"Fidelio" Das politisch Private


Beethovens einzige Oper "Fidelio" ist eine Ode an die Liebe - und an den Kampf gegen jede Form der Diktatur. Größer kann ein Werk dieser Gattung nicht sein.
Von Axel Brüggemann

Diese Oper ist Beethovens Lebenswerk gewesen. Die erste Aufführung des "Fidelio" 1805 wurde zum Fiasko, erst in der dritten Version von 1814 wurde die Oper zu dem, was sie auch heute noch ist: eine gigantische Ode an die Freiheit und die Liebe. Ein fein gesponnenes Drama über das Private im Politischen, eine Hymne an den idealistischen Menschen im Angesicht des Terrors. Im Schlusschor hören wir Beethovens klingendes Credo für Gerechtigkeit und Humanität, ähnlich wie im großen Schlusschor seiner neunten Sinfonie, in der er Schillers "Oder an die Freude" zum klassischen Menschheitsschlager verwandelt hat.

"Fidelio" ist eine merkwürdige Oper, die aus brav aufeinanderfolgenden Einzelnummern besteht: Arien, Duette, Chöre und gesprochene Dialoge verschmelzen zu einem Panoptikum menschlichen Strebens, tief empfundener Lieber und übermenschlicher Güte.

Leonore arbeitet unter dem Namen Fidelio als Mann verkleidet im Gefängnis von Sevilla, um ihren politisch inhaftierten Mann Florestan zu befreien. Doch der Plan gestaltet sich kompliziert. Marzelline, die Tochter des dumpfen, aber gutwilligen Gefängniswärters Rocco verliebt sich in den neuen Kollegen, ohne zu ahnen, dass es sich bei Fidelio um eine Frau handelt. Die Hochzeit wird bereits geplant.

Als Rocco den Befehl erhält, ein Grab für den Gefangenen Florestan auszuheben, darf Leonore den Alten begleiten. Obwohl der Gatte durch die Haft am Rande des Todes wandelt, erkennt Leonore den Geliebten und will Florestan mit Gewalt befreien. Doch die Flucht scheitert. Don Pizarro eilt herbei, um seinem Feind endgültig den Garaus zu machen. Dann künden Fanfaren den als deus ex machina erscheinenden Herrscher Don Fernando an. Er zeigt sich über die Folter in seinem Gefängnis schockiert, befiehlt die Amnestie und lässt den Chor eine Ode an die Gattenliebe singen.

So hehr und rein die Handlung daherkommt, so verschachtelt erzählt Beethoven sie. Ihm gelingt es, das Gefängnis als Schauplatz menschlichen Strebens anzulegen, in dem jeder seine eigenen Interessen verfolgt: Der eigentlich gutherzige Rocco versucht sich durch die Diktatur zu schummeln und seine naiv verliebte Tochter unter die Haube zu bringen. Don Pizarro arbeitet an einem grauenhaften Machtstaat und Leonore hat es sich zum Ziel gemacht, aus privater Liebe ein ganzes System zu stürzen. Das große Finale, in dem sich alles zum Guten wendet, instrumentiert Beethoven mit Pauken und Trompeten. Doch hinter seinem musikalischen Jubel verbirgt sich auch das Grauen des Menschen im Angesicht des Terrors.

Zentrales Stück für das Selbstverständnis einer Gesellschaft

Für Musiker und Regisseure ist diese Oper eine der größten Herausforderungen des Musiktheaters. Beethovens Werk ist ein zentrales Stück für das Selbstverständnis einer Gesellschaft: Welche Rolle spielt der Einzelne in einem politischen System? Wie können private Sehnsüchte und Leidenschaften die Welt verbessern? Wie lassen sich Terror und Diktatur durch Mut und Treue verhindern? Wie positionieren sich die Menschen zu dem Staat, in dem sie leben? Beethovens Ode an die "Gattenliebe" lässt keine pathetisch aufgeblasene Lesart zu, sie zwingt Musiker und Regisseure, auch die Unwägbarkeiten des Menschseins zu erzählen - das Klischee des Bösen, das in Don Pizarro angelegt ist und die Motivationen seiner naiven Helfer, Rocco und Marzelline.

Regisseur Jürgen Flimm wählt für seine Zürcher Inszenierung ein überzeitliches Sujet, reduziert die vertrackte Handlung auf große, stilisierte Bilder, in denen sich alle Menschen, egal von was sie getrieben werden, wie Gefangene bewegen. Zum großen Schlusschor vereint er allerdings Gut und Böse, führt die Menschen in tiefer humanistischer Einsicht zusammen, nicht ohne in den allgemeinen Jubel auch einen Funken Düsternis zu streuen.

Der Dirigent Nikolaus Harnoncourt lässt hören, dass Beethoven ohne seinen Vorgänger Mozart undenkbar wäre. Beethoven hat Mozarts Nummernoper weiterentwickelt und in seiner Musiksprache den Grundstein für das Musiktheater Richard Wagners gelegt. Seine einzige Oper ist ein Meilenstein der Musikgeschichte und fordert uns bis heute heraus, über das Private im Politischen nachzudenken.


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