VG-Wort Pixel

ESC 2012 soll Image aufpolieren Glamour gegen Menschenrechtskritik


Baku erstrahlt als Gastgeber des Grand Prix in opulentem Glanz. Einheimische fühlen sich, als wären sie in einem anderen Land. Doch Aserbaidschan steht wegen Menschenrechtsverstößen weiter in der Kritik.

Die Kristallhalle am Kaspischen Meer ist das neue Wahrzeichen der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku. Stolz zeigen Spaziergänger auf das hochmoderne Konzertgebäude, das für den Eurovision Song Contest (ESC) in Rekordzeit errichtet wurde. Arbeiter pflanzten am Dienstagabend noch Blumen ein, als schon Gäste in feiner Garderobe zum ersten Halbfinale erschienen. Für die Regierung ist das Pop-Event am Samstag eine einmalige Chance, vor 125 Millionen Fernsehzuschauern weltweit zu glänzen. Doch die breite internationale Berichterstattung über Menschenrechtsverletzungen verärgert die Führung.

In der bisher östlichsten Gastgeber-Stadt des jährlichen Schlagerfestivals ist das Eurovisionslogo allgegenwärtig. Es prangt auf der neuen Flotte der schwarzen Taxis ebenso wie auf den Bildschirmen der Metrobahnsteige. Hinter der Kristallhalle ragt ein riesiger Flaggenmast 162 Meter in den Himmel. Auf der anderen Seite der Bucht wurden für umgerechnet 278 Millionen Euro die drei so genannten Flame Towers hochgezogen, die nachts ein synchronisiertes Lichtspektakel mit den Flaggen aller ESC-Teilnehmerländer bieten.

Verantwortlich für die Turbo-Modernisierung der Hauptstadt ist Präsident Ilham Alijew, der das Land seit 2003 mit eiserner Hand regiert. Finanziert wird der Bauboom mit Gewinnen aus dem Ölgeschäft. Die Straße vom Flughafen in die Stadt führt an Bohrtürmen vorbei, die Luft riecht nach Öl. Der mehrheitlich islamische Staat hat außerdem strategische Bedeutung durch die Pipelines, die Gas auf die europäischen Märkte bringen.

Festnahmen und Proteste vor dem Halbfinale

Auch viele Einwohner sehen den Song Contest als Chance, ihrer Stadt zu mehr internationaler Aufmerksamkeit zu verhelfen. "Wir sehen viele Touristen hier, wir sehen, dass sie unsere Stadt, unser Land mögen", sagt die 18-jährige Jurastudentin Ajgun stolz. Kakma Koguaschwili, Mitarbeiter eines Verkehrsunternehmens, lobt die Arbeiten für das Mega-Ereignis: "Es gab eine Menge Veränderungen, um den ESC richtig auszurichten. Viel wurde gebaut, neue Straßen, neue Gebäude, riesige Hotels."

Die glitzernden Fassaden sollen über die Kontroversen im Vorfeld des Turniers hinweg täuschen. Nach Oppositionsangaben nahm die Polizei am Wochenanfang bei ungenehmigten Kundgebungen 40 Menschen fest. Mehrere sollen geschlagen worden sein. In den vergangenen Wochen machten Berichte über eine aserbaidschanische Journalistin Schlagzeilen, deren Recherchen über die Geschäfte der Präsidentenfamilie mit einem heimlich über sie gedrehten Sexvideo gestoppt werden sollten. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch sind zurzeit mindestens 18 Journalisten und Aktivisten in Haft.

Präsidialamtsvertreter kritisiert deutsche Berichterstattung

Präsidialamtsvertreter Ali Hasanow reagierte Anfang der Woche empört: Vorwürfe von Amnesty International und Human Rights Watch seien haltlos und erfunden. "Wenn diese Organisationen so weiter machen, laufen sie Gefahr, das Vertrauen der Bürger von Aserbaidschan zu verlieren, weil die Leute hier sehen, dass dies nichts zu tun hat mit der eigentlichen Lage im Land", sagte Hasanow. Insbesondere die Berichterstattung deutscher Medien nannte er "negative, anti-aserbaidschanische Informationspolitik".

Bürgerrechtler erklären die Charmeoffensive dagegen bereits für gescheitert, die dem größten kulturellen Ereignis seit der Unabhängigkeit der ehemaligen Sowjetrepublik vorausging. "Die falsche PR-Kampagne der aserbaidschanischen Behörden hat nicht funktioniert", sagt Rasul Dschafarow von der Kampagne "Sing for Democracy", die neben der Popmusik auch die Politik ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken will. Ob das reicht, um Reformen anzustoßen, ist fraglich: Der Regierung sei ihr Image zwar wichtig, sagt Lawrence Sheets von der Denkfabrik International Crisis Group. Doch der Reichtum des Landes erlaube es der Führung, ausländische Kritik weitgehend an sich abtropfen zu lassen.

Anna Malpas und Elman Mamedov, AFP AFP

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker