Al Green Der scharfe Prediger


In den Siebzigern war Al Green der größte Soulsänger - und Frauenheld. Dann fand er Gott und wurde Priester. Nun ist er zurück mit einem furiosen Album. Ein Gespräch über Sünde, Sex und heißen Brei.

An sein linkes Handgelenk schmiegen sich goldene Ketten. Am Hals hängt ein brillantenbesetztes Kreuz. Al Green, der Soulsänger, der in den Siebzigern mit Hits wie "Let's Stay Together" zur Legende wurde, lacht und lacht und lacht. Jeder Satz, den er sagt, bringt ihn nur noch besser drauf. Wir sitzen an seinem Cheftisch in seinem Chefbüro: weiße Ledersessel, Platinschallplatten an den Wänden. Hier regelt Reverend Green, der sich vor vielen Jahren aus dem Musikgeschäft zurückgezogen hatte, die Belange seiner Gemeinde, der Memphis Full Gospel Tabernacle Church.

In diesem Jahr ist Al Green eine Zeitreise angetreten zurück in die frühen siebziger Jahre. Mit Willie Mitchell, dem stets betrunkenen Produzenten seiner Welthits, nahm er das fantastische Album "I Can't Stop" auf - in dem Studio, mit den Musikern, Instrumenten und Mischpulten, die ihn damals zum stilprägenden Sänger seiner Zeit machten. Es sind Al Greens erste weltliche Songs seit 26 Jahren.

Ihre neuen Songs klingen wie Ihre alten: Es sind die Lieder eines Mannes, der jede Frau kriegen kann - und seine Chancen nutzt.

Ich habe alle Abenteuer dieser Welt erlebt. Ob all die Mädchen, mit denen ich etwas hatte, in meine Kirche passen würden? Ich bezweifle es. Du erklärst einem Mädchen, dass die Sache nur eine Nacht lang dauern wird. Ihr habt Sex für ein paar Stunden. Hinterher streichelst du sie, verabschiedest dich höflich und schickst am nächsten Tag Blumen. Alles wunderbar. Aber ich habe zu viel Ärger gehabt, für mich kommt das nicht mehr infrage. Ich habe eine Frau und Familie, die ich liebe. Es interessiert mich nicht mehr, Mädchen flachzulegen.

Dennoch: "I Can't Stop" ist die ideale Musik zum One-Night-Stand.

Die Texte handeln von meiner Frau Yolanda und mir. Sie hat geklagt, Al, diese oder jene Strophe kannst du nicht singen, was sollen die Leute von uns denken! Aber ich habe ihr erklärt, dass kein Hörer die Hintergründe kennt. Wir haben uns manchmal so sehr gestritten, dass ich auf dem Sofa schlafen musste.

Eine Ihrer Exfreundinnen beging Selbstmord, weil Sie sie nicht heiraten wollten. Meinen Sie diese Geschichte?

Die arme Mary, Gott hab sie selig. Das war eine andere Zeit: 1974. Da waren Drogen im Spiel. Sie schüttete mir im Schlaf heißen Brei über den Körper. Ich fand dann einen Brief: "Ich will nur mit dir sein, Al. Auf Wiedersehen." Als ich aus dem Krankenhaus kam, war sie tot.

Nach diesem Vorfall suchten Sie Halt bei Gott?

Nein, das ist die Legende, aber sie stimmt nicht. Ich hatte meine Erleuchtung ein gutes Jahr zuvor. Wir waren auf Tour, traten nachmittags in San Francisco auf und abends in Anaheim. Das Leben war wie ein Rausch. Ich war berühmt, reich, überall gab's Champagner und Mädchen...

...ein Leben, das vielen Soulstars zum Verhängnis wurde: Otis Redding, Sam Cooke, Marvin Gaye starben jung. Und Gott hat Sie vor dem vorzeitigen Ende gerettet?

Aber sicher. Es passierte in einem Hotelzimmer im Disneyland Anaheim. Ich ging spät nachts zu Bett, vollkommen betrunken. Das Mädchen schickte ich weg. Im Traum erschien mir der Heilige Geist, und am nächsten Morgen sagte ich zu meinem Manager: Es ist aus, Gott hat mich gerufen, ich werde Prediger.

Kein Manager hört so was gern.

Ich hatte damals einen Hit nach dem anderen und habe eine Menge Leute zu Millionären gemacht. Sie überredeten mich weiterzumachen. Es hat dann noch lange gedauert, bis ich mein Leben endgültig ändern konnte. Erst als ich 79 von der Bühne stürzte, war Schluss. Gott hatte mir eine letzte Warnung gegeben.

Wie hat Ihr Entdecker, Lehrer, Produzent, bester Freund Willie Mitchell reagiert?

Mein guter Poppa Willie - ich habe ihm alles zu verdanken. Er hat mich als Anfänger überredet, Falsett zu singen, obwohl mir das zu weibisch war. Er war sauer, weil er so viel in mich investiert hatte. Er sagte: Was wir jetzt brauchen, ist nicht Gott. Wir brauchen ein paar gute Songs. Später haben wir eine Gospelplatte aufgenommen. Er hasst Gospel.

Wie war es, wieder mit ihm zu arbeiten?

Wir hatten immer wieder über ein Comeback gesprochen, aber ich habe mich nicht nach Liebesliedern gefühlt. In seinem Studio hat Willie seit 1976 nichts verändert. Ich glaube, er hat nicht mal den Müll rausgebracht, weil er wollte, dass der Sound so trocken und so stumpf bleibt wie damals. Er war strenger mit mir, er korrigierte mich hundertmal pro Song. Wenn ich mich beschwerte, sagte er bloß: Halt den Mund und hör dir den Song an, wenn er fertig ist. Er lag jedes Mal richtig.

Was sagt Ihre Gemeinde zur neuen Platte?

Ich habe die Lieder im Gottesdienst vorgesungen. Hinterher haben wir drüber gesprochen. Meine Gemeinde unterstützt mich. Gott will, dass wir uns lieben, sonst hätte er uns die Liebe nicht geschenkt. Der Al Green, der in der Kirche Gospels singt, ist genau derselbe, der früher die Mädchen jagte - nur weiser. Meine Gemeinde akzeptiert das.

Sind die Mädchen noch immer verrückt nach Ihnen?

Das ist ein Problem. Ich habe das Gefühl, dass diese Platte es nicht einfacher machen wird. An jedem Sonntag ist die Kirche voll. Ich trete von der Kanzel, da sprechen sie mich schon an. Junge, alte, hübsche, hässliche Frauen. Sie sind scharf auf mich. Aber in über 20 Jahren bin ich nie schwach geworden.

Fällt das schwer?

Es wäre eine furchtbare Sünde, wenn ich mich nicht im Griff hätte. Also bin ich lieber ein anständiger Pfarrer.

Interview: Lars Jensen

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