HOME

Erasure-Tournee: Synthieklänge im Märchenwald

Erasure, die Veteranen des Synthie-Pop, haben einen umjubelten Start ihrer Deutschland-Tournee hingelegt. Wie immer überzeugten sie mit ihrer Mischung aus Hymnen, Exzentrik und großem Kitsch.

Vorhang auf für die Synthie-Show: Zwischen knorrigen Papp-Bäumen erscheint Andy Bell im weißen Anzug und mit großen Engelsflügeln auf der Bühne, begleitet von zwei Backgroundsängerinnen im Schmetterlingskostüm. "Guten Abend meine Damen und Herren. Jetzt habe ich Gänsehaut!" Auf Deutsch führt der Sänger des britischen Pop-Duos Erasure durch das erste Konzert der Deutschlandtour in Berlin. 90 Minuten lang dauert die Bühnenshow vor 3500 Fans in der ausverkauften Columbiahalle. Von der ersten Minute an tanzt und singt das Publikum mit und feiert die Musiker nach jedem Song mit viel Beifall.

Neben Depeche Mode steht Erasure seit Mitte der 80er Jahre für gepflegten Synthie-Pop aus Großbritannien. Ex-Depeche-Mode-Mitglied Vince Clark, der im Konzert wie gewohnt fast regungslos an Synthesizern und Keyboards steht, hatte die Band vor genau 20 Jahren gegründet. Per Annonce suchte er damals einen Sänger und entschied sich aus über 40 Kandidaten für den gelernten Metzger Andy Bell. Bereits das Erasure-Debüt "Oh l’amour" wurde ein Hit. Mehr als 25 Millionen Alben hat das Duo seitdem verkauft.

Die Rollen sind klar verteilt

Auf der Bühne agiert der introvertierte Clark (43) im Hintergrund, der exzentrische Sänger Bell (41) zieht mit seinen gewagten Kostümen und heftigen Hüftbewegungen die Blicke auf sich. Die überdimensionalen Engelsflügel wirft er schnell ab, dann trägt er einen roten Overall mit einem bis zur Gürtellinie reichenden Ausschnitt. Nicht mehr zu halten sind vor allem die weiblichen Fans, als der Verwandlungskünstler nur noch im silbernen Glitzerhöschen auf der Bühne steht, sich mit zwei pinkfarbenen Feder-Fächern die nackte Haut bedeckt und wie eine Diva hin und her tänzelt. Dann greift er zur Wasserflasche und stellt fest: "Ich bin absolut klatschnass."

Obwohl Erasure auf der aktuellen Tour offiziell das im Januar erschienene Album "Nightbird" vorstellt, sind auch viele der 29 älteren Hit-Singles im Programm. Ob "Ship of fools", "Blue Savannah" oder "A little Respect": Die Pop-Hymnen hat Clark neu gemixt, sie sind ein wenig härter und elektronischer - und noch tanzbarer. Die neuen Stücke klingen auch nach 80-er und 90er-Jahren, werden aber vom Publikum verhalten aufgenommen, ausgenommen die aktuelle Single "Breathe".

Überrascht sind die Fans, als der Sänger der Popgruppe klassische Töne anschlägt. Mit tiefer Stimme und ganz ohne Synthie-Klänge interpretiert Bell das "Ave Maria". Die Fans hüpfen nicht mehr, sondern hören gebannt zu. Ebenso unerwartet kommt eine Gesangseinlage von Multi-Instrumentalist Clark. Er singt in einen nostalgischen silbernen Telefonhörer, seine verzerrte Stimme ist mit elektronischen Klängen unterlegt. Die Stimme der Band ist derweil zu einem weiteren Kostümwechsel hinter der Bühne verschwunden.

Sophia-Caroline Kosel/DPA / DPA