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"Es wird schon wieder besser": Mit Musik gegen die Krise

Die Wirtschaft schwächelt. Miesepetrige Mienen beherrschen das Land. Da kommt eine Compilation mit 22 Krisenschlagern der Jahre 1929 bis 1934 gerade recht, die seinerzeit mit Galgenhumor zum Schwof gegen die Sorgen animierten.

In schlechten Zeiten wächst das Bedürfnis nach Zerstreuung und Amüsement. Das ist heute nicht wesentlich anders als vor rund 75 Jahren. Grund zum Grübeln gab es damals reichlich: Nach dem New Yorker Börsenkrach am 24. Oktober 1929 legte eine gigantische Wirtschaftskrise ihre Krakenarme um die Welt. Firmenzusammenbrüche, Armut, Arbeits- und Hoffnungslosigkeit: Auch Deutschland blieb davon nicht verschont.

Den Tonfilmstars aufs Maul geschaut

"Was tun?" fragte sich der kleine Mann auf der Straße. Im Zimmer sitzen und warten, bis sich das Wirtschaftswetter wieder aufgehellt hat? Es musste ja irgendwie weitergehen - und dabei half wie so oft nur die Musik. Der neue Tonfilm feierte seine ersten großen Erfolge, und was den flotten Stars über die Lippen kam, war vielen Deutschen Balsam für ihre gebeutelten Seelen. Die interessantesten Songs dieser Kategorie sind nun - liebevoll zusammengestellt - auf einer Compilation des Berliner Labels Pumpkin Pie Records erhältlich: "Es wird schon wieder besser". Die 22 Original Schellack-Aufnahmen überraschen durch erstaunlich gute Klangqualität, wurden sie doch digital bearbeitet.

"Wovon soll der Schornstein rauchen?"

Zu hören sind neben bekannten Tanzorchestern vor allem Filmgrößen der frühen deutschen Tonfilmjahre: Lilian Harvey und Dolly Haas, Willy Fritsch und Willy Forst, Paul Hörbiger, Max Hansen und viele andere. Titel wie "Ich habe leider kein Vermögen", "Es muss nicht Hummer sein", "Wir zahlen keine Miete mehr" oder "Wovon soll der Schornstein rauchen?" nehmen den Alltag auf melancholisch-ironische Weise auf die Schippe. Das ist zum Schmunzeln. Und manchmal schnippt man auch mit den Fingern dazu.

Das Booklet mit ergänzenden Texten zu Musik, Künstlern und Zeitgeschichte macht dagegen nachdenklich. Denn hier müssen die Herausgeber zaghaft eingestehen: "Historisch gesehen hat dann statt des Tanzens das Marschieren aus der Wirtschaftskrise herausgeführt - aber in ein unermessliches Kriegsunglück hinein." Was hier ergänzt werden müsste: Auch für einige der auf der Compilation versammelten Künstler wurde nach 1934 nicht wirklich alles besser.

Die jüdischen Stars Dolly Haas und Oskar Karlweis beispielsweise mussten nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten emigrieren und wurden damit um eine große Karriere gebracht. Auch Lilian Harvey floh 1939 aus Deutschland, nachdem sie einem jüdischen Choreographen zur Flucht verholfen hatte und daraufhin von der Gestapo vernommen worden war.

Und für Max Hansen kam es bei der Premiere von "Das häßliche Mädchen" 1933 zum von Nazis inszenierten Eklat: Der Entertainer wurde beschimpft und mit Tomaten beworfen. Anlass dafür war weniger die angebliche jüdische Abstammung Hansens. Vielmehr hatte dieser 1932 in seinem Schlager "Warst Du schon mal in mich verliebt?" Adolf Hitler als homosexuell verspottet. Humor heilt eben bei weitem nicht jeden. Schon gar nicht Menschen, die keinen Humor besitzen.

Antje Heidböhmer
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