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Britney Spears' Europa-Tournee: Pubertierender Seiltanz

Es verspricht heiß zu werden: Auf Britney Spears Europa-Tournee "The Onyx Hotel" dreht sich alles nur um Sex. "Das ist alles nicht so gemeint, wie es aussieht", behauptet Amerikas berühmteste Jungfrau.

Typisch Mädchen, nichts anziehen und dann sagen, das sei nicht so gemeint. Kennt man von früher, Schulpartys, Cola-Rum und die Mädchen bauchfrei, ohne BH, nur so ein Top, doch wenn man ein bisschen daran fummelte gleich der Schrei "ieeh,lass das!" Mädchen sind so, wenn sie Frauen werden, sie meinen nie, was sie tun und umgekehrt. Und deshalb darf man nun auch die Meldungen, dass das Worldwide-Mädchen Britney Spears auf ihrer, im Mai in Deutschland rollenden Tour, unerhört Scharfes auf der Bühne vorführt, nicht so ernst nehmen. Sie hat zwar Netzstrümpfe und rosa Unterwäsche an und einmal kommt einer ihrer Tänzer nur im Slip und Stiefeln mit dem Kopf zwischen ihre Beine, wuselt da herum und Britney windet sich als ob sie einen..., ja genau, hat.

Alles nicht so gemeint, wie es aussieht

Aber das ist alles nicht so gemeint, wie es aussieht. Sagt jedenfalls Britney. Ihr Album "In the Zone", was sie mit der "Onyx Hotel Tour" besser verkaufen will, sei zwar persönlicher und auch "sexueller" als ihre anderen Werke, "aber vielleicht ist mir das unbewusst passiert, weil ich zur Zeit keinen Sex habe", sagt sie. Auf alle Fälle sei sie nicht "der Vamp und die Sex-Göttin" für die sie alle halten, überhaupt sagt Britney Spears ganz oft "das bin nicht ich, das ist jemand anders."

Nun denn, ökonomisch gesprochen tut dem 22jährigen Kind geschiedener Eltern die andere Spears ganz gut. Denn wenn ihre "Onyx"-Show auf europäische Bühnen kommt - allein London ist zweimal ausverkauft - werden zigtausende kleiner Mädchen zu den aerobischen Turnereien laut kreischen und tausende Väter zu den erotischen Vorführungen still seufzen, keinem anderen Popstar gelingt der hormonelle Brückenschlag zwischen den Generationen so perfekt wie Britney Spears, ganz so als würde Porno-Blondie Gina Wild bei "Gute Zeiten Schlechte Zeiten" mitspielen. An der Musik wird der Erfolg, zur Enttäuschung Spears, nicht liegen, die Show sei, so US-Kritiker, gesangesarm und playback-gesichert, was ihr eine gewisse musikalische Steifheit gebe und nur bestätigt, dass sich "In the Zone" trotz halbnackter Videos mit Flugzeugtoiletten-Sex und Badewannen-Suizid nur schleppend verkauft.

Nicht ganz repertoirefest

Ohnehin erschien die Ex-Freundin Justin Timberlakes im vergangenen Jahr nicht ganz repertoirefest, als sie einem Reporter des "Rolling Stone" vorschwärmte, ihr Lieblingssong auf ihrer Platte sei der, den ihr Komponist Moby geschrieben hätte. "Aha, wie heisst der Song?" wollte der Mann wissen. Pause. "Ähh, Morning? Ich glaube er heisst Morning, oder nein, All Morning, ja." Das Lied heisst "Early Morning", soviel dazu.

Aber egal, ganz soviel singen soll die Dollarmillionärin auf der Bühne sowieso nicht, sondern eigentlich nur sich selbst mit Textzeilen wie "Oh es ist so heiss, ich brauche frische Luft, aber Junge hör nicht auf, ich bin schon fast soweit..." oder "ich sehe, wie sich dein Körperteil hebt... und hebt" so bewegen, dass alle wissen, was gemeint ist. In den USA bekam die Petting-Oper schon das Prädikat "pornografisch" was Britney natürlich mit "alles nicht so gemeint" kommentierte. Ein pubertierender Seiltanz, der das Publikum bald ermüden könnte, weil die "Sex sells"-Strategie in "Sex smells"-Enttäuschung umschlägt. So hat sich eine gierige Spears-Gemeinde im Internet schon längst die eigene Realität geschaffen – von kaum einem anderen Mädchen kursieren soviele montierte und gefakte Porno-Bilder wie von Britney Spears, manche klobig zusammengezimmert, andere mit grosser Leidenschaft gemorpht und im Photoshop feingeschliffen. In Chat-Foren wird seit Jahren über wundersame Brustvergrößerungen und Schrumpfungen des Popstars diskutiert, und auf Paparazzi-Seiten werden die Knutsch-Schnappschnüsse Britneys mit Hollywood-Hengst Collin Farell, "er war nur ein Freund", hoch gehandelt. Als der Sänger der Band Limp Bizkit, Fred Durst, nach einer Wieauchimmer-Liäson mit Britney in der Radio-Show von Howard Stern recht ausführlich Form und Farbe von Spears Schambereich beschrieb und sich keiner sicher war, ob Satire oder Sextalk, war der Popstar endgültig das mentale Pinup der Nation.

Einige Nummern zu gross

Ein Dilemma, aus dem die "Baywatch"-Blondse und eigentlich Schauspielerin Pamela Anderson bis kurz vor Verfall viel Geld auf "Playboy"-Seiten machte, aus dem Britney Spears aber einen Ausgang sucht, der einige Nummern zu gross ist. Nach ihrem weltweit übertragenen MTV-Knutsch mit Madonna versucht sie nun mit der "Onyx"-Schau die legendäre "Blonde Ambition"-Tour Madonnas zu imitieren, eine pophistorisch fatale Idee. Denn die Kraft Madonnas war immer die Authenzität, ein vorgeführtes wahres, manchmal lustvolles, manchmal dreckiges Leben. Nie hätte sie gesagt "das bin nicht ich", sondern eher, "ich bin noch viel schlimmer". Sie hat Tabus gebrochen, was ihr Schwule und Lesben heute noch danken, sie hat Sex und dazu eine moderne Moral verkauft. Sie hat einmal den Schauspieler Sean Penn geheiratet und sich nach Lieben und Hieben wieder scheiden lassen. Britney Spears hat Silvester 2003 ihren Jugendfreund Jason Alexander in Las Vegas geheiratet und die Ehe sofort anullieren lassen, "das war nicht ich" mal wieder. "Klägerin Spears hat es an Verständnis für ihr Handeln gemangelt, sodass sie nicht in der Lage war, der Heirat zuzustimmen", kommentierte das Gericht später. Mangel an Verständnis für ihr Handeln – muss man im Kopf behalten, wenn sie sich auf der Bühne mit einem Mann zwischen ihren Beinen windet.

Jochen Siemens / print
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