtschef den Arbeitsminister vom gewerkschaftlich orientierten Bremser zum willigen Reformer machen, das ist schon toll und fast zu real. Hier ähnelt der Serienkanzler dem aktuellen, der ein Meister des Augenblicks ist. Abwehr von Indiskretionen, Reaktionen auf Spekulationen, Einfangen von Ministern, um Kurs zu halten, das sind wichtige Funktionen des Kanzleramts. Diese Folge ist spannend und gut recherchiert. Die Krise wird gemeistert. Die Serie fängt die Einsamkeit eines Kanzlers ein, der nie allein sein darf. Sein Zeitplan wird von anderen bestimmt. Sein Leben hängt von der Reaktion seiner Bewacher ab. Von allen Seiten wird er durch Berater mit Informationen gefüttert. Aber er kann sich nur auf sich selbst verlassen und muss es auch. Plötzlich entsteht Tiefe in einem gelegentlich seichten Film. In Erinnerung wird mir das nachdenkliche Schweigen des TV-Kanzlers nach den Schlagzeilen bleiben. So habe ich Gerhard Schröder erlebt und geschätzt. Bundeskanzleramt, am nächsten Morgen: Es regnet. Aber die Züge fahren trotzdem.

Ulrike von Bülow/Claus Lutterbeck / print