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Element of Crime: Verlässliche Begleiter, wenn's dunkel wird

Im 20. Jahr, mit der elften Platte und immer noch ohne den ganz großen Hit: Wer sich Element of Crime zu Gemüte führt, will etwas anderes als gehypeten Junkfood-Pop. Und landet vielleicht in Delmenhorst.

Seit ich dich kenne, mag ich es gerne
Wenn der Winter kommt - dann wird's früher dunkel
(Wenn der Winter kommt)

Wenn es Herbst wird, wünsche ich mir oft eine Platte, die mich umarmt und wärmt, wie es sonst nur die gute alte Decke kann, die immer auf dem Sofa liegt. Sie ist vielleicht vom vielen Knuddeln und Reinkuscheln schon ein bisschen abgeschabt, aber sie erfüllt noch prima ihren Dienst. Und weil manchmal Wünsche in Erfüllung gehen, gibt es tatsächlich eine Platte, die genauso verlässlich wärmt. Sie wurde von der sehr unspektakulären Band Element of Crime eingespielt und heißt "Mittelpunkt der Welt".

Keine Radio-Hits und doch erfolgreich

Die "Elements" machen seit über 20 Jahren Musik jenseits der Hitparadenpfade. Was sich wie typisches Promo-Geschreibe liest, ist eigentlich eine Sensation: Ohne richtigen Hit folgt Platte auf Platte, zuerst auf Englisch, seit 1991 auf Deutsch. Nun, mit Nummer elf, liegt wieder ein Album vor, das sicher nicht durch die Wirrnisse des Zwischenmenschlichen führt, welches keine Orientierungshilfe durch den Beziehungsdschungel gibt oder einem gar die Bedienungsanleitung für das eigene Leben vorgaukelt. Im Gegenteil: Der durch die "Herr Lehmann"-Bücher zu literarischer Berühmtheit gelangte Sänger Sven Regner knallt einem so schöne Sätze um die Ohren wie: "Ich bin jetzt immer da wo du nicht bist - und das ist immer Delmenhorst".

Denn die Stärke von Element of Crime liegt natürlich in den sehr eigenen Liebesliedern und den kleinen vertonten Geschichten über den bizarren Alltagswahnsinn: "In der Straßenbahn des Todes, die heulend sich zum Stadtrand quält, werde ich mich klaustrophobisch zwängen, weil auch die kleine Geste zählt". Dazu braucht die Band auch keine Video-Clips. "Es gibt überhaupt keinen Grund, warum Leute, die gute Musik machen, auch irgendwelche Filmchen dazu drehen sollen," ereiferte sich Regner in einem Interview.

Im Stil wieder schlichter

Er lässt lieber die Musik und die Texte für sich sprechen. Und da ist mit "Mittelpunkt der Welt" einiges schlichter geworden als noch auf dem Vorgänger "Romantik". Zwar liegt immer noch Sven Regeners charakteristische Stimme über allem, aber die Bläser sind nicht mehr ganz so aufwendig und auch die Streicher sind deutlich zurückgenommener. Das Quartett klingt wieder rauer und macht neugierig auf die Tour.

Und da gibt es viel zu erwarten, denn live sind Element of Crime einfach unschlagbar. Tief in meinem Herzen bewahre auch ich zynisches Menschenkind noch den Moment auf, als ich mein ganz privates Element-of-Crime-Schlüsselerlebnis hatte. Es muss der Herbst 1993 gewesen sein. Und selbst in Wien kann der Herbst ganz schön grau sein.

"Niemand ist gern allein mitten im Atlantik"

Nichts mit goldenem Wein, goldener Sonne und blauer Donau. Dafür sehr viel grauer Himmel, graue Wolken und graue Menschen. Und dann ein kleiner Rock-Schuppen, in den sich gefühlte 300 Leute mehr hineinpressten, als atemtechnisch möglich war. Für Wiener Verhältnisse unglaublich höfliche Menschen zerquetschten mich an der Wand, Sven Regener sang herzergreifend und zwei stadtbekannte Radiomoderatoren sanken tränenfeucht an meine Schulter. Auch trotziges trinken half da nicht mehr: Für die Dauer von knapp zwei Stunden hat mich Element of Crime zu einem besseren Menschen gemacht.

Karin Spitra
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