Henning Mankell exklusiv Nichts ist wichtiger als die Wahrheit


Henning Mankell veröffentlicht im aktuellen stern den dritten Teil seines Krebs-Tagebuchs: Dem Schriftsteller geht es etwas besser - dank der Chemotherapie und der Offenheit eines Arztes.
Von Henning Mankell

Die Nacht zum 24. März schlief ich schlecht. Ich machte mir Sorgen wegen dessen, was mir bevorstand. Am Vormittag wurde ich im Sahlgren'schen Krankenhaus geröntgt, und es wurden Blutproben entnommen. Um elf hatte ich einen Termin mit Dr. Bengt Bergman in der Lungenklinik. Es war mein drittes Gespräch mit ihm. Nun würde sich erweisen, ob die intensive Chemotherapie Wirkung zeigte oder nicht. Darauf komme ich zurück.

Ich hatte angefangen, ihn als "meinen" Arzt zu betrachten. Natürlich war ich auch mit anderen Ärzten in Kontakt gekommen, und alle wiederholten unisono, die Behandlung von Krebserkrankungen sei die Arbeit eines Teams, zu dem Krankenschwestern, Pfleger und Ärzte gehörten. Das stimmt natürlich. Krebsdiagnosen und die Behandlung sind außerordentlich kompliziert. Das Krankheitsbild jedes Einzelnen ist einmalig. Trotzdem war es wichtig, dass ich denselben Arzt sehen durfte, als kontrolliert werden sollte, wie sich die Chemotherapie entwickelte.

Gemeinsame Sprachebene mit dem Arzt

Eine häufige Kritik am schwedischen Gesundheitssystem lautet, dass die Patienten sich mit immer neuen Ärzten konfrontiert sehen. Ich kann die Kritik verstehen. Neue Ärzte bedeuten, dass man wieder von vorn anfangen muss in dem Bemühen, einen Dialog mit einem unbekannten Menschen aufzubauen. Das blieb mir bei Bengt Bergman erspart. Bei unserer dritten Begegnung hatten wir eine Sprachebene gefunden. Er wusste, wie ich redete und dachte, ich wusste, wie er sich ausdrückte.

Jetzt saßen wir in seinem Büro, es war elf Uhr. Er hatte die Proben und Röntgenbilder vom Vormittag ausgewertet.

Ich hatte die Hälfte der grundlegenden Chemotherapie absolviert. Der Grund für meine nächtliche Sorge war die Befürchtung gewesen, es könnte sich herausstellen, dass die Behandlung wirkungslos geblieben war. Was würde dann geschehen?

Chemotherapie hatte angeschlagen

Bengt Bergman wählte seine Worte mit Bedacht. Er wollte sich präzise ausdrücken. Nicht zu viel sagen, aber auch nicht zu wenig. Doch die Röntgenbilder sprachen eine deutliche Sprache; mein Tumor im linken Lungenflügel wuchs nicht weiter, hatte sich vielleicht sogar ein wenig verkleinert. Die Andeutungen karzinogener Störungen, die es in meinen Lymphknoten gegeben hatte, waren verschwunden.

Also hatte die Chemotherapie Wirkung gezeigt. Es sprach nichts dagegen, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen.

Bengt Bergman benutzte ein Wort zur Charakterisierung der Lage. "Wir können es als eine Atempause betrachten", sagte er.

Ich begriff augenblicklich, was er meinte. Die Lage war positiv einzuschätzen, aber es gab keinen Grund, den Tag vor dem Abend zu loben. Ich war immer noch krank, sehr krank. Doch es war den Medikamenten gelungen, den aggressiven Krebszellen Widerstand zu leisten.

Die Kraft der Heilkunst

Als ich das Krankenhaus an diesem Tag verließ, war ich natürlich erleichtert. Es war trotz allem so, dass die Behandlung Wirkung zeigte. Eine Atempause war wahrlich nicht zu verachten.

Am Abend erzählte mir meine Frau Eva Bergman von einem Radiobeitrag. Ein Arzt hatte über die Heilkunst gesprochen. "Die Menschen reden heutzutage kaum noch von Heilkunst", sagte sie. "Dabei geht es letzten Endes genau darum."

Sie hat natürlich recht. Ich lebe seit fast 70 Jahren und habe im Laufe dieser Jahre viel Erfahrung mit Ärzten gesammelt. Ärzten in verschiedenen Situationen, in verschiedenen Ländern. Ich glaube nicht, dass ich jemals einem richtigen Quacksalber begegnet bin, vor dem ich fliehen musste. Manche sind selbstverständlich kompetenter gewesen als andere, einige waren ungeduldig oder fast schon geistesabwesend, andere schienen alle Zeit der Welt zu haben.

Aber die Ärzte, die mir am deutlichsten in Erinnerung geblieben sind, haben sich durch das ausgezeichnet, was in meinen Augen das innerste Wesen der Heilkunst kennzeichnet - dass es bei Linderung, Trost, eventueller Heilung immer um einen Dialog geht, bei dem Patient und Arzt lernen, miteinander zu sprechen, und im besten Fall Kontinuität herstellen.

Geborgenheit statt Illusionen

Medikamente und andere Behandlungsformen sind niemals genug. Wenn der Patient nicht versteht, was der Arzt sagt, oder der Arzt sich nicht die Mühe macht oder in der Lage ist, die Fragen oder Sorgen des Patienten zu deuten, entsteht nie das gemeinsame Gespräch, das die eigentliche Bedeutung des Dialogs in der Heilkunst ist. Bengt Bergman wählt seine Worte mit Bedacht. Das bedeutet Geborgenheit, die auf einem Fundament aufbaut, nicht auf Illusionen.

Während ich dies schreibe, sind seit jener unruhigen Nacht zum 24. März fast drei Wochen vergangen. Morgen werde ich den vierten und letzten Zyklus meiner Chemotherapie beginnen. Mir geht es einigermaßen gut. Wenn man davon absieht, dass meine Blutwerte zeitweilig so schlecht waren, dass ich eine Bluttransfusion bekam. Aber ich habe mich nicht zuletzt deshalb so gut gefühlt, weil ich mich bei Dr. Bengt Bergman und seinem Team geborgen fühle. Gibt es etwas Wichtigeres für einen Krebspatienten, als die Wahrheit zu erfahren und den Worten wirklich zu glauben, denen er begegnet? Ich weiß beim besten Willen nicht, was das sein sollte.

Aus dem Schwedischen von Paul Berf print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker