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Element of Crime im Interview: "Einen Flop konnten wir uns nie erlauben"

"Immer da wo du bist bin ich nie" heißt das neue Album von Element of Crime. Im Interview sprechen Sänger Sven Regener und Drummer Richard Pappik über Songwriting, Trinkgewohnheiten und finanziellen Druck.

Vier Jahre sind seit dem letzten Album vergangen, eine lange Zeit. In was für einem Zustand befindet sich Element of Crime in der Zeit zwischen zwei Platten?
Sven Regener: Die ersten zwei Jahre nach der letzten Platte hatten wir alle Hände voll zu tun. Tourneen, Festivals, Zeltfestival-Tour. Und dann ist es gut, wenn man wieder aus der Öffentlichkeit verschwindet. Irgendwann fängt man schon wieder an, Songs zu schreiben.

Was passiert in der Band, wenn man nach so einer Pause wieder zusammenkommt?
Richard Pappik: Wir stellen uns unsere Ideen gegenseitig vor. Dann gibt es Tage, an denen sich ein paar ältere Herren mit akustischen Gitarren gegenüber sitzen. Und irgendwann muss es klicken.

Sven Regener:

Wir sind ja auch ganz traditionelle Burschen. Wir treffen uns nicht im Studio, wir treffen uns im Übungsraum. Das Entscheidende ist, dass man sich wieder mit Songs und Ideen beschäftigt. Wenn dann aber 2,3 Lieder fertig sind, dann nehmen wir die gleich auf. Danach geht es weiter. Alles in einem Rutsch aufnehmen, das können wir nicht mehr. Da kriegt man einen Koller.

"Immer da wo du bist bin ich nie" heißt nun das Album, wie schwer ist es, dem Baby einen Namen zu geben?
Sven Regener: Der Titel ist mit diesen Gegensätzen "Immer" und "nie" ein wenig sperrig und widersprüchlich. Das hat Rhythmus. Das zu entscheiden, ist aber nicht so leicht. Mit einem Plattentitel kann man die Hörer auf den falschen Weg schicken. Wenn man eine Platte "Blut im Stuhl" nennt und da sind romantische Balladen drauf, zieht man womöglich die falschen Leute an. (lacht)

Inwieweit spielt Routine beim Entstehen einer neuen Platte?
Sven Regener: Ich finde Routine nicht schlimm. Routine und Erfahrung helfen dir dabei, schneller festzustellen, was gefällt, was funktioniert und was nicht.

Richard Pappik:

Grundsätzlich ist die Beschäftigung mit der Musik, Routine hin oder her, ja auch die Auseinandersetzung mit etwas, das man liebt.

Bands behaupten gerne über ihr neues Album, es sei das Beste.
Richard Pappik: Meine Lieblingsalben von uns wechseln ständig. Wenn ich nach längerer Zeit mal wieder reinhöre, denke ich schon mal: "Mensch, das war aber eine tolle Platte." Man entdeckt Sachen neu. Aber dass die letzte immer die beste Platte ist, sehe ich nicht so.

Sven Regener:

Machen wir uns nichts vor. Musiker, die schon mehrere Platten draußen haben, werden das immer sagen. Die muss ja auch gekauft werden. Wenn ich jetzt sage, naja, die Platte ist eher so mittel, aber hört doch mal rein - das wäre doch ziemlich blöd. Ich mag es aber letztlich nicht, die eine gegen die andere abzuwägen.

Wie groß ist die Aufregung vor der Veröffentlichung?
Richard Pappik: Für die letzte gab es zum ersten Mal eine Goldene Schallplatte, da steht man natürlich noch mal mehr im Fokus. Aber man geht da heute sehr viel relaxter als früher ran.

Sven Regener:

Eins ist klar: Unsere Aufnahmen sind teuer. Eine Crime-Platte wird nicht zuhause am Computer aufgenommen, wir haben ein hohes Budget. Das muss die Plattenfirma bezahlen. Dass das dann funktioniert, ist wichtig. Wir konnten es uns nie erlauben, dass eine Platte von uns floppt. Nicht, weil man dann aus dem Geschäft raus ist. Das Boot hat vielleicht ein Leck, aber es geht nicht gleich unter. Aber es ist nicht gut, dass es negative Auswirkungen hat auf alle Leute, die daran gearbeitet haben. Steuern kann man das nur bis zu einem gewissen Punkt. Da kann am Ende auch einfach mal der Konsument versagen. (lacht) Das ist unsere Musik. Etwas anderes haben wir nicht zu bieten.

Herr Regener, Sie haben in der Zwischenzeit mit "Der kleine Bruder" ihr drittes Buch veröffentlicht. In Interviews pochen Sie gern darauf, dass das Schreiben und die Musik nichts miteinander zu tun hätten.
Sven Regener: Ich mache diese Band jetzt seit 1985, das ist mein halbes Leben. Überlegen Sie mal, wie lange es davon die Bücher gar nicht gegeben hat. Das ist doch völlig klar, dass das nichts miteinander zu tun.

Wie sieht es denn der Rest der Band?
Richard Pappik: Genauso.

Lesen Sie die Bücher denn nicht? Wird da gar nicht drüber gesprochen?
Richard Pappik: Ich hab wohl was davon gelesen, aber wir haben nicht drüber geredet.

Gab es nie Kritik? Oder vielleicht Lob?
Sven Regener: Nein.

Fehlt Ihnen das?
Sven Regener: Nö. Ich hab ja auch nicht danach gefragt. Ich glaube, das wäre mir peinlich gewesen. Was, wenn sie es scheiße finden? Was soll ich dann machen? Aus der Band aussteigen? Man muss das trennen. Umgekehrt weiß ich auch oft nicht, bei welchem Film Jakob (Jakob Friderichs, Gitarrist der Band, und Soundtrack-Komponist, die Red.) gerade so mitarbeitet. Richard macht auch viele Sachen, das meiste weiß ich gar nicht. Wichtig ist, dass jeder seinen eigenen Bereich hat.

Inwieweit sind Bier oder Rotwein die Schmiermittel für den Bandmotor?
Sven Regener: Beim Üben gar nicht. Man kann gar nicht mehr so viel saufen. Als 25-Jähriger war man ständig breit wie die Axt und ist so zum Auftritt. Wenn man jung ist, dann ist das toll und sexy. 20 Jahre danach wirkt so etwas eher tragisch. Wenn ich es weiter so treiben würde, wäre ich ein doofer, alter Sack.

Das 25-jährige Bandjubiläum steht bevor, im Herbst zeigt Arte die Regener-Doku "Mein Leben". Beginnt jetzt die Zeit der Lebensbilanzen?
Sven Regener: (verschluckt sich prustend am Kaffee)
Richard Pappik: Ich hoffe, das die Zeit der Preise fürs Lebenswerk noch nicht angefangen hat. Das wäre mir zu früh. Wie haben noch einiges vor.
Sven Regener: Ich hänge den 50. Geburtstag nicht an die große Glocke, aber ich verschweige es auch nicht. Mir fehlt vielleicht das Jubiläums-Gen. Eins ist klar: Von diesem Veteranen-Ding halte ich nichts. Die Ärzte machen das auch nicht, und die sind noch viel älter als wir. Eine Band funktioniert im Hier und Jetzt. Oder sie soll sich, verdammt noch mal, auflösen. Das ist auch nicht schlimm. Irgendwann ist auch mal vorbei. Ich habe es auch nie als Verdienst gesehen, dass wir so lange dabei sind. Es gibt uns noch, weil es hier und heute funktioniert.

Interview: Ingo Scheel
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